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Bluttat in München : Amoklauf lange geplant

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Münchener Bluttat löst Debatte über die Verschärfung von Sicherheitsmaßnahmen aus

Der Amokläufer von München hat seine Tat ein Jahr lang akribisch vorbereitet und dazu wie der norwegische Massenmörder Anders Behring Breivik ein Manifest verfasst. Einen politischen Hintergrund schlossen die Ermittler gestern aber aus.Zur Vorbereitung seiner Bluttat reiste der psychisch kranke 18-Jährige auch nach Winnenden, den Ort eines früheren Amoklaufs. Seine Opfer, die überwiegend aus Migrantenfamilien stammen, suchte er sich nach bisherigen Erkenntnissen nicht gezielt aus.

Die Bluttat löste am Wochenende in Deutschland eine Debatte über die Verschärfung von Sicherheitsmaßnahmen aus. Unions-Politiker forderten mehr Videoüberwachung, die Stärkung der Sicherheitsbehörden und den Einsatz der Bundeswehr bei Terroranschlägen. Auch schärfere Waffengesetze und Maßnahmen gegen Gewaltverherrlichung in Computerspielen sind wieder im Gespräch.

Der Amoklauf hatte am Freitagabend ganz München in Angst und Schrecken versetzt. Der 18-jährige Täter schoss in und vor einem Einkaufszentrum in der Innenstadt sowie in einem Schnellrestaurant um sich, tötete neun Menschen – überwiegend Jugendliche – und anschließend sich selbst. Drei Menschen schwebten noch in Lebensgefahr. Insgesamt gab es 35 Verletzte.


Caffier für mehr Videoüberwachung


Der Innenminister von MV, Lorenz Caffier (CDU), hat sich nach dem Amoklauf für eine verstärkte Videoüberwachung ausgesprochen. Auch Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) zeigte sich erschüttert von den Ereignissen. Um solche schrecklichen Taten bereits im Vorfeld zu erkennen oder zumindest ihre Folgen abmildern zu können, müsse man sich politisch entscheiden, „ob wir zukünftig mehr Sicherheit oder mehr Datenschutz in Deutschland haben wollen“, sagte Caffier. „Ich bin ganz klar dafür, die Videoüberwachung im öffentlichen Raum deutlich auszuweiten, zur Gefahrenabwehr und um damit Amokläufer und Terroristen und extremistische Gewalt schneller stoppen zu können.“ Caffier betonte, die Interventionsstrategie in MV bestehe darin, nicht erst abzuwarten bis Spezialkräfte verfügbar seien. Jede Polizeibeamtin und jeder Polizeibeamte müsse in der Lage sein, bei einer Lage wie in München unverzüglich zu handeln. „Wir müssen unsere Polizei auf solche Einsatzlagen hin daher noch besser ausstatten, auch wenn das viel Geld kostet“, machte Caffier deutlich.

Ministerpräsident Sellering erklärte: „Solche Wahnsinnstaten dürfen nicht dazu führen, dass Angst und Schrecken unser Leben dominieren.“

Was tun gegen Amokläufer?

Er ist psychisch krank gewesen und hat seine Bluttat lange und akribisch geplant: Für den Tag seines Amoklaufs in München wählte der 18-Jährige den fünften Jahrestag des Breivik-Massakers in Norwegen. Sind Staat und Gesellschaft schlicht machtlos gegen Einzeltäter wie Ali David S.? Oder könnten schärfere Waffengesetze oder ein Verbot von „Baller-Spielen“ mehr Sicherheit schaffen? Hintergründe  von Tobias Schmidt.

Wer war der Täter und warum lief er Amok?

Anders als der Attentäter von Nizza und der Zug-Angreifer von Würzburg hatte Ali David S. kein islamistisches Motiv. Auch seine iranischen Wurzeln spielten offenbar keine Rolle: „Ich bin Deutscher“, rief er während seiner Tat. Es handelte sich nicht um einen politisch motivierten Anschlag, sondern um einen persönlich motivierten Amoklauf. Der 18-jährige Deutsch-Iraner wollte sich womöglich an Mitschülern rächen, die er über Facebook gezielt in ein McDonald’s-Restaurant gelockt haben soll. Laut Ermittlern litt er an Depressionen  und bereitete seine Tat akribisch vor: In seinem Zimmer lag das Buch „Amok im Kopf – Warum Schüler töten“.

Wie kam der Täter an die Waffe?

Die Tatwaffe war eine „Glock 17“ Kaliber neun Millimeter, aus der mindestens 57 Schüsse abgegeben wurden. Im Rucksack des Täters wurden noch 300 Schuss Munition gefunden. Die „Süddeutsche Zeitung“ berichtete gestern, es habe sich um eine wieder schussfähig gemachte einstige Theaterwaffe aus der Slowakei gehandelt, die sich der Täter im „Darknet“ besorgt haben soll – einer verborgenen Welt im Internet, zu der man nur mit Spezialkenntnissen und besonderer Software Zugang bekommt und in der Kriminelle Waffen, Drogen oder Kinderpornografie anbieten.

2002 tötet ein Schüler in Erfurt 16, 2009 ein 17-Jähriger in Winnenden 15 Menschen. Gibt es Parallelen?

In den beiden vorherigen schweren Amokläufen waren die Täter Schüler mit psychischen Schwierigkeiten und wenigen Sozialkontakten. Ali David S. hat sich intensiv mit Winnenden befasst, er soll an den damaligen Tatort gefahren und dort Fotos gemacht haben. Als schlimmes Vorbild diente ihm auch der Norweger Anders Behring Breivik, der  vor genau fünf Jahren  77 Menschen getötet hatte. Breiviks rechtsextremistisches und islamfeindliches „Manifest“ fand sich laut Medienberichten auf dem Computer des Amokläufers.

Sollte uns auch die Bundeswehr gegen Amokläufer schützen?

Ja, meint der bayrische Innenminister Joachim Herrmann (CSU), und fordert ihren Einsatz zur Terrorbekämpfung. In extremen Situationen wie Freitagabend wäre es „völlig unbegreiflich“, wenn gut ausgebildete Soldaten nicht eingesetzt werden dürften, „obwohl sie bereitstehen“, sagte er. Der CDU-Innenpolitiker Wolfgang Bosbach ist dagegen: München habe gezeigt, dass das nicht notwendig sei, „gerade weil die Polizei und insbesondere die Anti-Terroreinheiten in beeindruckender Weise rasch und konsequent reagiert haben“. Am Freitagabend war die Polizei-Spezialeinheit GSG 9 im Einsatz, auch Spezialisten aus Österreich halfen. Laut Bundesverteidigungsministerin  von der Leyen (CDU) war am Freitag bereits eine Feldjäger-Einheit der Bundeswehr in Bereitschaft, griff aber nicht ein. Von der Leyen will Soldaten und Polizisten gemeinsam üben lassen, „damit das Zusammenspiel im Ernstfall funktioniert“. Bei parallelen schweren Anschlägen an mehreren Orten lasse das Grundgesetz dies zu.

Werden Amokläufer durch Gewaltspiele am Computer inspiriert?

Der Unions-Fraktionschef Volker Kauder (CDU) sprach sich dafür aus, Computer-Gewaltspiele zu begrenzen. „Diese Egoshooter-Spiele müssen einmal hinterfragt werden.“ Rufe nach schärferen Regeln gab es schon nach dem Amoklauf von Erfurt vor 14 Jahren, weil Robert S. damals genau wie in einem Computerspiel vorgegangen war. Auch Ali David S. soll intensiv Egoshooter-Spiele genutzt haben, bei denen Spieler mit verschiedenen Waffen  Gegner niedermetzeln.

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