Streitbar : Alter schützt vor Widerspruch nicht

Edzard Reuter, der frühere Vorstandsvorsitzende der Daimler AG, hat Angst davor, dass es knallt.
Edzard Reuter, der frühere Vorstandsvorsitzende der Daimler AG, hat Angst davor, dass es knallt.

Der Ex-Daimler-Chef Edzard Reuter klagt in der Süddeutschen Zeitung den heutigen Kapitalismus an – mit steilen Thesen, meint Jan-Philipp Hein.

svz.de von
09. September 2017, 16:00 Uhr

Schlaue Leute streiten sich um die Herkunft des folgenden Aphorismus: „Wer mit 20 Jahren nicht Sozialist ist, der hat kein Herz, wer es mit 40 Jahren noch ist, hat keinen Verstand.“ Die einen meinen, der Satz gehe auf den ehemaligen britischen Premierminister Winston Churchill zurück, andere halten den ehemaligen französischen Ministerpräsidenten Georges Benjamin Clemenceau für den Urheber. Überhaupt keine Rolle spielt, dass der Satz offensichtlich nicht vollständig ist. Denn der Verstand dient oft nur für eine Teilstrecke des Lebens als Zugang zum Verständnis der Welt.

Und so müsste das ganze Zitat eigentlich noch einen dritten Teil haben und so lauten: „Wer mit 20 Jahren nicht Sozialist ist, der hat kein Herz, wer es mit 40 Jahren noch ist, hat keinen Verstand und wer im Ruhestand nicht wieder zum Sozialisten mutiert, der wird nicht interviewt und nicht in Talkshows eingeladen.“

Damit wären wir beim einstigen Daimler-Chef Edzard Reuter, der nun auf den Spuren derer ist, die sich im Alter selbstkritisch, klug und weise geben und so noch einmal Schlagzeilen machen. Ebenfalls auf diesem Pfad lustwandeln Ex-CDU-General Heiner Geißler, der vom Scharfmacher zum Prediger mutierte, sein Parteifreund Jürgen Todenhöfer, der vom rechten Hardliner aus der Panzer-CDU zum Friedensaktivisten wurde oder Karl Ludwig Schweißfurth, der seine Riesenwurstfabrik Herta verkaufte und seitdem in Ökolandbau macht. Nichts mögen Redaktionen lieber als reumütige Kapitalisten und Konservative.

Reuter gab nun der „Süddeutschen Zeitung“ ein Interview, in dem er, der einstige Dax-Vorstand, das Klagelied über den Kapitalismus anstimmte. Wenn wir nicht nachsteuern, so warnte Reuter, werde es in Europa bald selbstverständlich wie in den USA sein, dass „unter Brücken arme Schlucker hausen und oben Millionäre drüberflanieren“. Vielleicht sollte der gute Mann mal öfter aus seiner Stuttgarter Idylle entfliehen und sich in deutschen Großstädten umsehen. Dass Schlafende unter Brücken kein amerikanisches Phänomen sind, wäre eine seiner ersten Erkenntnisse. Er habe Angst davor, dass es knallt, sagt Reuter weiter. Und zwar wegen eines Gefühls: „Die Gesellschaft ist nicht mehr fair und anständig.“ Die Lösung: „Bis zu 60 Prozent Steuern für Spitzenverdiener.“

Es sind nicht nur die falschen Analysen und die vermeintlich patenten Rezepte, die an diesen guten Ratschlägen und Mahnungen nerven, es ist vor allem das Reaktionäre. Wenn Reuter sagt, eine gesunde Wirtschaft hänge auf Dauer entscheidend davon ab, „dass die Mitarbeiter Vertrauen haben können, dass ihr Unternehmen menschlichen Anstand kennt und ethische Grundsätze hat“, dann ist das eine etwas elaborierte Form von „damals war alles besser“, die er noch auf die Spitze treibt, indem er heutigen Firmenlenkern ein Klischee aufdrückt: „Die einseitig gestrickten Leute hingegen, die jederzeit erreichbar sind und Tag und Nacht nur an den eigenen Erfolg denken, die können Unternehmen nicht kompetent führen, auch weil sie schnell falschen Anreizen unterliegen.“ Denn das war ja damals, als noch Männer seines Schlages auf den Brücken der dicken Industriedampfer standen, alles ganz anders. Dabei wird sich auch der Ex-Vorstand Reuter an harte und brutale Auseinandersetzungen mit Gewerkschaften und Betriebsräten erinnern können, die seine Vorgängergeneration wiederum als Verfall des Abendlandes rheinisch-kapitalistisch-bundesrepublikanischer Prägung erkannt hätten.

Es gibt neben dem Altersstarrsinn und der Altersweisheit eine schwer unterschätzte Gefahr: Altersselbstgerechtigkeit. Die von keinerlei Selbstzweifeln geplagten Prediger vom Schlage Todenhöfer, Geißler oder auch Oskar Lafontaine (der durchaus mal eine pragmatische Phase im Leben hatte) suchen die Öffentlichkeit nicht mehr, um zu diskutieren und einen Streit um bessere Ideen zu führen. Sie wollen stattdessen ihre Wahrheiten verkünden und suchen Jünger, die ihnen folgen. Wer sich mal wieder die Zeit beim Warten aufs Boarding einer Air Berlin-Maschine vertreiben muss, kann ein paar Minuten auf Todenhöfers Facebookseite vorbeischauen und eine Sekte mit knapp 750  000 Mitgliedern beim Selbstgespräch bestaunen. Die Zeremonien und Botschaften sind immer identisch: Die Welt ist aus den Fugen und die USA haben schuld – egal ob es um Nordkorea, den Nahen Osten oder Terror in Europa geht. Und dass Heiner Geißler beim Ausbreiten seiner Gedanken nicht mehr mit lästigen Zwischenfragen oder Zweifeln belästigt werden will, verdeutlicht er mit einem rhetorischen Mittel. Fast jede Aussage bindet der ehemalige CDU-Kampagnenchef, über den Willy Brandt einmal sagte, bei ihm handele es sich um den schlimmsten Hetzer Deutschlands seit Goebbels, mit den Worten „nicht wahr“ ab. Als Frage sind die beiden Worte natürlich nicht gemeint. In der Generation ist man bekanntlich für Antworten zuständig.

So geht der Planet wahlweise an der Gier, an der Massentierhaltung oder dem Imperialismus zugrunde. Und das haben sie, die älteren Herrschaften in den Stühlen der Talkshowstudios oder den Ohrensesseln ihrer Wohnzimmer, in denen sie Interviewer empfangen, freundlicherweise für uns dank ihrer Lebenserfahrung und der daraus entstandenen Weisheit entdeckt und sind nun so frei, es für uns zu formulieren. Ein Akt der Selbstaufopferung. Nur handelt es sich meist eben nicht um Einsichten aus Klugheit, sondern um die Kapitulation vor einer Welt, die, soviel Binse muss sein, immer komplexer wird.

Das soll hier nicht die Kampfschrift eines arroganten Enddreißigers werden, der die Gnade seiner späten Geburt nun nutzt, um einen Generationenkampf anzuzetteln. Es geht aber doch darum, dass für alle Beteiligten am Diskurs auch die gleichen Regeln gelten. Deshalb gilt: Alter schützt vor Widerspruch nicht.

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