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Streitbar: #Brexit : Alte entscheiden – Junge löffeln aus?

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Auch der Brexit zeigt: Wer sich dem politischen System entzieht, muss mit dessen Entscheidungen leben

Viel wurde seit dem Brexit-Referendum darüber geklagt, dass alte Briten den Jugendlichen im noch Vereinigten Königreich ihr langes Restleben versaut hätten. Die Zahlen gaben das her – jedenfalls bei ausreichend oberflächlicher Betrachtung. So stimmten 73 Prozent der Wähler zwischen 18 und 24 Jahren klar für den Verbleib Großbritanniens in der Europäischen Union. Eine Altersgruppe höher, bei den 25- bis 34-Jährigen, stimmten immer noch 62 Prozent für Remain und gegen den Austritt. Und auch noch ein Lebensjahrzehnt drüber, da wo die Jugend so langsam ausklingt, die Hosen wieder breiter und die Tätowierungen wieder verdeckt werden, führten die EU-Befürworter mit 52 Prozent. Das Abstimmungsverhalten kippte erst bei der Gruppe der Wähler zwischen 45 und 54 Jahre, die zu 56 Prozent mit Leave votierte. Auch alle weiteren Altersgruppen in Richtung Tod wollten sich von Brüssel scheiden lassen. Ganz klar: Alles sah nach einem Sieg der Gerontokratie über die britische Jugend aus.

Logisch also, dass sich in der ersten Schockwelle nach Bekanntwerden des Ergebnisses mehr oder weniger sachliche Kritik und Wut entluden: „Ich bin so wütend“, twitterte ein junger Brite und stellte fest, dass Generationen, denen kostenlose Bildung, goldene Pensionen und soziale Mobilität geschenkt worden seien, jetzt seiner Generation die Zukunft verbaut hätten. Tausende Male wurde der Beitrag geteilt. Im anschwellenden Generationenkampf forderten die einen Wahlverbote für Senioren, die anderen beklagten den Egoismus der Älteren. Natürlich auch in Deutschland. Bei „Bento“, eine Art Kinderkanal von „Spiegel Online“, war zu lesen, dass der Nationalismus zurück und die Vision des vereinigten Europa zerbrochen sei: „Schuld daran sind die Alten, sie haben der Jugend die Zukunft gestohlen“, hieß es im Text, der ein gutes Beispiel dafür ist, dass insbesondere steile Thesen noch mal gründlich geprüft werden sollten, bevor man sie in die Welt posaunt.

Denn richtig ist was anderes: Es waren nicht die Senioren, die die Jugend gelinkt haben. Die britische Jugend hat ihre Zukunft einfach nur verpennt. Unter der Oberfläche gibt es nämlich noch weitere und aufschlussreiche Daten. So steigt in den Wahlanalyse-Grafiken mit wachsendem Alter der Wahlberechtigten nicht nur der Europafrust, sondern auch die Bereitschaft, vom Wahlrecht Gebrauch zu machen. Oder andersrum: Je jünger, desto desinteressierter waren die Briten am Referendum. Gerade mal eben ein Drittel der Wahlberechtigten zwischen 18 und 24 hat sich am Schicksalsdonnerstag aufgerafft, zur Wahl zu gehen – 36 Prozent nämlich. Das ist erbärmlich. Statt die alten Säcke zu beschimpfen, sollten sich die Jugendlichen lieber fragen, was mit ihnen selbst nicht stimmt.

Der junge Brite von vorhin hätte also eher twittern können, wie sauer er auf die eigene Generation ist. Er hätte sagen können, dass diese Generation im eigenen Land und im eigenen Leben nie Krieg erleben musste, sie besser ausgebildet und international vernetzter als jede Vorgängergeneration ist und das alles offenbar nicht zu schätzen weiß. Sie ist nämlich politisch desinteressiert, nicht engagiert, es ist ihr schlicht und einfach egal. Natürlich ist das kein Phänomen, das nur auf Großbritannien beschränkt ist. Auch bei uns ist das Problem akut: „Seit Langem ist bekannt, dass das Lebensalter die politische Partizipationsbereitschaft und die Beteiligung an Wahlen beeinflusst. Jüngere Menschen wählen seltener als ältere“, stellte auch für Deutschland bereits die Bundeszentrale für politische Bildung fest.

Aus diesem Befund wird dann gerne ein Vorwurf an die Älteren konstruiert. Der geht ungefähr so: Parteien, demokratische Institutionen und der öffentliche Diskurs seien kaum noch attraktiv für junge Menschen. Dahinter steckt ein schräges Bild, das die Jugendlichen auch noch entmündigt. Denn die könnten schließlich einfach in Parteien eintreten und diese nach ihren Bedürfnissen umbauen und dort für ihre Haltungen und Positionen streiten. Vorgängergenerationen sollen das ja auch mal getan haben – mit den Grünen gründeten sie sogar mal eine ganz eigene Partei gegen das damalige politische Establishment.

Heute gibt es die Illusion, dass politisches Engagement per Mausklick möglich ist. So weichen junge Menschen auf außerparlamentarische Initiativen und unseriöse Krawallplattformen wie „Campact“ oder „Change.org“ aus, die den etablierten politischen Betrieb mit industriell gefertigten Massenpetitionen fluten, statt im demokratischen Diskurs mit politischen Gegnern nach Wegen und Lösungen zu suchen. Okay: Die jungen Jahrgänge müssen jetzt nicht gleich komplett in Parteien eintreten, um politisch aktiv zu sein. Sich aber vorzumachen, eine Online-Petition zu unterschreiben sei so was wie Wählen, ist naiv, infantil und bestenfalls die Simulation von Politik.

Immer nur Protest Dieses in Wahrheit recht destruktive Verhalten der Jugend wird dennoch als hochpolitische Einstellung verkauft. Die Jugend sei halt nur nicht mehr bereit, sich an eine Partei zu binden, heißt es. Die Friedrich-Ebert-Stiftung und das Deutsche Jugendinstitut fanden jetzt heraus, dass junge Leute „Aktivitäten mit unverbindlichem, flexiblem und individuellem Charakter“ bevorzugen. In Deutschland werden jedoch keine Nichtregierungsorganisationen oder Internet-Protestplattformen in Parlamente gewählt, sondern Parteien. Und die verändern sich von innen. Jugendliche werden deshalb nicht umhin kommen, sich ihnen anzuschließen. Gründe, politisch erwachsen zu werden, gibt es für die Jugendlichen reichlich. Der wichtigste: Deutschland überaltert. Es gibt immer mehr Senioren und immer weniger junge Leute. Wenn die Alten nun fleißig wählen gehen, was man ihnen nicht vorwerfen kann, und die Jungen das nicht tun, ist klar, was passieren wird.

(All-)Macht der Alten Gut möglich, dass auch Großprojekte bald daran scheitern, dass alte Herrschaften keine Lust verspüren, am Ende ihres Lebens die Zumutungen einer jahrelangen Mammutbaustelle mit Lärm, Staub, Dreck und Umleitungschaos zu ertragen, wenn absehbar ist, dass nicht mehr sie, sondern erst ihre Nachfolgegenerationen die Rendite einfahren werden. Da die Alten politisch artikulationsfähig sind (sie wissen, wie man wählt), wird es ihnen leicht fallen, Veränderungen zu blockieren und Stillstand zu verordnen. Im Falle von Stuttgart 21 fiel bereits bei den Protestkundgebungen auf, dass sie hauptsächlich von vielen alten Leuten getragen wurden. Uns stehen viele Diskussionen bevor, die auch als Generationenkonflikte verstanden werden können. Natürlich alle Fragen rund um die Rente: Wie hoch, ab wann und mit welchen Abschlägen? Und was wird aus dem Gesundheitssystem, wenn immer mehr Alte mit kostspieligen chronischen Erkrankungen von immer weniger jungen Beitragszahlern finanziert werden müssen? Wie sollen sich unsere Städte entwickeln? Brauchen wir mehr Ausgehviertel? Oder müssen wir seniorengerechte Innenstädte schaffen?

Diese Fragen werden wir nicht angemessen und friedlich beantworten können, wenn sich die Jugendlichen von Parteien und Parlamenten fern halten und auf nichts als Protest setzen.

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