zur Navigation springen

Sicherungsverwahrung : Als ob es das Leben draußen geben wird

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Sicherungsverwahrung ist für die Justiz ein Spagat: Ausreichender Schutz für die Bürger, zugleich möglichst viele Freiheiten für gefährliche Straftäter

Als Papagei ist „Jaccomo“ das Leben hinter Gittern nicht fremd. In diesem Fall jedoch ist nicht nur sein Freiraum, sondern auch der seines Halters begrenzt. Für den 44-Jährigen ist das Tier aber Symbol neugewonnener Freiheit. Erst der Umzug in die neugestaltete Sicherungsverwahrung ermöglichte es Ulf Stein*, das plappernde Tier zu halten. „Der spricht sogar die Namen der Bediensteten“, sagt Stein strahlend.

Etwa 20 Jahre seines Lebens hat er bislang schon im Gefängnis verbracht. Ob er je wieder in Freiheit kommt, ist offen. Stein hat zwar seine Haft verbüßt – doch der Sexualstraftäter wurde als weiter gefährlich eingestuft und kommt deshalb nicht frei.

Für sieben weitere Sexual- oder Gewaltstraftäter in Brandenburg gilt dies ebenso. Zu ihnen gehört einer der Gewaltverbrecher, über deren angebliche Begünstigung Brandenburgs Justizminister Volkmar Schöneburg (Linke) Ende vergangenen Jahres gestürzt war.

Seit Ende Mai 2013 leben die Straftäter gemeinsam unter einem Dach in einem umgebauten Komplex auf dem Gelände der Justizvollzugsanstalt Brandenburg/Havel. Tagsüber können sie sich nahezu frei in dem Komplex bewegen. Ein Transponder öffnet die Tür zum Hof mit selbstangepflanztem Obst und Gemüse, wann immer sie wollen. Nur in der Zeit von 21 bis 6 Uhr sind die Insassen in ihren Räumen eingeschlossen. Die Wände in den Fluren sind teils orange gestrichen, werden von selbstgemalten Bildern geziert. In einigen Zimmern stehen Aquarien. Es gibt eine Gemeinschaftsküche und einen wohnzimmerähnlichen Essraum. Den Charakter einer Haftanstalt verdeckt das jedoch nicht.

In wenigen Monaten werden die Männer darum erneut umziehen – im Oktober soll der Neubau der Sicherungsverwahrung fertig sein. „Ich bin froh, wenn es soweit ist“, sagt Stein. „Hier erinnert mich doch alles an Gefängnis. Ich habe hier als ,Strafer‘ gelegen. Das andere Haus ist neu gebaut.“ So weit wie möglich soll sich die Unterbringung der gefährlichen Straftäter an Normalität knüpfen. Das ist nötig, weil die Sicherungsverwahrung – anders als die Haft– keine Strafe für ein Verbrechen ist. Nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts in Karlsruhe müssen Bedingungen und Möglichkeiten der Therapie deutlich besser sein als im Gefängnis. Eine entsprechende Neuregelung gilt seit vergangenem Juni.


Möglichst viel Normalität ist das Ziel


„Wir sind hier zu halten wie normale Menschen“, zitiert Knut Sprenger, Leiter der Einrichtung, einen Verwahrten. „Besser kann man die Sicherungsverwahrung nicht beschreiben“, meint der Psychologe lachend. Mit seinen Worten heißt das: „Wir haben den gesetzlichen Auftrag, so zu tun, als ob es das Leben draußen geben wird.“

Zwar befindet sich auch das neue Gebäude auf dem Gelände der historischen Anstalt, in deren Umbau seit der Wiedervereinigung 1990 laut Finanzministerium rund 138 Millionen Euro investiert wurden. Von einer Mauer abgeschirmt, bildet der zweigeschossige Klinkerbau jedoch einen eigenen Komplex. Die zwei Schenkel, in denen Platz für zwei Wohngruppen ist, umschließen das künftige Hofgelände. „Dort besteht die Möglichkeit einen Teich anzulegen“, schildert Sprenger.

Das etwa 10,4 Millionen Euro teure Gebäude mit einer Fläche von knapp 1600 Quadratmetern wird über 18 Wohneinheiten verfügen. „Es bietet mehr Bewegungsfreiheit und Möglichkeiten zur Therapie“, so Sprenger. Es sind zwei Bereiche geplant mit Gemeinschaftsräumen, Küche und Waschmaschinen. Ihre etwa 20 Quadratmeter großen Räume sollen die Verwahrten selbst mitgestalten. Ziel sei, die Eigenständigkeit der Männer zu fördern.

Darum bemüht sich Sprenger gemeinsam mit einer Psychologin, die eine halbe Stelle besetzt, einer Sozialarbeiterin und acht Beamten des Allgemeinen Vollzugsdienstes. „Ich verstehe meine Arbeit auch als Opferschutz“, sagt die Sozialarbeiterin. Gearbeitet wird im Zwei-Schicht-System.

Bei der knappen Besetzung kann es im Krankheitsfall schnell zu Engpässen kommen. Eine personelle Aufstockung ist laut Justizministerium aber erst ab 2016 geplant - wenn es mehr Insassen zu betreuen gibt. Das Ressort geht davon aus, dass es bis 2020 bis zu 18 Verwahrte geben wird.

Im benachbarten Sachsen-Anhalt befinden sich derzeit elf Straftäter in der Sicherungsverwahrung in Burg. Das Team dort besteht aus staatlichen und privaten Mitarbeitern, berichtet Ute Albersmann, Sprecherin des Justizministeriums. Die Justiz beschäftige eine Psychologin, einen Abteilungsleiter und sechs Beamte. Das private Fachteam besteht demnach aus zwei Psychologen, drei Sozialarbeitern und einer Ergotherapeutin.

In Mecklenburg-Vorpommern kümmern sich drei Psychologen, zwei Sozialpädagogen und 17 Mitarbeiter im Allgemeinen Vollzugsdienst um derzeit 12 Insassen, berichtet Justizsprecher Tilo Stolpe. Ausgelegt ist die neue Sicherungsverwahrung auf dem Gelände der Vollzugsanstalt in Bützow für 20 Straftäter.

Mit dem Nachbarland hat Brandenburg eine Kooperation beschlossen: Die Länder wollen künftig die Verwahrten je nach Straftat austauschen. Gewalttäter beider Bundesländer sollen künftig in Bützow untergebracht werden, die Sexualtäter in Brandenburg/Havel. Der Austausch soll sicherstellen, dass die Straftäter jeweils die Therapien erhalten, die so individuell wie möglich auf ihre Defizite zugeschnitten sind, heißt es von den Ministerien.

Einem entsprechenden Staatsvertrag müssen jeweils die Landtage in den Ländern zustimmen. Dies soll in Kürze geschehen. „Eine nach dem Staatsvertrag einzurichtende Fachkommission wird voraussichtlich im September 2014 ihre Arbeit aufnehmen“, sagt Sprecherin Franziska Schneider vom brandenburgischen Justizministerium.


Die Arbeit ist täglich eine Herausforderung


Wissenschaftliche Begleitung, ein bundesweiter Austausch der Einrichtungen und Qualitätsstandards sind für Psychologe Sprenger wichtige Begleiter der Arbeit. Er und sein Team werden täglich auf’s Neue gefordert. „Wir haben hier lauter beziehungsgestörte Männer“, sagt der Psychologe.

Seine Kollegin Beate Fischer* schildert: „Die Untergebrachten sind sehr fordernd. Es wird gesaugt und gesaugt. Es ist ein tägliches Grenzensetzen.“ Die Vollzugsbeamtin hat vorher – wie auch Sprenger – in der Sozialtherapeutischen Anstalt gearbeitet. Dort erhalten rückfallgefährdete Straftäter besondere Therapien und soziale Hilfen. „Hat dort einer einen schlechten Tag, gleichen andere die Stimmung aus“, schildert sie. „Hier habe ich eine Kettenreaktion: Ist einer schlecht drauf, reißt er alle anderen mit runter.“

Die Mitarbeiter führen dies auch auf die Perspektivlosigkeit in der Sicherungsverwahrung zurück. Bei den Insassen handelt es sich hauptsächlich um Sexualstraftäter. Bei etwa der Hälfte von ihnen haben bisherige Therapien keine ausreichenden Erfolge gezeigt, so Sprenger.

Die Verwahrung beruht auf Gefährlichkeitsprognosen – eine höchst umstrittene Grundlage. Der 44-Jährige Stein glaubt nicht, dass er rückfällig würde in Freiheit. Dennoch sagt der Sexualstraftäter: „Ich bin noch nicht so weit.“ Er sehe zwar Veränderungen an sich. Aber er brauche noch Zeit. „Mein Ziel ist es aber, irgendwann hier rauszukommen.“

* Die Namen des Verwahrten und der Mitarbeiterin wurden auf deren Wunsch geändert.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen