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70 Jahre Befreiung KZ Auschwitz : Als Mengele den Bruder holte…

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Salomon Birenbaum überlebte das KZ Auschwitz und viele andere Lager – letzte Station war das Außenlager Wöbbelin

Wenn er sein dunkelblaues Jackett am linken Unterarm hochstreift, kommt eine grünliche Tätowierung zum Vorschein. „B 2106“ steht für das KZ Auschwitz-Birkenau. Diese Nummer ist in die Haut von Salomon Birenbaum eingebrannt, die Erlebnisse in seine Seele.

Salomon Birenbaum wurde als Kind jüdischer Eltern in der Stadt Radom südlich von Warschau geboren. Nach der deutschen Besetzung kam der heute 87-Jährige mit seiner Mutter und seinem jüngeren Bruder in das 1941 eingerichtete Ghetto Radom. Die Mutter arbeitete in einer Fabrik für Militärbekleidung. Als er 14 Jahre alt war, gelang es auch ihm, in der Fabrik unterzukommen. Die Arbeit bot ein wenig mehr Sicherheit als das Leben im Ghetto. Die Mutter erreichte durch Fürsprache eines deutschen Aufsehers, dass ihr 6-jähriger Sohn auch in das Lager der Fabrik kommen durfte. „Als die Arbeitslager geschlossen wurden, kamen wir zu einem Kommando nach Majdanek. Dort traf ich menschliche SS-Leute. Ein Mann mit Namen Nell behandelte meinen kleinen Bruder David wie sein eigenes Kind. Das wurde nicht von der SS geduldet“, erinnert sich Salomon Birenbaum. Im Sommer 1944 verkündete der Kommandant des Lagers, dass sie zur Arbeit nach Deutschland gebracht würden. „Uns wurden die Zivilsachen weggenommen und wir bekamen gestreifte Häftlingskleidung.“ Alle erhielten diese Kleidung – Frauen, Kinder und Männer.

Bei der Ankunft in Auschwitz-Birkenau gab es keine Selektion auf der Rampe. „Das war sehr ungewöhnlich“, erinnert sich der weißhaarige Mann nachdenklich. Salomon und seinem Bruder werden Buchstaben und Zahlen eintätowiert.

In einem bemüht sachlichen Ton erzählt der Holocaust-Überlebende von der schicksalhaften Begegnung mit dem berüchtigten KZ-Arzt Josef Mengele, dem „Todesengel von Auschwitz“, auf dem Appellplatz. „Mein Bruder David stand neben mir. Mengele kam auf ihn zu und zerrte ihn heraus“, der Überlebende zeigt auf den Platz neben sich. Er benötigt viel Kraft, um seine Erregung zu verbergen. Der ehemalige Häftling schlägt mit der Faust neben sich auf den Tisch „Hier!“ In der folgenden Nacht kam David in die Gaskammer. „Ich wusste, er war tot.“

Er macht eine Pause. Erzählt von seiner Odyssee durch deutsche Rüstungsfabriken und Lager, um sich dann seiner Erinnerung wieder zu stellen. „Meine Mutter war auch in Auschwitz, im Lager nebenan. Nach dem Appell konnte ich mit ihr sprechen. Sie fragte: ,Wo ist David?‘ Ich sagte: ,Er ist in der Baracke, er wird gleich herauskommen. Sie begann zu weinen. Sie entgegnete: ,Ich weiß schon‘“.

Der polnische Jude arbeitete in den Heinkel-Werken, montierte im thüringischen Ohrdruf V1- und V2-Raketen und überstand mehrere Aufenthalte in Sachsenhausen. In Ravensbrück wurde er in einen Waggon verladen. Endstation: das KZ-Außenlager Wöbbelin bei Ludwigslust. „Dort war ich nur eine sehr kurze Zeit.“ Als sein Freund, ein gleichaltriger Pole, bemerkte, dass die Posten die Wachtürme verließen, krochen die beiden unter dem Lagerzaun durch und befreiten sich so selbst.

„Wir sind am 1. Mai 1945 nach Ludwigslust gelaufen. Auf der Straße dorthin trafen wir den ersten amerikanischen Soldaten an einer Straßensperre. Er sagte: ,Halt, wo kommt ihr her?‘ Als er erfuhr, dass wir aus einem KZ kamen, meinte er, wir seien doch viel zu jung und begann zu weinen. Er schickte uns ins Krankenhaus nach Ludwigslust.“ Der einst kräftige Junge war auf 40 Kilo abgemagert.

Nach der Befreiung kehrte Salomon Birenbaum in seine Heimat zurück. In Radom fand er eine jüdische Familie, die nach Polen zurückgekommen war. Die Familie gewährte ihm in ihrem Haus Unterschlupf. Er erfuhr, dass jemand vom polnischen Konsulat in Moskau nach Mitgliedern der Familien Birenbaum suchte. Der Vater war im sowjetischen Gulag inhaftiert und hatte überlebt. Die Mutter kehrte aus dem KZ Theresienstadt zurück. Die Familie wanderte über Schweden in die USA aus.

Heute lebt Birenbaum mit seiner Frau Joanna in New York. Er kommt regelmäßig nach Wöbbelin. Wenn es seine Gesundheit zulässt, wird er auch am 2. Mai 2015 wieder an der Gedenkfeier teilzunehmen und mit Schülern sprechen. Denn, so der US-Amerikaner: „Es ist wichtig, dass die Jugendlichen Hintergründe und Zusammenhänge erkennen.“
 





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