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Streitbar: Gesundheitspolitik : Alles nur in homöopathischen Dosen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Die Debatte in der Gesundheitspolitik dreht sich fast ausschließlich um Kosten – wichtiger wäre Zeit für Patienten, analysiert Jan-Philipp Hein.

svz.de von
erstellt am 24.Okt.2015 | 16:00 Uhr

Bei meinem Lieblingssender „Deutschlandfunk“ haben sie neulich eine eineinhalbstündige Diskussionsendung mit einer rhetorischen Frage als Titel bestritten: „Brauchen wir mehr menschliche Zuwendung in der Medizin?“

Ja logisch, allein schon, um den Esoterikern und Quacksalbern auf dem Gesundheitsmarkt das Handwerk zu legen. Das Gegenteil von Zuwendung ist Abgewandtheit, also das, was in zahlreichen Arztpraxen und Krankenhäusern leider Handlungsroutine ist. Als Läufer kann ich aus eigenem Erleben schildern, was geschah, nachdem ich im Sommer eine 20 Kilometer-Runde mit heftigen Kniebeschwerden abbrechen musste: „Das ist ein Muskelfaserriss“, diagnostizierte am nächsten Morgen ein Orthopäde nach wenigen Handgriffen. Dass er nach dem Ultraschall sagte, es sei zwar nichts zu erkennen, das sei aber nicht weiter bemerkenswert, machte mich damals noch nicht stutzig. Dreieinhalb Minuten nach der Begrüßung im Behandlungsraum war die Arzt-Patienten-Begegnung abgewickelt, am Tresen gab es noch ein Rezept für Ibuprofen-Tabletten. In wenigen Wochen würde es mir besser gehen, meinte der Doc. Viel Spaß, gute Besserung, bye, bye!

Nach vielen Wochen und keiner deutlichen Besserung machte ich den Fehler, eine zweite Blitzsitzung beim selben Heiler zu suchen. Nun war der Facharzt für Orthopädie von seiner eigenen Diagnose nicht mehr überzeugt: „Lassen Sie uns mal abklären, ob mit dem Meniskus alles in Ordnung ist.“ Da ich einen harmonischen Tag und wenig Lust auf Streit hatte, wies ich nicht darauf hin, wie schwer es mich nervte, offenbar viele Wochen mit einer Fehldiagnose gelebt zu haben. Am Tresen holte ich mir eine Überweisung in den Kernspintomgraphen und ein Rezept für eine Kniebandage ab. Dreieinhalb Minuten reichten auch für dieses Date. „Machen Sie's gut, bye, bye!“ Verbindungen sind bekanntlich alles. Dass ein guter Freund von mir einen guten Radiologen kennt, bescherte mir kurzfristig einen Sonnabendvormittagtermin in der Röhre. Als Normalsterblicher im deutschen Gesundheitssystem hätte ich ohne diesen Freund Wochen warten müssen. Am Abend des Tages, den ich vormittags in der Röhre verbrachte, sprach mich ein mir entfernt bekannter Chirurg bei einer Party auf mein Gehumpel an. Mein Gejammer ersparte er sich pragmatisch: „Bring mal Anfang kommender Woche nach Dienstschluss die Kernspin-Bilder mit und dann schauen wir uns das mal an.“

Was mir dann passierte, ist leider wieder nicht der Normalfall im deutschen Gesundheitswesen. Eine halbe Stunde beschäftigte sich der Chirurg mit meinem Knie und rief noch einen Kollegen dazu. Beide befassten sich eine weitere halbe Stunde mit der Extremität und eröffneten mir schließlich, dass ich nicht nur niemals einen Muskelfaserriss hatte, sondern auch mit dem Meniskus alles in Ordnung sei. Stattdessen fanden sie ein Problem mit einer Sehne. Chirurgen sind pragmatisch: Seit einer ziemlich unangenehmen Kortisonspritze wird alles besser mit meinem Knie.

Wobei: Ich bin mir nicht sicher, ob die gute Stunde ärztlicher Zugewandtheit nicht viel mehr zur Heilung beigetragen hat als das Kortison. Euphorisiert verließ ich das Klinikum, in dem die beiden Jungmediziner Dienst tun und freute mich, dass sich jemand wirklich mit mir beschäftigt hatte. Mittlerweile ist Herbst und es wird deutlich besser. Bald kann ich wieder laufen.

Patienten, die sich ernst genommen und gründlich untersucht fühlen, können ihre Heilungskräfte viel besser aktivieren als Patienten, die sich wie Fließbandware durch die Praxen geschoben fühlen. Das ist auch das Ergebnis vieler Studien. Dieser Umstand begründet auch den Erfolg esoterischer Heilmethoden wie der Homöopathie. Die nachgewiesenermaßen völlig wirkstofffreien Kügelchen der Homöopathen helfen dem ein oder anderen eben doch, weil sie das i-Tüpfelchen einer langen Sitzung mit einem Heiler sind. „Wie gerne würde ich meinen Patienten manchmal wirkungslose Mittel verschreiben, um den Placeboeffekt zu aktivieren“, sagte mir mal ein echter Mediziner. So etwas zahlt nur keine Krankenkasse.

Aber nicht nur Placebos wären wichtig: Homöopathen, Bachblüten-Therapeuten und andere Quacksalber könnten sofort einpacken, wenn die gesetzlichen Krankenversicherer, die immer noch den Löwenanteil der Patienten in ihren Mitgliederkarteien haben, endlich einen hocheffektiven Wirkstoff bezahlen würden: Zeit!

Denn was mir bei meinem Orthopäden passierte, ist das übliche ärztliche Geschäftsgebaren. Mediziner müssen Masse machen, um die Kosten ihrer Geräte und Mitarbeiter reinzuspielen. Dafür können sie nichts, das ist ein Systemfehler. Ohne Fließband heilt es sich zwar besser aber weniger lukrativ. Dieses Dilemma kann nur der Gesetzgeber auflösen. Der führt aber die falsche Debatte und geht den falschen Weg. Unter dem Zeit- und Kostendruck sind den wissenschaftsbasierten Medizinern die Patienten in Scharen davongelaufen und suchen ihr sprichwörtliches Heil bei den esoterischen Alternativmedizinern. Die arbeiten mit den Wirkstoffen, die die Gesundheitspolitik den echten Ärzten weggenommen hat.

Statt denen aber Zeit und Placebos wieder zurückzugeben, diskutieren Gesundheitspolitiker eine Ausweitung des Leistungskatalogs der Krankenkassen hin zur Esoterik. Die Lobbyarbeit der homöopathischen Ärzte und Arzneimittelhersteller ist nämlich im Gegensatz zu ihren Globuli hochwirksam. Und so kommt es, dass immer mehr gesetzliche Krankenversicherer homöopathische Verfahren bezahlen.

Gleichzeitig zwingt der Gesetzgeber die Kassen, bei Physiotherapie oder Zahnersatz zu knausern. Diese Methode ist selbst Homöopathie, deren zentraler Glaubenssatz nämlich lautet, Gleiches mit Gleichem zu behandeln. Das Gesundheitssystem leidet an zu viel Homöopathie und die Politik will es mit noch mehr Homöopathie heilen. Irre.

Und gefährlich. Denn wir steuern auf einen Gesundheitsmarkt zu, in dem eine hocheffektive aber als zunehmend eiskalt und anonym wahrgenommene Gerätemedizin mit zugewandten Alternativheilern konkurriert, die es erstmal mit warmen Worten und sanften Methoden probieren. Die kümmern sich dann, solange es keine wirklichen Probleme gibt, mit ihren Instrumentenkästen um Wellnessbeschwerden wie Unwohlsein oder Erschöpfungszustände. Wird es ernst, kommen die wissenschafts- und wirkstoffbasierten Heilverfahren mit all ihren Unannehmlichkeiten zum Zuge. Wirkungen haben bekanntlich auch Nebenwirkungen.

Für eine gute Beziehung zwischen Hausärzten und Patienten ist es wichtig, Zeit zu haben und eben auch mal ein Unwohlsein zu behandeln. Der Patient will Zuwendung, sie gehört zu jeder guten Therapie. Sie wird dann etwas leichter verfügbar, wenn man sie als Homöopathie labelt. Vielleicht haben viele Ärzte unter ihr „Dr. med.“ auch deshalb „Homöopathie“ auf ihre Praxisschilder geschrieben. Die Kassen zahlen es schließlich immer öfter. Das wäre eine Art Notwehr gegen die Zumutungen der Gesundheitspolitik und im Interesse der Patienten. Viele haben es aber vielleicht auch draufgeschrieben, weil es angesagt ist und weil Patienten dran glauben und auch aus eigener Tasche noch ein paar Euros dafür ausgeben. Das wäre dann skrupellos.

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