Hellas am Scheideweg : Alexis Tsipras im Portrait

Referendum in Griechenland: Ministerpräsident Alexis Tsipras gibt seine Stimme ab - ein klares Nein zur EU-Sparpolitik.
Referendum in Griechenland: Ministerpräsident Alexis Tsipras gibt seine Stimme ab - ein klares Nein zur EU-Sparpolitik.

Das Referendum stellt nicht nur die Griechen vor große Herausforderungen – auch die europäischen Partner müssen sich neu justieren

svz.de von
05. Juli 2015, 21:00 Uhr

Man nennt ihn auch den „Regierungschef mit Janusgesicht“. Für Griechenlands Ministerpräsident Alexis Tsipras schlug gestern die Stunde der Wahrheit. Beim Referendum setzte er alles auf eine Karte. Die Griechen stimmten nicht nur über Sparprogramme ab, sondern auch über die Politik des Regierungschefs. Alle Blicke waren deshalb gestern auf ihn gerichtet.

Tsipras hatte die Volksabstimmung zur Verärgerung der Geldgeber überraschend am Samstag vor einer Woche angesetzt. Die Verhandlungen gerieten danach in eine Sackgasse; noch zur Verfügung stehende Hilfsgelder in Milliardenhöhe für das von der Staatspleite bedrohte Land verfielen am Dienstag vergangener Woche.

Tsipras hatte die Verhandlungen mit der EU über ein Hilfsprogramm scheitern lassen, weil er die Bedingungen der Geldgeber nicht akzeptieren wollte.

Damit ging der 40-Jährige das Risiko ein, dass eine Mehrheit der Griechen ihm den Rücken kehren und seiner Politik eine Absage erteilen könnte. Viele Griechen befürchten, dass der Tsipras-Kurs das von der Pleite bedrohte Land aus der Euro-Zone herausführen könnte.

Doch Tsipras will sich nicht in die Ecke drängen lassen. „Unterschätzen Sie nicht, was ein Volk machen kann, wenn es sich erniedrigt fühlt“, sagte er. Der Chef des Linksbündnisses Syriza versteht es, das Volk auf seine Seite zu ziehen. „Wer hat die Frechheit zu verlangen, dass Tausende Griechen frieren müssen“, sagte er im Parlament, als Vertreter der internationalen Geldgeber die von seiner Regierung im Alleingang beschlossenen Hilfen von 200 Millionen Euro für mittellose Menschen kritisierten.

Innenpolitisch hat er seit seinem Wahlsieg im Januar kaum etwas bewirkt. Jeder Vierte ist in Griechenland ohne Job, die Einnahmen des Staates schrumpfen, Wachstum ist nicht in Sicht. Griechenland scheint wie erstarrt, viele Menschen warten darauf, was geschehen wird. Nach und nach plünderten die Bürger ihre Konten, die Banken wurden geschlossen.

Tsipras' politische Karriere ist ein klassisch linker Werdegang: Die ersten politischen Schritte machte er als Anführer rebellischer Schüler. Er wurde Mitglied der Kommunistischen Jugend Griechenlands (KNE) und schloss sich später der Anti-Globalisierungsbewegung und der damals unbedeutenden Linkspartei Syriza an.

Die Wirbel und Stürme der griechischen Finanzkrise brachten Tsipras im Januar 2015 dahin, wo ihn niemand erwartet hatte: Der Hoffnungsträger der griechischen Linken beendete den ewig scheinenden Regierungsreigen zwischen Konservativen und Sozialisten in Griechenland. Viele Griechen hatten die Versprechungen der alten Regierungsparteien satt, die das Land mit ihrer Vetternwirtschaft an den Abgrund geführt hatten.

Bis heute bleibt Tsipras vielen Griechen ein Rätsel. „Er hat viele Gesichter. Ich kann ihn nicht einstufen. Ein sogenanntes Janusgesicht“, sagt ein erfahrener Psychologe aus der nordgriechischen Hafenstadt Thessaloniki. Tsipras wirkt höflich, er zeigt ein doppeldeutiges Lächeln, aber dann kommt plötzlich ein kämpferischer Spruch. Mit geballter Faust will er gegen den Neoliberalismus kämpfen, der sein Land in die Misere geführt habe. ,

Der Präsident des Europäischen Parlaments, Martin Schulz (SPD), nannte Tipras gestern im Deutschlandfunk. einen „sympathischen Menschen“. Aber er stehe einer Regierung vor, die vergleichbar sei mit einer Koalition in Deutschland aus der Linken und Pegida: „Stellen sie sich das mal vor.“ In der griechischen Regierungspartei Syriza gebe es zudem Leute, die alles außer Kraft setzen würden, was Griechenland mit den europäischen Partnern vereinbart habe. Die Geldgeber seien Tsipras weit entgegen gekommen. Auch EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker sei „viel weiter auf Griechenland zugegangen, als andere in der Eurogruppe das wollten.“ Das müsse gesagt werden, „um dieser Legendenbildung da in Athen vorzubeugen, nach dem Motto: „Die haben sich ja nicht bewegt“.

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