Wolfgang Bosbach : Abschied eines Unbequemen

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Schwerkranker Talkshow-König und Euro-Rebell Wolfgang Bosbach kündigt seinen Rückzug an

Langeweile? Entzugserscheinungen von der Politik? Davon will Wolfgang Bosbach nichts wissen. Die Politik sei ein wichtiger Teil seines Lebens, aber eben nicht alles, sagte der 64-Jährige im Gespräch mit unserer Berliner Redaktion. Es gebe politische, aber auch sehr persönliche Gründe für seinen Rückzug. Bosbach ist schwer krank, muss sich bald wieder einer Operation unterziehen.

Am Tag nach seiner Ankündigung, 2017 nicht mehr für den Bundestag zu kandidieren und sich aus der Politik zurückzuziehen, kann sich Bosbach vor Anrufen kaum retten. Über Fraktionsgrenzen hinweg wird mit Bedauern und jeder Menge Respekt auf Bosbachs angekündigten Abschied reagiert. Viele politische Weggefährten melden sich, nur Angela Merkel zunächst nicht. Über eine kurze SMS und ein paar freundliche Worte der Kanzlerin hätte sich der streitbare CDU-Mann wohl gefreut. Doch das Verhältnis ist nicht unbelastet, schließlich war es Merkel, die Bosbachs Aufstieg stoppte und ihn 2005 nicht in ihr Kabinett berief. Der Konservative aus Bergisch Gladbach sparte daraufhin nicht mit Kritik an ihrem Kurs, stimmte mehrfach als Abgeordneter gegen das Regierungslager, zog sich im vergangenen Jahr aus Protest gegen die Griechenland-Politik der Kanzlerin vom Chefposten im Bundestags-Innenausschuss zurück.

Bosbach – ein Unikum in der deutschen Politik. Einer, der für Journalisten stets erreichbar ist, druckreif formuliert, kein Blatt vor den Mund nimmt. Nah am Volk und nach Meinung von Kritikern deshalb mitunter in der Versuchung, dem Volk nach dem Mund zu reden.

Ein unbequemer Geist, zumindest aus Sicht der Spitzen in Kanzleramt und Koalition.

Seine politische Heimat ist der „Berliner Kreis“, ein Zusammenschluss konservativer CDU-Politiker, der in der Vergangenheit mit scharfen Worten Merkels Euro-Politik und ihr „Wir schaffen das“ in der Flüchtlingskrise kritisiert hatte.

„In keiner einzigen Frage vertrete ich eine Meinung, die nicht auch einmal die Meinung der CDU war“, blickt er zurück. Talkshow-König, Euro-Rebell, Sicherheitsexperte – zuletzt war Bosbach zwar nur noch Hinterbänkler in Berlin, aber einer der präsentesten Parlamentarier, beliebt bei der Basis und einem Millionenpublikum bekannt. Allein im vergangenen Jahr war er elfmal in den großen TV-Talkshows zu Gast, soviel wie kein anderer Politiker. Und immer wieder ist ihm anzumerken, dass er hadert. Mit sich und der CDU.

Er wolle nicht länger der Oppositionsführer in den eigenen Reihen sein, nicht die Kuh, die quer im Stall stehe, sagte er bereits im vergangenen Jahr.

22 bewegte Polit-Jahre liegen hinter Bosbach. Bereits morgen ist Bosbach wieder im Talkshow-Einsatz – ausgerechnet als Gast in der Show von Jan Böhmermann, dessen Erdogan-Satire Angela Merkel zuletzt größte Schwierigkeiten bereitet hatte. Wieder so ein Auftritt, über den man im Kanzleramt nicht begeistert sein dürfte.

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