Seenotrettung von Flüchtlingen : "Zeit"-Artikel sorgt für Proteste im Netz – Chefredaktion entschuldigt sich

Shitstorm gegen Wochenzeitung: Zahlreiche Social-Media-Nutzer protestieren gegen einen Artikel. Screenshot: Twitter/@HasnainKazim
Shitstorm gegen Wochenzeitung: Zahlreiche Social-Media-Nutzer protestieren gegen einen Artikel. Screenshot: Twitter/@HasnainKazim

Darf man die Frage nach der Legitimität der Rettung von Flüchtlingen aus dem Mittelmeer stellen? "Die Zeit" hat es getan.

svz.de von
13. Juli 2018, 19:04 Uhr

Hamburg | Dass journalistische Artikel umstritten sind, kommt durchaus vor – dass sich Kritik allerdings öffentlich so entlädt, wie im Falle eines Beitrags in der Wochenzeitung "Die Zeit", ist selten: Konkret geht es um einen Pro-und-Contra-Artikel unter dem Titel "Oder soll man es lassen?". Dabei bilden zwei Autoren die Debatte darüber ab, ob die private Rettung von Flüchtlingen auf dem Mittelmeer "legitim" ist. Seit Jahresbeginn sollen bei der Flucht über das Mittelmeer so viele Menschen umgekommen sein, wie seit Jahren nicht mehr.

Mittlerweile haben sich sogar Bundespolitiker in den Fall eingeschaltet. So spricht SPD-Bundesvize Ralf Stegner von einem "beängstigenden" Titel:


Ria Schröder, Bundesvorsitzende der Jungen Liberalen, sagte unserer Redaktion, dass die Kritik an der Wochenzeitung "völlig berechtigt" sei. Und weiter: "Es kann nicht sein, dass wir uns die Frage stellen, ob man Menschen rettet oder nicht. Die Antwort darauf muss in einer humanen Gesellschaft, und als solche verstehe ich Europa, immer 'Ja' lauten", so Schröder.

Hintergrund: Private Rettungsaktionen auf dem Mittelmeer hatten zuletzt für Aufsehen und politische Verstimmungen einiger Staaten gesorgt: Dabei hatten mehrere Mittelmeer-Anrainer die Schiffe abgewiesen oder erst nach langen Auseinandersetzungen aufgenommen. Besonders die Vorkommnisse um das deutsche Rettungsschiff "Lifeline" standen im Fokus: Das Schiff trieb im Juni tagelang mit mehr als 200 aus Seenot geretteten Menschen im Mittelmeer, ohne eine Erlaubnis zum Anlegen zu bekommen.

Erfolgreichster Tweet in der Debatte um den "Zeit"-Artikel ist ein Vergleich zwischen einem Artikel der "Bild"-Zeitung und dem der Wochenzeitung – er stammt von einer "Spiegel Online"-Kolumnistin:


Mariam Lau, die "Zeit"-Autorin des besonders umstrittenen Contra-Beitrags betont, dass "man sich mit einer gewissen Kälte über das Thema beugen muss" – und sich die Fragen nach den Folgen "des gutgemeinten Handelns" stellen müsse. Politik-Leiter und Vize-Chefredakteur Bernd Ulrich der "Zeit" rechtfertigte am Donnerstag zunächst die Veröffentlichung, ruderte am Freitag aber zurück:

In ihrem Blog bedauern Ulrich und die stellvertretende Chefredakteurin, Sabine Rückert, "dass sich einige Leser in ihrem ethischen Empfinden verletzt gefühlt haben, und dass der Eindruck entstehen konnte, Die Zeit oder auch Mariam Lau würden einer Seenotrettung generell eine Absage erteilen.” Dies sei jedoch nicht der Fall.

Mittlerweile machen Nutzer unter den Hashtags #FragenWieDieZeit und #odersollmaneslassen ihrem Unmut Luft – und posten kritische Beiträge samt teilweise bissigen Kommentaren:




(mit Material der dpa)

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