Beschuldigungen nach Tanker-Attacken : Wer provoziert hier wen? Ex-Diplomat hält Iran für vernünftiger als USA

US-Außenminister Mike Pompeo beschuldigt den Iran.
US-Außenminister Mike Pompeo beschuldigt den Iran.

Die USA machen den Iran für die mysteriösen Zwischenfälle verantwortlich, viele andere sind sich da nicht so sicher.

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16. Juni 2019, 08:38 Uhr

Washington | Nach den mutmaßlichen Attacken auf zwei Tanker im Golf von Oman herrscht weiter Rätselraten über die Hintergründe – und es geht die Angst um vor einer militärischen Eskalation zwischen den USA und dem Iran. Dabei gehe Teheran ein viel höheres Risiko ein, meint der frühere deutsche Botschafter in Washington, Jürgen Chrobog.

US-Präsident Donald Trump untermauerte am Freitag die US-Sichtweise und sagte in einem Interview mit dem Sender Fox News: "Der Iran hat es getan." Der geschäftsführende US-Verteidigungsminister Patrick Shanahan stellte in Aussicht, die US-Regierung wolle bald weitere Belege für ihre Einschätzung veröffentlichen, um international Konsens in der Frage herzustellen. Der Iran wies jede Schuld von sich.

Saudischer Kronprinz: Iran für Angriffe auf Tanker verantwortlich

Saudi-Arabien hat seinen Erzrivalen Iran für die mutmaßlichen Angriffe auf zwei Tanker im Golf von Oman verantwortlich gemacht. Das "iranische Regime" habe den Besuch des japanischen Regierungschefs Shinzo Abe nicht respektiert und während dessen Anwesenheit die Schiffe angegriffen, eins davon ein japanisches, sagte der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman der arabischen Zeitung "Al-Sharq al-Awsat", wie das Blatt am Sonntag berichtete. Von der internationalen Gemeinschaft forderte er eine "entschlossene Haltung".

Deutschland warnt vor Eskalationsspirale

Mehrere andere Staaten und internationale Organisationen hielten sich dagegen mit Schuldzuweisungen ausdrücklich zurück und forderten eine genaue Untersuchung der Vorfälle. Die Bundesregierung warnte, es dürfe jetzt "auf keinen Fall eine Eskalationsspirale" geben.

Im Golf von Oman geriet der Öltanker 'Front Altair' der norwegischen Reederei Frontline in Brand. Der Betreiber schloss eine Panne als Ursache aus. Foto: dpa/AP/Uncredited/Iranian Students' News Agency, ISNA
Im Golf von Oman geriet der Öltanker "Front Altair" der norwegischen Reederei Frontline in Brand. Der Betreiber schloss eine Panne als Ursache aus. Foto: dpa/AP/Uncredited/Iranian Students' News Agency, ISNA

Bei den Zwischenfällen nahe der Küste des Irans waren am frühen Donnerstagmorgen zwei Tanker beschädigt worden. Die "Front Altair" geriet nach Explosionen in Brand. Auch der japanische Betreiber der "Kokuka Courageous" berichtet von zwei Detonationen. Die genauen Umstände blieben zunächst aber unklar.

Die betroffene Meerenge im Golf von Oman, die Straße von Hormus, ist eine der wichtigsten Seestraßen überhaupt. Sie verbindet die ölreiche Golfregion mit dem offenen Meer. Über die Strecke läuft ein großer Teil des weltweiten Öltransports per Schiff. An den Märkten herrschte Unsicherheit angesichts der Krise.

USA sehen Iran als Schuldigen

Die USA beschuldigen den Iran, für die mutmaßlichen Angriffe verantwortlich zu sein. US-Außenminister Mike Pompeo hatte noch am Donnerstag erklärt, US-Erkenntnissen zufolge stecke der Iran dahinter. Er sprach von einer "nicht hinnehmbaren Eskalation". Dem Land gehe es darum, die Aufhebung der US-Sanktionen zu erzwingen.

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Auch Saudi-Arabien verurteilte die Angriffe und sprach von "Terroroperationen". Das sunnitische Königreich sieht im schiitischen Iran einen Erzfeind und verschärft seit Wochen den Ton gegenüber Teheran. Es wirft dem Iran vor, sich in die Angelegenheiten arabischer Länder einzumischen und die Region zu destabilisieren.

Iran: Unterstellungen der USA schuld an Spannungen in Nahost

Der Iran wies die Anschuldigungen scharf zurück. Anstatt grundlose Unterstellungen zu verbreiten, sollte man eher herausfinden, wer von solchen Krisen am Golf am meisten profitiere, hieß es aus dem Außenministerium in Teheran. Irans Außenminister Mohammed Dschawad Sarif warf den USA vor, die Vorfälle als Vorwand zu nehmen. "Mit einem Fetzen an Indizien haben die USA sofort den Iran beschuldigt ... damit ist klar, dass das amerikanischen B-Team auf Plan B und auf Sabotage-Diplomatie umgeschaltet hat", schrieb Sarif auf Twitter.

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Später ergänzte er, dass derartige US-Aktionen sowie sein "wirtschaftlicher Terrorismus" gegenüber dem Iran verantwortlich dafür wären, dass die Region politisch instabil sei.

Das B-Team plane den Sturz der iranischen Regierung

Mit dem B-Team meint Sarif die Mannschaft von US-Sicherheitsberater John Bolton, der nach Ansicht Teherans einen Regimewechsel im Iran plant und dafür sogar einen militärischen Konflikt provozieren würde. Schon zuvor hatte der Iran angedeutet, dass die USA und ihre Alliierten selber für die Angriffe verantwortlich sein könnten und sie nun Teheran in die Schuhe schieben wollten.

Der Nationale Sicherheitsberater John Bolton, gilt als Kriegsflüsterer, war er doch einer der Architekten des Irakkriegs. Foto: AFP/Daniel LEAL-OLIVAS
Der Nationale Sicherheitsberater John Bolton, gilt als Kriegsflüsterer, war er doch einer der Architekten des Irakkriegs. Foto: AFP/Daniel LEAL-OLIVAS

Die US-Regierung hatte am Donnerstag zur Untermauerung der Vorwürfe gegen den Iran ein Video präsentiert, das nach der Explosion spielt. Es soll zeigen, wie ein Schnellboot vom Typ "Gaschti" der iranischen Revolutionsgarden auf den Tanker "Kokuka Courageous" zufährt und die Besatzung eine nicht explodierte Haftmine vom Tankerrumpf entfernt. Eine mögliche Erklärung wäre die Bergung des Sprengstoffes.

Trump verwies am Freitag auf dieses Video und sagte: "Nun ja, der Iran hat es getan, und sie haben es (...) getan, weil man das Schiff gesehen hat." Er fügte hinzu: "Sie wollten nicht, dass Beweise zurückbleiben." Das Video soll die US-These einer iranischen Urheberschaft bestätigen, liefert tatsächlich jedoch keine klaren Belege. Von vielen Seiten kamen Warnungen vor voreiligen Schlüssen.

Der linke Pfeil soll zeigen, wo eine Explosion das Schiff beschädigte, der rechte zeigt an die Stelle, an der angeblich eine Mine befestigt worden war. Foto: dpa/AP/U.S. Central Command
Der linke Pfeil soll zeigen, wo eine Explosion das Schiff beschädigte, der rechte zeigt an die Stelle, an der angeblich eine Mine befestigt worden war. Foto: dpa/AP/U.S. Central Command

EU, Türkei und China verlangen Aufklärung

Die EU gab sich in Sachen Schuldzuweisungen vorsichtig. "Wir sind dabei, die Lage zu bewerten und Informationen zu sammeln", sagte ein EU-Beamter am Freitag in Brüssel. UN-Generalsekretär Antonio Guterres sprach sich für unabhängige Untersuchungen aus. "Es ist sehr wichtig, die Wahrheit zu kennen. Und es ist sehr wichtig, dass Verantwortlichkeiten geklärt werden", sagte er nach einem Treffen mit dem Generalsekretär der Arabischen Liga, Ahmed Abul Gheit.

Auch der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu warnte – wie beispielsweise auch China – vor übereilten Reaktionen und forderte eine ernsthafte Untersuchung. Die UN-Vetomacht China rief alle Parteien zur Zurückhaltung auf.

Großbritannien beschuldigt – wie die USA – den Iran

Die britische Regierung stellte sich dagegen an die Seite der USA. Außenminister Jeremy Hunt äußerte die Überzeugung, dass die mutmaßlichen Angriffe vom Iran, von dessen Revolutionsgarden, ausgeführt wurden. Beweise legte aber auch Hunt nicht vor.

US-Verteidigungsminister Patrick Shanahan sagte am Freitag in Washington, die US-Regierung sei bemüht, möglichst viele Informationen zur Untermauerung ihrer Einschätzung freizugeben und diese schnell zu veröffentlichen. Der Fokus liege darauf, "internationalen Konsens" in der Frage herzustellen. Es handele sich um ein internationales Problem und nicht um ein amerikanisches. Er betonte zugleich, es sei nötig, Notfallpläne zu erstellen, falls sich die Lage verschärfe.

Ex-Diplomat: Der Iran hat mehr zu verlieren

Derweil äußerte der frühere deutsche Botschafter in Washington, Jürgen Chrobog, Zweifel an den Schuldzuweisungen der USA. Für eine Täterschaft des Iran gebe es keine Beweise, sagte er dem "Deutschlandfunk".

Er halte die Iraner inzwischen "für vernünftiger, für berechenbarer" als die USA, sagte der Ex-Diplomat. Zudem gehe Teheran in dem Konflikt ein viel höheres Risiko ein. Das Land sei wirtschaftlich bereits am Boden und die Bevölkerung verarme immer mehr. Durch einen Krieg hätte der Iran laut Chrobog "noch mehr zu verlieren". Trump habe aber ebenfalls kein Interesse an einer militärischen Auseinandersetzung in der Region.

Trump setzt weiter auf Diplomatie und Wirtschaftssanktionen

Bislang betont die US-Regierung, Ziel sei, den Iran durch diplomatische und wirtschaftliche Bemühungen zum Umsteuern zu bewegen. Auch Trump betonte am Freitag mit Blick auf den Iran: "Wir wollen sie zurück an den Verhandlungstisch holen, wenn sie zurückkommen wollen. Ich bin bereit, wenn sie es sind", sagte er. "In der Zwischenzeit bin ich nicht in Eile."

Die US-Regierung war vor gut einem Jahr im Alleingang aus dem internationalen Atomabkommen mit dem Iran ausgestiegen und versucht, das Land mit wuchtigen Wirtschaftssanktionen unter Druck zu setzen, um eine neues, strengeres Abkommen auszuhandeln. Der Iran machte bislang aber keine Anstalten, sich dem Druck zu beugen.

Beschädigte Tanker legen in den Emiraten an

Die Besatzung des Tankers "Front Altair" ist nach Angaben der norwegischen Reederei Frontline am Samstag in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) eingetroffen. Sie seien vom iranischen Bandar Abbas nach Dubai geflogen worden. Nach früheren Angaben der Reederei handelt es sich um elf Russen, einen Georgier und elf Philippiner.

Frontline hatte am Freitagabend mechanisches oder menschliches Versagen als Ursache der Explosion und des anschließenden Brandes ausgeschlossen. Der Tanker werde nun abgeschleppt und aus iranischen Gewässern herausgebracht, hatte ein Sprecher der Reederei früher am Samstag mitgeteilt. Ein Expertenteam sei an Bord gegangen, um den Zustand des schwer beschädigten Schiffes zu begutachten, teilte die Reederei weiter mit. Es gebe Überlegungen, die Ladung Naphta – ein Erdölderivat – auf ein anderes Schiff umzuladen.

Solange es keine weiteren Informationen gebe, werde Frontline "extreme Vorsicht" walten lassen, wenn es um neue Transportaufträge in der Golfregion gehe.

Seeleute des Lenkflugkörperzerstörers USS Bainbridge leisten Hilfe für die Besatzung der 'Kokuka Courageous'. Foto: dpa/AP/Specialist 3rd Class Jason Waite/U.S. Navy
Seeleute des Lenkflugkörperzerstörers USS Bainbridge leisten Hilfe für die Besatzung der "Kokuka Courageous". Foto: dpa/AP/Specialist 3rd Class Jason Waite/U.S. Navy

An Bord des anderen Tankers, der "Kokuka Courageous", war ein Mitglied der 21-köpfigen philippinischen Crew leicht verletzt worden. Ein niederländisches Schiff nahm die Besatzung auf und übergab sie an ein US-Marineboot. Die Besatzung war schon am Freitag auf das Schiff zurückgekehrt, damit es in die Vereinigten Arabischen Emirate geschleppt werden kann.

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