Regierungskrimi in Italien : Wahlkampf in Badehose: Lässt Salvini die Populisten-Allianz platzen?

In Milano Marittima machte Matteo Salvini kürzlich Urlaub. Er sieht keine Zukunft mehr für das Regierungsbündnis mit der Fünf-Sterne-Bewegung.
In Milano Marittima machte Matteo Salvini kürzlich Urlaub. Er sieht keine Zukunft mehr für das Regierungsbündnis mit der Fünf-Sterne-Bewegung.

In Italien ist es heiß – und es bläst ein "Wind der Krise". Alle Augen sind auf Matteo Salvini gerichtet.

von
08. August 2019, 17:09 Uhr

Rom | Die Regierungskoalition in Italien steht möglicherweise vor dem Bruch. Die Lega von Innenminister und Vizepremier Matteo Salvini brachte am Donnerstag offensiv eine Neuwahl als einzige Alternative zur bestehenden Koalition mit der Fünf-Sterne-Bewegung ins Spiel. Klar wurde aber nicht, ob Salvini die Regierungsallianz platzen lassen wollte. Die Fünf-Sterne-Bewegung forderte Aufklärung: "Sie sollen klar sagen, was sie tun wollen." Auslöser für die Krise der ohnehin zerstrittenen Koalition war ein Votum der Fünf Sterne am Mittwoch im Senat gegen ein Bahnprojekt, das die rechte Lega befürwortet.

Hochrangige Treffen in aufgeheizter Stimmung

In der aufgeheizten Stimmung hatten am Donnerstag hochrangige Treffen in Rom stattgefunden. Regierungschef Giuseppe Conte kam mit Staatspräsident Sergio Mattarella zusammen. Bei dem einstündigen Treffen soll es aber weder um einen möglichen Rücktritt des Premiers noch um eine etwaige Regierungskrise gegangen sein, wie die Nachrichtenagentur Ansa berichtete. Beratungen gab es demnach auch mit Sterne-Chef Luigi Di Maio. Alle warteten auf eine Entscheidung Salvinis, hieß es in Rom.

Es bringe nichts, mit Aufschüben und täglichen Streitereien weiterzumachen, erklärte die Lega. Sie dementierte aber Medienberichte, wonach Salvini einen Rücktritt seiner Minister prüfe oder den Rücktritt Contes gefordert habe. Und so bangte Italien mitten in der Ferienzeit weiter um seine Regierung.

Salvini im Quasi-Wahlkampf

Bei einem Auftritt vor seinen Anhängern am Mittwochabend hatte Salvini die Sorge vor einer neuen Regierungskrise befeuert. "Wenigstens zehn, elf Monate haben wir gearbeitet und Italien Gesetze beschert, auf die Italien seit so vielen Jahren gewartet hat", sagte er im Seebad Sabaudia südöstlich von Rom. "Aber in den letzten zwei, drei Monaten hat sich etwas verändert, und es ist etwas kaputtgegangen."


Allerdings kann Salvini nicht über eine Neuwahl entscheiden. Sollte die Koalition tatsächlich zerbrechen, liegt der Ball beim Staatspräsidenten. Er könnte sondieren lassen, ob eine neue Mehrheit im Parlament zustande kommt – damit könnte eine Neuwahl umgangen werden. Im Parlament haben die Fünf Sterne die meisten Abgeordneten, nicht Salvinis Lega. Im Herbst müsste die Regierung eigentlich einen Haushaltsentwurf vorlegen, den das Parlament bis Ende des Jahres absegnen muss.

Ablenkung mit Stranddisco-Auftritt

Für Aufsehen sorgte Salvini kürzlich im Urlaub mit seinem Auftritt im Papeete Beach Club an der Adria – längst nicht sein erster Besuch in der Stranddisco. Dort sucht er bewusst den Kontakt mit den Italienern, trinkt Cocktails und grölt zur Musik mit. Für die italienische Presse sind solche Auftritte ein gefundenes Fressen. Damit schafft es Salvini jedoch auch, die mediale Aufmerksamkeit von ihm unliebsamen Themen abzulenken – wie der Streit in der Regierung.


So hat sich die Regierung in den vergangenen Monaten immer wieder überworfen. Etliche Themen entzweiten die ungleichen Partner: zum Beispiel die von der Lega geforderte Autonomie für einige Regionen oder der von den Sternen geforderte Mindestlohn. Bislang bekam die Koalition immer wieder die Kurve.

Ein "Wind der Krise" in Italien

Am Mittwoch erreichte der Konflikt eine neue Qualität: Bei einem Votum im Senat stellten sich die Fünf Sterne gegen eine geplante Schnellbahnstrecke zwischen Lyon und Turin, die die Lega unterstützt. Salvini hatte noch am Montag gemahnt, wer Nein zu dem Milliardenprojekt sage, bringe die Regierung in Gefahr, und hatte eine Neuwahl ins Spiel gebracht. Salvini wirft den Sternen immer wieder vor, Nein-Sager zu sein und die Regierung zu blockieren.

Innenminister Matteo Salvini bei der Diskussion im Senat Anfang der Woche. Foto: imago images / ZUMA Press/Massimo Di Vita
Innenminister Matteo Salvini bei der Diskussion im Senat Anfang der Woche. Foto: imago images / ZUMA Press/Massimo Di Vita


Es wehe ein "Wind der Krise", waren sich die Zeitungen wie der "Corriere della Sera" sicher. Die Fünf Sterne können angesichts der deutlich erstarkten Lega kein Interesse an einer Neuwahl haben. Sie waren aus der Parlamentswahl 2018 als Sieger hervorgegangen. Bei der Europawahl im Mai war dann die Lega stärkste Partei des Landes geworden.

Die Regierung aus Sternen und Lega ist seit Juni 2018 im Amt. Salvini gilt seit Beginn als der starke Mann der Allianz. Am Donnerstagabend wollte er seine geplante Sommertour in Pescara an der Adria-Küste fortsetzen. "In der Hoffnung, dass in der Zwischenzeit keine komischen Sachen passieren", hatte er am Vorabend gesagt.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen