Köpfe des Jahres : Ursula von der Leyen – überzeugte Europäerin an der Spitze der EU

Präsidentin der EU-Kommission: Ursula von der Leyen
Präsidentin der EU-Kommission: Ursula von der Leyen

Kaum jemand hatte Ursula von der Leyen für den Job als Präsidentin der EU-Kommission auf dem Schirm. Nun ist die Niedersächsin die erste Frau an der Spitze der Behörde.

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31. Dezember 2019, 09:00 Uhr

Osnabrück | Die Jusos waren sichtlich empört: Unter einer Fotomontage Ursula von der Leyens mit der Aufschrift „Hey McKinsey – habt ihr eigentlich auch Ahnung von der EU?“ machten sich die jungen Sozialisten in einem Tweet Luft: „Die Europawahl hat so viele Menschen mobilisiert wie lange nicht. Der Rat hat uns dann mit von der Leyen eine Kandidatin vorgeschlagen, die nicht in den Europawahlkampf involviert war. Ein bitteres Signal für die europäische Demokratie“.

Ein holpriger Start

Tatsächlich verlief der Start für die ehemalige Bundesverteidigungsministerin als neue Präsidentin der EU-Kommission und erste Frau auf diesem Posten überhaupt, alles andere als rund. Für die Öffentlichkeit kam ihre Ernennung nach zähen Verhandlungen durch die Staats- und Regierungschefs der EU überraschend; die Wähler waren davon ausgegangen einen der Spitzenkandidaten bei der Europawahl an der Spitze der Behörde zu sehen.

Karikatur: Klaus Stuttmann
Karikatur: Klaus Stuttmann
 


Der Karikaturist Klaus Stuttmann

Klaus Stuttmann zählt zu den meistpublizierten Karikaturisten Deutschlands. Seine Karikaturen erscheinen täglich in über 20 deutschen Tages- und Wochenzeitungen, Magazinen und Zeitschriften. Diverse Auszeichnungen bei nationalen und internationalen Karikaturenwettbewerben würdigen sein Schaffen. 2016 hat er den Deutschen Karikaturenpreis gewonnen. Das Buch "Irre!! - Politische Karikaturen 2019" versammelt seine Werke aus diesem Jahr (200 farbige Karikaturen, 224 Seiten, ISBN: 978-3-946972-37-2 Preis: 19,90 Euro)


Schnell wurden Vorwürfe laut, von der Leyen solle aus Berlin weggelobt werden, weil sie als Verteidigungsministerin wegen massiver Ausgaben für externe Berater, schlechter Ausrüstung der Bundeswehr und aus dem Ruder gelaufener Sanierungskosten für die Gorch Fock unter Beschuss geraten war. Entsprechend knapp fiel die Zustimmung im EU-Parlament zu von der Leyen aus. Doch im schnelllebigen Politikbetreib ist das längst Schnee von gestern. Was zählt, ist die Zukunft.

Seit dem 1. Dezember ist Ursula von der Leyen als erste Deutsche seit fünf Jahrzehnten mit ihrem nahezu paritätisch besetzten Team von Kommissaren und Kommissarinnen nun im Amt. Die Vorhaben sind ehrgeizig: Mehr Klimaschutz, mehr soziale Gerechtigkeit, mehr Wettbewerbsfähigkeit, mehr Innovation und mehr geopolitische Bedeutung der EU – all das hat die 61-Jährige von der Leyen auf die „to-do“-Liste gesetzt. Sie will:

Ein Europa, das seine Zukunft beherzt in die Hand nimmt.


Zudem muss von der Leyen im nächsten Jahr die Weichen für einen modernen EU-Finanzrahmen für 2021 bis 2027 stellen – und da will Deutschland weniger Geld locker machen als es die Kommission vorsieht. Von der Leyens Amtsvorgänger Jean-Claude Juncker kam während seiner Amtszeit aus dem Modus der Krisenbewältigung kaum heraus. Ähnliches droht von der Leyen; denn Altlasten wie die ungeregelte Migration haben es in sich.

Eine Europäerin durch und durch

Von der Leyen bringt einiges an Eignung mit – zu allererst ist sie Europäerin durch und durch; in Brüssel geboren, aufgewachsen und bis zum 14. Lebensjahr zur Schule gegangen spricht sie hervorragend Englisch und Französisch; europäischen Geist hat sie mit der Erziehung eingeatmet. Als ehemalige Verteidigungsministerin ist sie auf internationaler Ebene gut vernetzt. Darüber hinaus gilt sie als durchsetzungsstark und kann Menschen für ihre Visionen begeistern.

Der komplizierte Kosmos in Brüssel mit den oft unterschiedlichen Interessen der Volksvertreter im Parlament und den nationalen Interessen der Mitgliedstaaten ist der promovierten Medizinerin jedoch nur bedingt vertraut. Da gilt es, schnell hinzuzulernen.

Das Netzwerk entscheidet über den Erfolg

Drei Kommissarsanwärter hatte das Parlament im Vorfeld durchfallen lassen – wohl auch aus Rache dafür, dass die EU-Staaten das Spitzenkandidatenmodell hatten platzen lassen. Netzwerken sowie diplomatisches und kommunikatives Geschick dürften so über Erfolg oder Misserfolg von der Leyens entscheiden.

Erst vergleichsweise spät, im Alter von 43 Jahren, war die promovierte Medizinerin und Tochter des einstigen niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht in die Politik gewechselt. Die Karriere in der CDU verlief umso steiler. In verschiedenen Ministerämter hat die siebenfache Mutter Durchhaltevermögen bewiesen.

Kraft sammelt sie dazu gern auf dem Pferderücken. Und jeder Pferdesportler weiß: Lässt ein Reiter die Zügel schleifen, macht das Pferd mit ihm, was es will. Ursula von der Leyen gilt als versierte Reiterin. In Brüssel sitzt sie vorerst fest im Sattel. Die nächste Hürde aber kommt bestimmt.


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