Kampf gegen Terrormiliz Islamischer Staat : USA beginnen offiziell mit Truppenabzug aus Syrien

Soldaten von US Spezialeinheiten waren nach Syrien geschickt worden. Ein Soldat trägt ein Emblem der Kurdenmiliz YPG auf der Schulter.
Soldaten von US Spezialeinheiten waren nach Syrien geschickt worden. Ein Soldat trägt ein Emblem der Kurdenmiliz YPG auf der Schulter.

Die US-Regierung hat den Abzug aller Soldaten aus dem Bürgerkriegsland Syrien angeordnet.

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19. Dezember 2018, 17:15 Uhr

Washington | Die USA haben nach Angaben des Weißes Hauses mit dem Rückzug ihrer Soldaten aus Syrien angefangen. "Wir haben damit begonnen, US-Soldaten nach Hause zu holen, während wir in die nächste Phase dieses Einsatzes übergehen", heißt es in einer von der Sprecherin des Weißen Hauses, Sarah Sanders, am Mittwoch verbreiteten Stellungnahme.

Kampf gegen IS noch nicht beendet

Vor fünf Jahren sei die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) eine sehr mächtige und gefährliche Kraft im Nahen Osten gewesen. "Die USA haben jetzt das territoriale Kaliphat besiegt", heißt es in der Stellungnahme weiter. Dies bedeute jedoch nicht, dass die weltweite Koalition im Kampf gegen den IS oder deren Kampagne beendet sei.

"Die USA und unsere Verbündeten stehen bereit, um auf allen Ebenen erneut einzugreifen, um amerikanische Interessen zu verteidigen, wann immer das notwendig ist", betonte Sanders. Die Zusammenarbeit, um radikalen Islamisten ihre territorialen Ansprüche zu verweigern, gehe weiter.

Zuvor hatten mehrere US-Medien übereinstimmend berichtet, dass die USA den Abzug ihrer Truppen aus Syrien vorbereiteten. Das meldeten am Mittwoch unter anderem das "Wall Street Journal" und der Sender CNN.

Präsident Donald Trump habe die Entscheidung getroffen und das Verteidigungsministerium entsprechend angewiesen, berichtete CNN unter Berufung auf Quellen im Pentagon. Dem "Wall Street Journal" zufolge wurden bereits Verbündete in der Region unterrichtet.

Trump: "Wir haben den IS besiegt"

Auf Twitter erklärte Trump den IS in Syrien am Mittwoch für besiegt. Damit habe für ihn der Grund für die Stationierung der Truppen während seiner Präsidentschaft ausgedient.

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Kritik am Truppenabzug – auch von Republikanern

Aus den eigenen Reihen kam unmittelbar nach Bekanntwerden der Berichte massive Kritik. "Wirklich?", schrieb der republikanische Kongressabgeordnete Adam Kinzinger auf Twitter. "Der Iran jubelt bereits."

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Der Syrien-Experte Charles Lister erklärte in einem am Mittwoch veröffentlichten Statement, die Entscheidung Trumps sei ein "Traum-Szenario", nicht nur für den IS, sondern auch für Russland, den Iran und die Regierung des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad. Der IS habe sich noch am Mittwoch zu einem Anschlag bekannt. "Obwohl nicht völlig überraschend, ist die Entscheidung von Präsident Trump, einen militärischen Rückzug zu vollziehen, extrem kurzsichtig und naiv", schreibt Lister, der Direktor für Terrorismusabwehr am Middle East Institute in Washington ist.

Die USA stehen an der Spitze einer internationalen Koalition, die in Syrien die IS-Terrormiliz bekämpft. Ihr wichtigster Verbündeter in dem Bürgerkriegsland ist die Kurdenmiliz YPG, die dort die Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) anführt. Lange Zeit galten die kurdischen Kämpfer als eine der wenigen für den Westen verlässlichen Bodenkräfte in Syrien. In Syrien selbst haben die USA etwa 2000 Soldaten, die offiziell zur Ausbildung und Beratung der syrischen Oppositionstruppen dort sind.

Die Kräfte der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) haben einen Großteil des früheren Herrschaftsgebietes des IS eingenommen und gehen im Osten des Landes weiter gegen die Dschihadisten vor. Seit Wochen laufen in der Nähe der Grenze zum Nachbarland Irak Kämpfe um eine der letzten IS-Bastionen im Land. Die USA unterstützen die SDF-Kämpfer mit Luftangriffen. Experten gehen jedoch weiterhin davon aus, dass Tausende IS-Kämpfer in Syrien sind, unter anderem in schwer zugänglichen Wüstengebieten.

Ein Sprecher des US-Außenministeriums hatte noch am Dienstag erklärt: "Der Job ist noch nicht erledigt." Es habe jedoch signifikante Fortschritte gegeben. Mit der Türkei stehe man in enger Abstimmung.

Mögliche Militäroffensive der Türkei

Die Dschihadisten beherrschen in Syrien zwar nur noch ein kleines Gebiet, sie sind – wie auch im Irak – aber weiterhin aktiv. IS-Zellen konzentrieren sich auf Anschläge. Beobachter warnen – ganz im Gegensatz zu der öffentlich geäußerten Einschätzung Donald Trumps – der IS sei noch lange nicht besiegt.

Nach einem Rückzug der US-Truppen könnte der Weg frei werden für eine neuen Militäroffensive der Türkei. Die Regierung in Ankara droht schon seit langem mit einer weiteren Operation gegen die YPG. Erst in der vergangenen Woche kündigte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan eine Offensive an. Seinen Worten zufolge will die Türkei aktiv werden, um dort die Menschen "vor der separatistischen Terrororganisation" YPG zu "retten".

Trump und Erdogan hatten vergangene Woche miteinander telefoniert und sich Anfang Dezember am Rande des G20-Gipfels in Buenos Aires zu einem persönlichen Gespräch getroffen. Die USA erklärten allerdings, sie lehnten eine weitere Militäroffensive der Türkei gegen kurdische Truppen entschieden ab. "Eine einseitige Militäroffensive in Nordostsyrien von jeglicher Seite ist sehr bedenklich, besonders, weil sich US-Truppen dort oder in der Nähe aufhalten könnten", sagte ein Pentagon-Sprecher. Zudem errichten die US-Truppen im Norden Syriens Beobachtungsposten.

Die Türkei sieht in der YPG einen Ableger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK und bekämpft sie deshalb. Bereits im Frühjahr hatten türkische Truppen und verbündete Rebellen im Nordwesten Syriens die Region um die Stadt Afrin von den Kurden erobert.

Die Kurden haben im Norden und Osten Syrien eine Selbstautonomie errichtet. Zur syrischen Regierung haben sie ein gespanntes Verhältnis. Damaskus lehnt die Autonomiebestrebungen der Kurden ab und pocht auf seine Souveränität. Zuletzt hatte es jedoch vorsichtige Annäherungsversuche gegeben. Diese könnten sich verstärken, sollten sich die US-Truppen vollständig aus Syrien zurückziehen. Beim türkischen Angriff auf Afrin im vergangenen Frühjahr schickte die syrische Regierung symbolisch Truppen zur Unterstützung der Kurden.

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