Explosionen an Wahllokalen : Taliban zündet Bomben: Tote und Verletzte bei Wahl in Afghanistan

Sicherheitschecks vor dem Wahllokal in Jalalabad. Die Taliban attackierte an einigen Orten im Land Wähler.
Sicherheitschecks vor dem Wahllokal in Jalalabad. Die Taliban attackierte an einigen Orten im Land Wähler.

Präsident Aschraf Ghani rief die 9,6 Millionen registrierten Wähler auf, dennoch ihre Stimmen abzugeben.

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28. September 2019, 10:22 Uhr

Kabul | Die Präsidentenwahl in Afghanistan wird von Gewalt und Berichten über Organisationsmängel begleitet. Nach Anbgaben von Behördenvertretern sind in mehreren Provinzen mindestens drei Menschen getötet und 24 verletzt worden. Gleichzeitig berichteten Wahlbeobachter am Samstag von Schwierigkeiten mit Wählerlisten. Wähler, die sich zur Wahl registriert hätten, könnten ihre Namen nicht in den Listen ihres Wahlbüros finden.

Mehr als 9,6 Millionen Menschen, rund ein Drittel davon Frauen, sind dazu aufgerufen, einen Präsidenten zu wählen. Bilder in sozialen Medien zeigten Menschen aus mehreren Provinzen, die ihre Stimme abgaben oder vor Wahllokalen warteten. Fast ein Drittel der Wahllokale bleibt geschlossen, weil die Gebiete von den Taliban kontrolliert oder beeinflusst werden und Anschläge befürchtet werden.


Die Abstimmung in dem kriegszerrissenen Land läuft unter strengen Sicherheitsvorkehrungen. Mehr als 72.000 Soldaten, Polizisten und Geheimdienstmitarbeiter sicherten die rund 5000 Wahllokale ab. Die islamistisch-militanten Taliban hatten angekündigt, den Wahlgang anzugreifen. Nach offiziellen Angaben gab es bereits wenige Stunden nach Wahlbeginn an Wahllokalen im ganzen Land Anschläge.

Mindestens drei Tote und 24 Verletzte nahe Wahllokalen

Bei der Explosion einer Mine in einem Wahllokal in der östlichen Provinz Nangarhar im Bezirk Surchrod seien mindestens eine Person getötet und drei verletzt worden, sagte der Provinzrat Sohrab Kaderi. In der nördlichen Stadt Kundus wurden bei Raketeneinschlägen ein Wahlbeobachter getötet und ein Polizist verwundet, hieß es von Behördenvertretern. Bei Einschlägen von Mörsergranaten unweit von Wahllokalen in der östlichen Provinz Paktika, Paktia und Kunar seien ein Kind getötet, vier Kinder und zwei Erwachsene verletzt worden.

Zudem wurden mindestens 13 Zivilisten und ein Polizist in der südlichen Stadt Kandarhar verletzt, als eine in einem Lautsprecher einer Moschee versteckte Bombe detonierte. Auch aus der Hauptstadt Kabul gab es Berichte über kleinere Explosionen und Verwundete.

Präsident dankt Wählern für Stimmabgabe

18 Kandidaten stehen auf dem Stimmzettel, vier von ihnen haben ihre Kandidatur mittlerweile zurückgezogen. Realistische Chancen auf einen Sieg haben der amtierende Präsident Aschraf Ghani und sein Regierungsgeschäftsführer Abdullah Abdullah. Beide gaben ihre Stimme am Samstagmorgen (Ortszeit) in Wahllokalen in der Hauptstadt Kabul ab. Ghani bedankte sich in einer kurzen Ansprache nach seiner Stimmabgabe bei den Menschen, die zur Wahl gingen.

Der Afghanische President Ashraf Ghani (rechts) gibt seine Stimme ab. Ein Drittel der Wahllokale im Land konnte wegen Sicherheitsbedenken nicht öffnen. Foto: AFP/Press Office of President of Afghanistan
Der Afghanische President Ashraf Ghani (rechts) gibt seine Stimme ab. Ein Drittel der Wahllokale im Land konnte wegen Sicherheitsbedenken nicht öffnen. Foto: AFP/Press Office of President of Afghanistan


Ghani und Abdullah waren nach der umstrittenen Präsidentenwahl 2014, bei der sie bereits gegeneinander angetreten waren, unter Vermittlung der USA eine Regierung der nationalen Einheit eingegangen.

Die Kandidaten Abdullah Abdullah (von links) und Gulbuddin Hekmatyar traten in einem TV-Duell an. Der amtierende Präsident Ashraf Ghani weigerte sich, an der Debatte teilzunehmen. Seine beiden Herausforderer stellten daraufhin scherzhaft ihre Teetassen auf seinem leeren Podium ab. Foto: AFP/WAKIL KOHSAR
Die Kandidaten Abdullah Abdullah (von links) und Gulbuddin Hekmatyar traten in einem TV-Duell an. Der amtierende Präsident Ashraf Ghani weigerte sich, an der Debatte teilzunehmen. Seine beiden Herausforderer stellten daraufhin scherzhaft ihre Teetassen auf seinem leeren Podium ab. Foto: AFP/WAKIL KOHSAR


Nur wenige der Wahlberechtigten trauen sich zur Urne

Aus mehreren Provinzen berichteten Provinzräte von einer geringen Wahlbeteiligung. Vor allem Frauen sollen ferngeblieben sein. Analysten zufolge gibt es mindestens 13,5 Millionen Wahlberechtigte in Afghanistan. Mehr als 9,6 Millionen Afghanen sind zur Wahl registriert. In der zweiten Runde der Präsidentschaftswahl im Jahr 2014 stimmten rund 8 Millionen Menschen ab. Wegen der schlechten Sicherheitslage und Enttäuschung über die Regierung gingen manche afghanische Experten im Vorfeld der Wahl davon aus, dass lediglich 1,5 Millionen Menschen ihre Stimme abgeben werden.

Bewacht von Sicherheitskräften stehen Frauen in Herat in der Schlange vorm Wahllokal. Foto: AFP/HOSHANG HASHIMI
Bewacht von Sicherheitskräften stehen Frauen in Herat in der Schlange vorm Wahllokal. Foto: AFP/HOSHANG HASHIMI


Berichte über Organisationsmängel

Wie örtliche Medien und Wahlbeobachter berichten, gebe es Schwierigkeiten mit den Wählerlisten, sagte der Chef der unabhängigen Wahlbeobachtungsorganisation Freies und Faires Wahlforum (FEFA), Jusuf Raschid, am Samstag. Wähler, die sich zur Wahl registriert hätten, könnten ihre Namen nicht in den Listen ihres Wahlbüros finden. Andere Namen würden nicht in den biometrischen Geräten erscheinen. Mit ihnen soll Wahlfälschung verhindert werden. Auch die Wahlbeobachtungsorganisation TEFA, die eigenen Angaben zufolge Beobachter in allen 34 Provinzen hat, nannte als größtes Problem das Fehlen von Wählernamen in den biometrischen Geräten.

Auch Präsident Ashraf Ghani wird elektronisch überprüft: Vor der Wahl waren die Wählerlisten der Stimmbüros daher auf biometrische Geräte gespielt worden. Sie erfassen unter anderem zwei Fingerabdrücke und Fotos der Wähler, bevor diese ihre Stimme abgeben. Foto: AFP/Press Office of President of Afghanistan
Auch Präsident Ashraf Ghani wird elektronisch überprüft: Vor der Wahl waren die Wählerlisten der Stimmbüros daher auf biometrische Geräte gespielt worden. Sie erfassen unter anderem zwei Fingerabdrücke und Fotos der Wähler, bevor diese ihre Stimme abgeben. Foto: AFP/Press Office of President of Afghanistan


Bereits seit Dienstag hatten sich Sicherheitskräfte rund um die Wahlzentren in Stellung gebracht. In den meisten großen Städten wurde der Verkehr aus Sicherheitsgründen eingestellt oder massiv eingeschränkt und zusätzliche Kontrollpunkte wurden errichtet. Lastwagen und Kleinlaster durften bereits seit Donnerstagnachmittag nicht mehr in die Hauptstadt Kabul.

Um mögliche Bombenleger fernzuhalten, wurde die Stadt Herat teilweise abgesperrt. Foto: AFP/ Hoshang HASHIMI
Um mögliche Bombenleger fernzuhalten, wurde die Stadt Herat teilweise abgesperrt. Foto: AFP/ Hoshang HASHIMI


Wann mit dem Wahlergebnis zu rechnen ist

Präsidentschaftswahlen in Afghanistan

Die Wahllokale sind bis 15 Uhr lokaler Zeit (12.30 Uhr MESZ) geöffnet. Erste vorläufige Resultate sollen am 19. Oktober veröffentlicht werden, die offiziellen am 7. November. Kann kein Kandidat mehr als 50 Prozent der Stimmen im ersten Wahlgang auf sich vereinen, geht es in eine Stichwahl der beiden bestplatzierten Kandidaten. Diese würde voraussichtlich Ende November stattfinden.


Dutzende tote Zivilisten im Wahlkampf

Es ist die vierte Präsidentenwahl in dem Land mit geschätzten 35 Millionen Einwohnern seit dem Fall der Taliban im Jahr 2001 und die zweite, die gänzlich von den Afghanen selbst durchgeführt und gesichert wird. Der Wahlkampf war von Gewalt überschattet. Die Taliban hatten unter anderem einen Autobomben-Angriff auf das Büro eines Vizepräsidenten-Kandidaten verübt sowie einen Selbstmordanschlag auf eine Wahlveranstaltung mit Ghani. Bei den beiden Vorfällen allein wurden mehr als 50 Menschen getötet.

Hintergrund zur Taliban

Die Taliban sind eine radikalislamistische Gruppe, die Mitte der Neunziger die afghanische Hauptstadt Kabul einnahmen und einen islamischen Gottesstaat ausriefen. Ab sofort galt fundamental-muslimisches Recht: Männer mussten Bärte und Frauen Burkas tragen, Medien wurden verboten und Mädchen durften nicht die Schule besuchen. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 weigerte sich die Taliban den Chef der Al-Qaida, Osama bin Laden, an die USA auszuliefern. Daraufhin bombardierten die USA die Regionen der Taliban und drängten sie in den Süden des Landes. Tausende Menschen starben bei Kämpfen mit der Taliban.
Die Taliban-Kämpfer werden von militanten Gruppen aus dem Ausland unterstützt. Friedensverhandlungen scheiterten bislang. Jüngst hat US-Präsident Donald Trump die Gespräche für "tot" erklärt, da bei einem erneuten Taliban-Anschlag in Kabul ein US-Soldat umgekommen war. Der Sprecher der Radikalislamisten drohte, die USA würden ihre Entscheidung "bald bereuen". Sie sähen zwei Möglichkeiten, die Besatzung ausländischer Truppen zu beenden: Verhandlungen oder Dschihad.


Kandidaten drohten zudem mit Protesten und Gewalt nach dem Wahlgang, sollte es Wahlfälschungen geben. Wahlen in den vergangenen zehn Jahren waren stets von Vorwürfen der Wahlmanipulation überschattet.

Viele Afghanen, Studenten, Ladenbesitzer, Lehrer und Geschäftsmänner haben angekündigt, trotz der Taliban-Drohungen an der Präsidentschaftswahl teilzunehmen. Foto: AFP/WAKIL KOHSAR
Viele Afghanen, Studenten, Ladenbesitzer, Lehrer und Geschäftsmänner haben angekündigt, trotz der Taliban-Drohungen an der Präsidentschaftswahl teilzunehmen. Foto: AFP/WAKIL KOHSAR


Die Wahl ist rund einen Monat nach dem Abbruch der Gespräche zwischen den USA und den Taliban über Wege zu Frieden in Afghanistan. US-Präsident Donald Trump hatte ein geplantes Geheimtreffen mit den Taliban abgesagt, nachdem Anfang September bei einem Anschlag in Kabul zwölf Menschen getötet worden waren, unter ihnen auch ein US-Soldat. Die Gespräche mit den Taliban, die den Weg für einen US-Truppenabzug und für Frieden in Afghanistan bereiten sollten, erklärte Trump für "tot".

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