Sipri-Jahrbuch 2020 : Nukleare Abschreckung gewinnt weltweit wieder an Bedeutung

Start einer Tomahawk-Rakete von einem britischen Atom-U-Boot. Die Atommächte modernisieren ihre nuklearen Arsenale laut Sipri-Jahrbuch 2020 weiter.
Start einer Tomahawk-Rakete von einem britischen Atom-U-Boot. Die Atommächte modernisieren ihre nuklearen Arsenale laut Sipri-Jahrbuch 2020 weiter.

Trotz des Abbaus nuklearer Sprengköpfe in Russland und den USA im vergangenen Jahr ist die Gefahr eines nuklearen Wettrüstens nicht gebannt. Denn alle Staaten, die über Atomwaffen verfügen, modernisieren ihre nuklearen Arsenale konsequent weiter.

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15. Juni 2020, 01:08 Uhr

Osnabrück | Das ist das zentrale Ergebnis des Jahrbuchs 2020, das das Stockholmer Internationale Friedensforschungsinstitut (Sipri) an diesem Montag veröffentlicht. Darin bewerten die Forscher den aktuellen Stand von Rüstung, Abrüstung und internationaler Sicherheit. Die Analyse liegt dieser Redaktion vor.

Demnach besaßen die neun nuklear bewaffneten Staaten - USA, Russland, Großbritannien, Frankreich, China, Indien sowie Pakistan, Israel und Nordkorea - Anfang 2020 schätzungsweise 13 400 Atomsprengköpfe. Dies ist ein leichter Rückgang gegenüber den 13 865 Sprengköpfen, die diese Staaten Sipri zufolge Anfang des Vorjahres besaßen. Fast 1800 Atomwaffen befinden sich in hoher operativer Alarmbereitschaft.

"In diesen Zeiten beständig zunehmender geopolitischer Spannungen ist das Fehlen adäquater Maßnahmen zur Überwachung der Atomwaffenarsenale und zur Verhinderung der Weiterverbreitung von Atomwaffen und -materialien eine besonders besorgniserregende Entwicklung", warnt Shannon Kile, Direktor des Sipri-Programms für nukleare Abrüstung, Rüstungskontrolle und Nichtverbreitung.

Der Rückgang der Gesamtzahl der Atomwaffen in der Welt im Jahr 2019 ist weitgehend auf den Abbau ausgedienter Atomwaffen durch Russland und die USA zurückzuführen; gemeinsam besitzen die zwei Mächte immer noch gut 90 Prozent der globalen Atomwaffen.

Die im New Start-Vertrag von 2010 über Maßnahmen zur weiteren Reduzierung und Begrenzung strategischer Angriffswaffen vereinbarten Reduzierungen der strategischen Nuklearstreitkräfte der USA und Russlands wurden 2018 abgeschlossen. Im vergangenen Jahr blieben die Streitkräfte beider Länder laut Sipri dann unter den im Vertrag festgelegten Grenzen.

Wichtiges Abrüstungsabkommen läuft bald aus

Das "New Start"-Abkommen wird im Februar 2021 auslaufen, es sei denn, beide Parteien vereinbaren eine Verlängerung - das aber ist derzeit fraglich. Die Gespräche zur Verlängerung oder zur Aushandlung eines neuen Vertrags kamen bislang nicht voran.

Die US-Regierung mahnt, China müsse sich an allen künftigen Gesprächen über die Reduzierung von Atomwaffen beteiligen. Peking schließt das aber kategorisch aus. Kritiker werfen Peking vor "eine große Mauer der Geheimniskrämerei" um seine Atomwaffen-Aktivitäten zu errichten. "Dies ist ein unverantwortliches und gefährliches Verhalten. Wenn China eine Großmacht sein will - und wir wissen, dass es dieses Selbstverständnis hat - muss es sich wie eine Großmacht verhalten", hieß es kürzlich seitens der US-Regierung

Voraussichtlich am 22. Juni wollen immerhin Russland und die USA den Gesprächsfaden über den Umgang mit dem auslaufenden "New Start"-Vertrag auf Ebene der Außenministerien wieder aufnehmen.

"Der Stillstand bei New Start und der Zusammenbruch des sowjetisch-amerikanischen INF-Vertrags über die Abschaffung von Raketen mit mittlerer und kürzerer Reichweite im Jahr 2019 deuten darauf hin, dass die Ära der bilateralen Abkommen zur nuklearen Rüstungskontrolle zwischen Russland und den USA zu Ende gehen könnte", warnt Sipri-Experte Kile.

Der Verlust wichtiger Kommunikationskanäle zwischen Russland und den USA, die die Transparenz fördern und Fehleinschätzungen ihrer jeweiligen nuklearen Kräfte und Fähigkeiten verhindern sollten, könne möglicherweise zu einem neuen nuklearen Wettrüsten führen.

Kernwaffensysteme der nächsten Generation sind in Entwicklung

Fakt ist: Die Faszination nuklearer Waffen zur Abschreckung potenzieller militärischer Gegner ist weltweit ungebrochen. Russland und die USA haben umfangreiche und teure Programme aufgelegt, um ihre nuklearen Sprengköpfe, Raketen- und Flugzeugträgersysteme sowie Kernwaffenproduktionsanlagen zu ersetzen und zu modernisieren.

Beide Länder haben den Kernwaffen in ihren militärischen Plänen und Doktrinen auch neue oder erweiterte Rollen zugewiesen - laut Sipri eine "bedeutende Umkehrung des nach dem Kalten Krieg zu beobachtenden Trends zur allmählichen Marginalisierung von Kernwaffen".

Auch Indien und Pakistan sind dabei, ihre Atomwaffenlager sowie die Entwicklung neuer land-, see- und luftgestützter Raketenabschusssysteme aufzustocken. China setzt die Modernisierung seiner Systeme ebenfalls fort und vergrößert langsam aber stetig sein atomares Arsenal.

Peking ist inzwischen im Besitz von rund 320 Sprengköpfen und liegt damit vor Großbritannien und Frankreich weltweit hinter Russland (6375) und den USA (5800) an dritter Stelle. Indien und Pakistan haben jeweils zwischen 150 und 160 Atomwaffen, Israel 90, Nordkorea über 30 bis 40.

Obwohl Nordkorea 2019 an seinem selbst erklärten Moratorium für die Erprobung von Kernwaffen und ballistischen Langstreckenraketen festhielt, führte es im Laufe des Jahres mehrere Flugtests mit ballistischen Kurzstreckenraketen durch, darunter mehrere neue Systemtypen.

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