Zweiwöchige Irrfahrt vor Italien : Sea-Watch-Kapitänin auf Lampedusa festgenommen – "Schande für Europa"

Unter Applaus ging die deutsche Kapitänin von Bord. Sie steht unter Hausarrest.
Unter Applaus ging die deutsche Kapitänin von Bord. Sie steht unter Hausarrest.

Die deutsche Kapitänin steuert ihr Schiff unerlaubt in den Hafen von Lampedusa. Ihre Festnahme spaltet die Gemüter.

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29. Juni 2019, 08:30 Uhr

Rom | Der deutschen Hilfsorganisation Sea-Watch droht nach dem unerlaubten Anlegen ihres Rettungsschiffs in Italien ein juristisches Nachspiel. Am frühen Samstagmorgen wurde die Kapitänin der "Sea-Watch 3", Carola Rackete, auf der sizilianischen Insel Lampedusa festgenommen. Die Beschlagnahme des Schiffs wurde angeordnet. Aus Kreisen des Innenministeriums in Rom hieß es, dass eine Geldstrafe von 20 000 Euro verhängt werden soll.

Für 40 Migranten ging eine Hängepartie zu Ende: Mehr als zwei Wochen nach ihrer Rettung im Mittelmeer konnten sie an Land gehen.

Rackete hatte in der Nacht entschieden, das Schiff trotz Verbots in den Hafen einlaufen zu lassen. Ein Polizei-Schnellboot versuchte dies vergeblich zu verhindern. "Wir haben uns in den Weg gestellt (...), aber wenn wir dort geblieben wären, hätte (die 'Sea-Watch') das Schnellboot zerstört", sagte ein Polizist.

Italien wartet auf "Garantien"

Das Schiff hatte am 12. Juni insgesamt 53 Menschen vor der Küste Libyens von einem Schlauchboot gerettet. 13 von ihnen, darunter Frauen, Kranke und Kinder, waren in den vergangenen Tagen an Land gebracht worden. Seitdem wartete Sea-Watch vergeblich auf die Zuweisung eines sicheren Hafens in Europa.

Was nun mit den Migranten passieren soll, ist zunächst unklar. Nach Angaben der Sea-Watch-Sprecherin Giorgia Linardi vom Freitag hatten sich vier Länder – Deutschland, Portugal, Frankreich und Luxemburg – bereiterklärt, Migranten von dem Schiff aufzunehmen. Dennoch hatte die italienische Regierung weiterhin keine Genehmigung zum Anlegen erteilt. Das italienische Innenministerium hatte erklärt, es warte auf "gesicherte Garantien".

Unterstützer applaudieren

Im Hafen wurde das Schiff von Unterstützern mit Applaus begrüßt. Rackete wurde anschließend von Polizisten abgeführt. Ihr wird vorgeworfen, die Anweisungen eines Militärschiffs missachtet zu haben, nachdem sie das Schiff ohne Erlaubnis in den Hafen gesteuert hatte. Laut der Zeitung "La Repubblica" hatte ein Boot der Küstenwache vergeblich versucht, die "Sea-Watch 3" am Einlaufen zu hindern, indem es mehrfach zwischen dem Flüchtlings-Rettungsschiff und dem Kai kreuzte.

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Die Organisation twitterte am Samstagmorgen, man habe vor fast 60 Stunden den Notstand ausgerufen. "Niemand hörte uns zu. Niemand übernahm Verantwortung. Einmal mehr ist es an uns, (...), die 40 Geretteten in Sicherheit zu bringen." Sea Watch-Geschäftsführer Johannes Bayer lobte Rackete: "Wir sind stolz auf unsere Kapitänin, sie hat genau richtig gehandelt. Sie hat auf dem Seerecht beharrt und die Menschen in Sicherheit gebracht", schrieb er auf Twitter.

Der Nachrichtenagentur Ansa zufolge drohen der 31-jährigen Kapitänin Carola Rackete drei bis zehn Jahre Haft, weil sie gegen ein Kriegsschiff Widerstand geleistet oder Gewalt angewendet habe. Die Staatsanwaltschaft Agrigent habe Hausarrest für sie angeordnet.

Weiterlesen: Diese Deutsche legt sich mit Italien an, um Leben zu retten

Salvini: Eine "Gesetzlose" verhaftet

Die Regierung in Rom fährt eine äußerst restriktive Flüchtlingspolitik und hat die italienischen Häfen für internationale Rettungsschiffe geschlossen. Seit 2014 sind mehr als 12.000 Menschen bei dem Versuch gestorben, von Libyen über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen. Das UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR spricht deshalb von "der tödlichsten Meeresüberquerung der Welt".

"Wir haben die Verhaftung einer Gesetzlosen (...), eine Geldstrafe für diese ausländische NGO, die Beschlagnahme des Schiffs (...) und die Verteilung der ganzen Migranten an Bord auf andere europäische Länder gefordert", sagte Italiens Innenminister Matteo Salvini am Morgen dem Radiosender Rai. "Es scheint mir, dass Gerechtigkeit geschaffen wurde."

Auf den Chef der rechten Regierungspartei Lega geht ein neues Sicherheitsdekret zurück, das Geldstrafen vorsieht, wenn private Schiffe mit Geretteten an Bord unerlaubt in die italienischen Gewässer einfahren. Salvini will die NGOs komplett von der Rettung von Migranten abhalten.

Bedford-Strohm: Festnahme ist "eine Schande für Europa"

Die Bundestags-Vizepräsidentin Claudia Roth erklärte, Seenotrettung sei kein Verbrechen, sondern humanitäre Pflicht und rechtlich geboten. "Carola Rackete hat das einzig Richtige getan", sagte die Grünen-Politikerin. "Sie hat Menschen gerettet, die zu ertrinken drohten. Hat sie nach Lampedusa gebracht, statt sie den Schergen der libyschen Küstenwache zu überlassen." Dagegen ließen die europäischen Regierungen humanitäre Verantwortung schmerzlich vermissen.

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, nannte Racketes Festnahme "eine Schande für Europa". "Eine junge Frau wird in einem europäischen Land verhaftet, weil sie Menschenleben gerettet hat und die geretteten Menschen sicher an Land bringen will", erklärte der Landesbischof am Samstag. Dies mache ihn traurig und zornig. Ermutigend sei allerdings die Aussicht, dass sich die Bemühungen so vieler Menschen in der europäischen Zivilgesellschaft um Humanität lohnten.

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