Nach Hausbesuch von AfD-Politiker : Satiriker erhält Morddrohung – AfD ist sich keiner Schuld bewusst

Christian Brandes alias Schlecky Silberstein (links) wurde nach dem Hausbesuch des AfD-Politikers Frank-Christian Hansel mit Mord gedroht. Fotomontage: dpa/Imago/Metodi Popo
Christian Brandes alias Schlecky Silberstein (links) wurde nach dem Hausbesuch des AfD-Politikers Frank-Christian Hansel mit Mord gedroht. Fotomontage: dpa/Imago/Metodi Popo

Der Satiriker "Schlecky Silberstein" erhielt Mordrohungen nachdem ein AfD-Politiker seine Adresse im Netz verbreitete.

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18. September 2018, 18:49 Uhr

Berlin | Der deutsche Satiriker Christian Brandes alias "Schlecky Silberstein" und sein Team wurden nach eigenen Angaben das Opfer von Morddrohungen. Die Schuld dafür sieht Brandes bei der AfD. Denn bedroht werde er erst, wie er sagt, nachdem der Berliner Landesvorstand Frank-Christian Hansel seine Adresse im Internet veröffentlichte und verbreitete. Während der Deutsche Journalistenverband das Vorgehen der Partei für strafbar hält, ist man sich bei der AfD keiner Schuld bewusst. Ganz im Gegenteil.

Furcht um das eigene Leben

Die "peinliche Opferhaltung der Unternehmensleitung" sei eine reine Schutzbehauptung, um von den eigenen Dirty Campaigning-Methoden abzulenken, ließ die AfD per Pressemitteilung zu den Vorwürfen wissen. Grundsätzlich sei der Vorwurf an "Lächerlichkeit kaum zu überbieten".

Das sieht der Betroffene Christian Brandes sowie seine Geschäftspartner jedoch völlig anders – Sie fürchten um ihr Leben und können daher auch verstehen, dass bereits einige ihrer Kollegen die journalistische Arbeit zur AfD eingestellt haben: "Ich verstehe jeden, der mit Sorge an seine Familie denkt und einfach nur seine Ruhe haben will. Wir erfahren das gerade am eigenen Leib. Aber das ist die Zeit, in der wir leben. Das ist normal. Wir haben das normal gemacht. Und mit jedem Prozentpunkt für die AfD wird das normaler", mahnt Brandes in einer Erklärung auf seiner Website.

Ein Fake, der keiner war

Auslöser ist ein Video, das Brandes und sein Team für eine Online-Plattform – Bohemian Browser Ballet – der öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF – Funk– produzierte. Darin werden die Ereignisse der vergangenen Wochen von Chemnitz in einem satirischen Beitrag mit dem Namen "Volksfest in Sachsen" verarbeitet. Unter anderem ist dort auch die AfD zu sehen:

Doch bereits bevor Brandes diesen Beitrag veröffentlichen konnte, stellte die AfD heimlich gefilmte Aufnahmen von den Dreharbeiten des satirischen Beitrags in Berlin online und behauptete, dass dort ein Fake-Video von gestellten „Jagdszenen“ zu sehen sei, um die AfD zu diskreditieren:

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Allerdings trifft das nicht zu. So ist das Fake-Video kein Fake, sondern schlicht die Dreharbeiten zum satirischen Video, das kurze Zeit später auf dem Bohemian Browser Ballet veröffentlicht wurde. Diese Tatsache stellte Brandes auch noch einmal in einer Stellungnahme heraus.

Rufe nach Identifizierung

Den Hausbesuch des AfD-Abgeordneten Hansel samt Kameramann, in dessen Folge das Video mit den Adressdetails im Internet landete, bringt Brandes unmittelbar mit dem mehrfachen Aufruf nach der Identität der Macher des "Fake-Videos", das keines war, auf der Facebook-Seite der AfD in Verbindung.

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"Euch muss man ermorden"

Brandes beschreibt diese Situation wie folgt: "Am Anfang lacht man über die Ironie, so war ja das AfD-Video eine bewusste Falschmeldung. Mulmig wurde uns, als Bilder von Team-Mitgliedern im Netz auftauchten und dazu aufgerufen wurde, die Namen und Adressen herauszufinden."

Das Video mit den Adressdetails wurde anschließend über den Facebook- und Youtube-Kanal der AfD-Berlin geteilt. Dort diskutierten viele Kommentatoren sehr erregt über den "jüdischen Namen" des Partners von Christian Brandes. Die Folge waren nicht allein Morddrohungen, sondern Morddrohungen in antisemitischem Kontext. Exemplarisch veröffentlichte Brandes eine der Drohungen in seinem aktuellen Beitrag.

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"AfD will Angst erzeugen"

Bezwecken möchte Brandes mit der Veröffentlichung seiner Erlebnisse vor allem eines, unentschlossene Wähler erreichen, die erwägen, ihre Stimme der AfD zu geben und richtet folgende Worte an sie: "Wenn autokratische Parteien einmal an der Macht sind, dann ist der Weg zurück sehr, sehr schwer. Damit richte ich mich vor allem an die Wechsel- und Protestwähler, die glauben, man könne Autokraten nach vier Jahren einfach so wieder abwählen."

Auch der Deutsche Journalistenverband zeigt sich besorgt ob dieser Ereignisse und erklärt gegenüber unserer Redaktion: „Das Vorgehen von AfD-Politikern mit Kameras gegen Journalisten ist strafbar. Journalisten sollten sofort Anzeige erstatten, wenn ihnen das passiert. Was dahinter steckt, ist klar: Die AfD versucht auf diese Weise, ein Klima der Angst zu erzeugen. Dem dürfen Journalisten nicht auf den Leim gehen.“

Die AfD zweifelt weiterhin daran, dass es sich bei dem Video ursprünglich um ein Satire-Beitrag handeln sollte und bleibt bei dem Vorwurf, es sei lediglich ein Versuch, der Partei zu schaden: „Ein von der Rundfunk-Zwangsabgabe finanziertes Hetz-Video als Satire und Kunst zu bezeichnen, scheint der letzte Ausweg der argumentlosen Linken. Das nehmen wir mit einem Lächeln hin. Diese These jedoch mit Lügen zu ummanteln, ist dreist-dumm und leicht zu durchschauen."

SWR erwägt rechtliche Schritte

Der Südwestdeutsche Rundfunk, der als Teil der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender inhaltlich verantwortlich für das "Bohemian Browser Ballett" ist, will den Sachverhalt eingehend prüfen und unter Umständen rechtliche Schritte in Erwägung ziehen. Auf Nachfrage äußerte sich der Sender bestürzt mit Blick auf das Verhalten der AfD:

"Der SWR wird die Drohungen gegenüber dem Produzenten im Zusammenhang mit der Herstellung und Verbreitung des Satire-Videos „Volksfest in Sachsen“ sorgfältig und sachlich prüfen und, wo erforderlich, die notwendigen Maßnahmen einleiten. Er wird nicht hinnehmen, dass die in seinem Auftrag handelnden Produzenten diskreditiert und/oder bedroht werden."

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