Vorteile gegenüber Biontech : Corona-Impfstoff aus Russland: Was wir bislang über „Sputnik V“ wissen

In Russland soll Sputnik V bereits mehr als 1,5 Millionen Menschen verabreicht worden sein.
In Russland soll Sputnik V bereits mehr als 1,5 Millionen Menschen verabreicht worden sein.

Mit Sputnik V ist nun ein weiterer Impfstoff auf dem Mark. Was leistet er und können ihm die Europäer vertrauen?

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03. Februar 2021, 13:35 Uhr

Berlin/Moskau | Im Netz reichen die zahlreichen Reaktionen auf die hohe Wirksamkeit von Sputnik V vom ironischen „Bei #SputnikV bin ich skeptisch. Warte lieber noch die ersten Tests mit Nawalny ab“ bis zum lobenden „Ich habe mich über den Impfstoff #SputnikV lustig gemacht. Jetzt würde ich den auch nehmen“. Klar ist: Wer Corona bekämpfen will, kommt nach den jüngsten Erkenntnissen an dem russischen Impfstoff nicht mehr vorbei.

So hat sich EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen nach Angaben aus Kreisen des Europaparlaments offen für eine mögliche Zulassung des russischen Corona-Impfstoffs in der Europäischen Union gezeigt. Wenn die russischen ebenso wie die chinesischen Hersteller Transparenz zeigten und „alle Daten“ zu ihren Vakzinen offenlegten, könnten sie möglicherweise Zulassungen erhalten.

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Der Kreml hatte zuletzt angekündigt, die EU im zweiten Quartal dieses Jahres mit 100 Millionen Dosen des Impfstoffs beliefern zu können. Ein Antrag auf Zulassung in der EU wurde Ende Januar gestellt. Nach Angaben von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) gibt es Überlegungen zur Produktion des russischen Impfstoffs Sputnik V in Europa. Bei Gesprächen mit der russischen Seite habe es die Bitte gegeben, zu schauen, ob es in Deutschland oder Europa Produktionskapazitäten geben könne, sagte Spahn am Mittwoch bei einer Online-Konferenz. Die EU-Kommissionschefin steht wegen Verzögerungen bei der Lieferung bestellter Impfdosen an die EU-Staaten derzeit massiv in der Kritik.

Sputnik V: Wirksamkeit von 91,6 Prozent

Eine am Dienstag veröffentliche Studie hatte ergeben, dass Sputnik V eine sehr hohe Wirksamkeit aufweist. Laut der von der britischen Fachzeitschrift "The Lancet" veröffentlichten Untersuchung schützte das Vakzin in der dritten und letzten Phase der klinischen Studien 91,6 Prozent der Probanden vor einer symptomatischen Covid-19-Erkrankung. Laut der Autoren wurde der Impfstoff von den Studienteilnehmern gut vertragen.

Die von unabhängigen Experten überprüften Studienergebnisse bestätigen vormals gemachte russische Angaben. Die Auswertung der Daten von 20.000 Probanden über 18 Jahren aus den Phase-III-Studien ergab demnach tatsächlich eine Wirksamkeit von mehr als 90 Prozent nach zwei Impfdosen.

Zum Vergleich: Die Vakzine von Biontech/Pfizer und Moderna punkten mit einer Wirksamkeit von 95 beziehungsweise 94,1 Prozent. Beide beruhen auf der neuen m-RNA-Technologie, bei der die Körperzellen Teile der Virus-Erbinformation als Bauplan für Antikörper erhalten.

Der Astrazeneca-Impfstoff ist nach Einschätzung der europäischen Arzneimittelbehörde EMA im Schnitt zu rund 60 Prozent wirksam. Die EMA empfiehlt den Astrazeneca-Impfstoff für alle ab 18 Jahren, die Ständige Impfkommission des Robert-Koch-Instituts rät wegen zu weniger Testdaten von Senioren von einem Einsatz bei Menschen über 65 Jahren ab.

Ähnlich wie AstraZenenca nutzt das staatliche Gamaleja-Forschungszentrum für Epidemiologie und Mikrobiologie in Moskau, das Sputnik V entwickelt hat, abgeschwächte Adenoviren als Vektoren. Den Viren wurden ihre krankmachenden Eigenschaften im Labor genommen. Stattdessen werden sie mit der Erbinformation für das Spikeprotein des Coronavirus ausgestattet. Werden sie nun in Menschen injiziert, bringen sie ihre Zielzellen dazu, das Spikeprotein zu bilden.

Darauf reagiert die körpereigene Immunabwehr mit der Bildung von Antikörpern. Diese schützen dann vor einer Infektion mit dem echten Coronavirus. Die russischen Forscher haben zudem die Gefahr einer Antikörperbildung gegen den Vektor vorhergesehen und deshalb zwei unterschiedliche Viren ausgewählt.

Vorteile gegenüber Biontech und Moderna

Sowohl Sputnik V wie auch das Mittel von AstraZeneca haben gegenüber den Impfstoffen von Biontech und Moderna zwei entscheidende Vorteile: Sie sind deutlich günstiger und besser zu transportieren. Der Vektorviren-Impfstoff von AstraZeneca ist mit rund 2,50 Euro pro Dosis deutlich günstiger als die Mittel von Biontech und Moderna und außerdem bei normalen Kühlschranktemperaturen haltbar. Das Moderna-Vakzin muss hingegen langfristig bei minus 20 Grad gekühlt werden, das Biontech-Mittel sogar bei minus 70 Grad.

Der russische Sputnik V-Impfstoff kann bei zwei bis acht Grad gelagert und transportiert werden; das erleichtert die Verteilung enorm. So wäre Sputnik V wohl auch bei Hausärzten gut einzusetzen.

Russland hatte im Dezember damit begonnen, Risikogruppen mit Sputnik V zu impfen, und im Januar seine großangelegte Impfkampagne gestartet. Zugelassen worden war das vom Gamaleja-Forschungszentrum entwickelte und nach einem sowjetischen Satelliten benannte Vakzin in Russland schon im August 2020 - noch vor Abschluss der finalen Studien.

Im Video: Drosten zu Impfungen: Bis Ostern wenig Bevölkerungsschutz

Dieses Vorgehen war international auf scharfe Kritik und Vorbehalte gestoßen. Vorwürfe wie „Armes Russland, man wird sehen, wie hoch der Preis für derlei schlampige Verantwortungslosigkeit sein wird“, waren da noch die harmloseren Reaktionen. Offiziell sollen die Tests im Mai dieses Jahres abgeschlossen sein.

In Russland soll Sputnik V bereits mehr als 1,5 Millionen Menschen verabreicht worden sein. Auch in Serbien, Paraguay, Argentinien und Venezuela ist das Vakzin bereits im Einsatz. Mit Ungarn ließ ein EU-Staat Sputnik V eigenmächtig zu, ohne eine Zulassung durch die europäische Arzneimittelaufsicht Ema abzuwarten.

Russland will mit seinem Impfstoff 50 Länder versorgen und ihn unter anderem in Indien, Brasilien, China und Südkorea herstellen lassen, so steht es auf der Webseite, die vom Gamaleya-Institut gemeinsam mit dem Staatsfonds Russian Direct Investment Fund (RDIF) betrieben wird; der Fund ist für die internationale Vermarktung zuständig. Soeben hat Mexiko dem Impfstoff eine Notfallzulassung erteilt.

Denis Logunow vom Gamaleja-Forschungszentrum für Epidemiologie und Mikrobiologie in Moskau, das den Wirkstoff entwickelt hat, sagte: "Um die Covid-19-Pandemie zu stoppen, muss es verschiedene Impfstoffe geben, die auf unterschiedlichen Wirkmechanismen basieren." Sputnik V trage zur Diversifizierung der Impfstoffe bei. Das chinesische Unternehmen CanSino Biologics und der Pharmakonzern Johnson & Johnson haben ebenfalls adenovirusbasierte Impfstoffe in der klinischen Entwicklung . (mit dpa)

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