Feuer frei? : Regierung erleichtert Wolfs-Abschüsse - Streit geht trotzdem weiter

Für den Wolf gilt künftig 'Rudelhaft'. 
Foto: Swen Pförtner/dpa
Für den Wolf gilt künftig "Rudelhaft". Foto: Swen Pförtner/dpa

Die Ausbreitung des Wolfes und die Zunahme an Nutztier-Rissen bewegt nicht nur Schäfer und Landwirte. Nachdem die Bundesregierung die Verantwortung jahrelang weggeschoben hatte, will sie nun ganze Rudel zum Abschuss freigeben, wenn Herden angegriffen wurden. Gegen die Pläne regt sich Protest.

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22. Mai 2019, 14:43 Uhr

Berlin | Geht es Isegrim jetzt an den Kragen? Der Kabinettsbeschluss senkt die Hürden für den Abschuss. Werden Nutztiere gerissen, dürfen - nach Genehmigung durch die Behörden - Wölfe in der Region getötet werden, bis keine weiteren Schäden mehr auftreten. Es gilt also "Rudelhaft": Der Nachweis, dass ein bestimmter Wolf der Täter war, muss nicht mehr erbracht werden. Kommt es zu weiteren Rissen, kann das ganze Rudel abgeschossen werden. Für das "Feuer frei" müssen die Schäden nur noch "ernsthaft" und nicht mehr "erheblich" sein, was etwa den Abschuss von Wölfen ermöglicht, die Herden von Hobbyschäfern attackiert haben.

Vom Wolf gerissene Schafe in Bad Wildbad (Baden-Württemberg).
Foto: Christoph Schmidt/dpa
Christoph Schmidt
Vom Wolf gerissene Schafe in Bad Wildbad (Baden-Württemberg). Foto: Christoph Schmidt/dpa


Warum greift die Regierung ein? Seit der Jahrtausendwende ist der Wolf in Deutschland wieder heimisch und breitet sich aus. Laut der Dokumentationsstelle des Bundes leben in 69 Territorien 60 Rudel, drei Paare und sechs Einzeltiere. Mit 20 Rudeln ist Niedersachsen Wolfsland Nummer 1, gefolgt von Sachsen (18 Rudel), Brandenburg (17 Rudel) und Mecklenburg-Vorpommern (vier Rudel). Die aktuellste bundesweite Zahl zu Rissen stammt von 2017, damals waren es 472 und damit 66 Prozent mehr als 2016. Die Zahl der getöteten, verletzten oder vermissten Tiere stieg auf 1.667. Weil sich Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) und Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) nicht einigen konnten, erklärte Kanzlerin Angela Merkel (CDU) den Wolf schließlich zur Chefsache und vermittelte den nun gefunden Kompromiss.

Die amtlichen Infos rund um den Wolf finden sich hier:

Ist der Streit denn jetzt vorbei? Nein. Klöckner forderte am Mittwoch, den Abschuss von Wölfen zu ermöglichen, noch bevor es zu Rissen gekommen ist. Schulze blockt Präventiv-Tötungen ab und verweist auch auf die strengen EU-Gesetze zum Schutz des Raubtieres. Der Generalanwalt des Europäischen Gerichtshofes hält eine Bejagung des Wolfes nur "in Ausnahmefällen" für zulässig. Schulzes Gesetzentwurf wird noch für Streit im Parlament sorgen. Interessenvertreter sind hin- und hergerissen. Die Berufsschäfer sehen in den Plänen eine "enorme Erleichterung". Der Deutsche Bauernverband fordert in Regionen mit intensiver Weidetierhaltung "wolfsfreie Zonen". Grüne. Linkspartei und Umwelt-Aktivisten wollen den Schutz von Schafen verbessern - etwa durch den Einsatz von Herdenschutzhunden.

Will Wölfe auch abschießen lassen, wenn sie noch keine Tiere gerissen haben: Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner.
Foto: Gregor Fischer/dpa
Will Wölfe auch abschießen lassen, wenn sie noch keine Tiere gerissen haben: Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner. Foto: Gregor Fischer/dpa


Geht es nur um Schafe? Mitnichten. Die AfD hat die Angst vor dem Wolf als Wahlkampfthema entdeckt und macht in Brandenburg und Sachsen - wo im Herbst gewählt wird - kräftig Stimmung gegen das Raubtier. Wie vor einer "unkontrollierten Zuwanderung" durch Ausländer wird vor einer "unkontrollierten Ausbreitung" des Wolfes gewarnt. Auch die FDP bläst zur Jagd, um eine "unkontrollierte Population" zu verhindern. Aus Angst vor Stimmverlusten scheuen die Grünen davor zurück, sich offensiv hinter Lupus zu stellen.

Ist der Wolf auch für Menschen gefährlich? Nein, sagt der Naturschutzbund Deutschland. Angriffe auf den Menschen sind nicht dokumentiert, auch keine bedrohlichen Situationen. Damit sich der Wolf nicht an den Menschen gewöhnt, gilt aber künftig: "Füttern verboten!" Wildtier-Experten raten bei Wolfs-Sichtungen, die Handy-Kamera zu zücken und alle Informationen zu melden. Verschwindet das scheue Raubtier nicht, soll man sich groß machen, laut rufen oder in die Hände klatschen, um es zu vertreiben.

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