Klöckner: "Keine Alltagsramschware" : Preisaufschlag auf Fleisch soll kommen – in mehreren Jahren

Fleisch soll teurer werden – aber erst in einigen Jahren.
Fleisch soll teurer werden – aber erst in einigen Jahren.

"100 Gramm Hähnchenfleisch für 17 Cent" – solche Angebote soll es nach dem Willen der Landwirtschaftsministerin nicht mehr geben.

von
26. Juni 2020, 18:01 Uhr

Düsseldorf | Nach einem branchenübergreifenden Gespräch zur Nutztierhaltung am Freitag sagte Julia Klöckner (CDU), erstmals überhaupt habe sich die gesamte Kette vom Erzeuger bis zum Handel für eine Tierwohlabgabe ausgesprochen. "Wir waren noch nie so weit." Die Umsetzung allerdings wird demnach Jahre dauern: "Das ist keine Frage einer Legislaturperiode".

Am Branchentreff Fleisch "Vom Stall bis zum Teller" in Düsseldorf nahmen Vertreter von Landwirten, Schlachtbetrieben und Handelsunternehmen teil, Tierschützer, Verbraucherschützer und Vertreter des Kartellamtes. Grund für das Treffen sind die Corona-Ausbrüche in großen Schlachtbetrieben.

Mehr zum Thema:

Preise für Fleisch im Mittelpunkt

Corona habe "wie ein Brennglas" die Probleme erkennbar werden lassen, sagte Klöckner. Zu dem Treffen seien dennoch nicht die Gewerkschaften als Vertreter der Arbeitnehmer in den Schlachthöfen eingeladen worden – dies werde Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) machen.

Bei dem Treffen in Düsseldorf ging es laut Klöckner vor allem um die Preisgestaltung für das Lebensmittel Fleisch. "Der Preis für Fleisch und Wurst gibt nicht den wahren Wert wider." Fleisch solle zwar keine Luxusware werden, "aber auch keine Alltagsramschware".

Tierwohlkennzeichen voranbringen

Die von Klöckner eingesetzte Borchert-Kommission hatte im Februar eine Steuer von 40 Cent pro Kilo Fleisch vorgeschlagen. Das Geld solle in einen Fonds fließen, aus dem Landwirte dann Mittel für Stallumbauten oder -neubauten bekommen können. Dafür sprach sich nun Klöckner aus. Die Umsetzung hänge aber ab von vielen Faktoren – vor allem auch der EU-Gesetzgebung. "Wir wollen nicht, dass die Produktion von Fleisch ins Ausland abwandert." Sie wolle daher zunächst das europäische Tierwohlkennzeichen "voranbringen".

Schneller soll demnach die Überprüfung gehen, ob Werbung mit Dumpingpreisen für Fleisch nicht verboten werden könne. Es sei nicht einfach, in die Preisgestaltung einzugreifen, sagte Klöckner. Möglich sei dies vielleicht unter Verweis auf ethische Gründe.

Aufrechterhaltung der Lieferketten

Gastgeberinnen des Branchengesprächs waren auch die Landwirtschaftsministerinnen von Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen, Ursula Heinen-Esser (CDU) und Barbara Otte-Kinast (CDU). In beiden Ländern konzentrieren sich 60 Prozent der schweinehaltenden Betriebe, hier arbeiten die vier größten Schlachthöfe des Landes. Bei Tönnies in Rheda-Wiedenbrück etwa werden 25.000 Tiere pro Tag geschlachtet.

_202006261802_full.jpeg
imago images/Noah Wedel


Nach Angaben von Heinen-Esser ging es bei dem Branchentreffen auch um die Versorgungssicherheit und die Aufrechterhaltung der Lieferketten. Wenn ein großer Schlachtbetrieb ausfalle, dann sei das aufzufangen – bei mehreren gleichzeitig sei das problematisch. Die Landwirte müssten dann "flexibel" reagieren.

"Showveranstaltung"

Otte-Kinast betonte, die Politik habe auch "ein großes Interesse daran, unsere Landwirtschaft zu halten in unseren Ländern und weiter nach vorn zu bringen. Sie verglich den Umbau der Tierhaltung mit dem Ausstieg aus der Atomkraft: Auch das sei gesellschaftlich gewollt gewesen, alle hätten es finanziell über die EEG-Umlage mitgetragen. "Nun müssen wir ähnlich frech sein und in diese Richtung denken."

Tierschutzbund-Präsident Thomas Schröder, der an dem Treffen teilnahm, äußerte sich enttäuscht: "Es wurde geredet, es wurde sich ausgetauscht. Aber konkret wurde es nicht." Es brauche klares und schärferes Ordnungsrecht. Es brauche starken Vollzug und durchgreifende Kontrolle. "Dieser Dreiklang fehlt derzeit."

Das Treffen war bereits vor Beginn auf massive Kritik gestoßen; der DGB etwa sprach von einer "Showveranstaltung".

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen