Gegenseitige Anschuldigungen : Mutmaßliche Tanker-Angriffe – Trump sicher: "Der Iran hat es getan"

Ein iranisches Löschboot vor einem der angegriffenen Öltanker.
Ein iranisches Löschboot vor einem der angegriffenen Öltanker.

Der japanische Betreiber eines der beiden Tanker bestritt, dass sein Schiff von einem Torpedo getroffen worden sei.

svz.de von
14. Juni 2019, 11:33 Uhr

Manama/Singapur | Nach den mutmaßlichen Attacken auf zwei Tanker im Golf von Oman herrscht weiter Rätselraten über die Urheberschaft – und die Angst vor einer bevorstehenden militärischen Eskalation. US-Präsident Donald Trump untermauerte am Freitag in einem Interview die US-Sichtweise. "Der Iran hat es getan", sagte Trump dem Sender Fox News. Der Iran wies hingegen jede Schuld von sich.

Die EU gab sich in Sachen Schuldzuweisungen vorsichtig. "Wir sind dabei, die Lage zu bewerten und Informationen zu sammeln", sagte ein ranghoher EU-Beamter am Freitag in Brüssel.

Iran weist Schuld von sich

Der Iran hält die am Vortag von US-Außenminister Mike Pompeo vorgebrachte Beschuldigung für "lächerlich, gleichzeitig aber auch besorgniserregend und gefährlich", wie Außenamtssprecher Abbas Mussawi am Freitag laut der staatlichen Agentur Irna sagte. Anstatt grundlose Unterstellungen zu verbreiten, sollte man eher herausfinden, wer von solchen Krisen am Golf am meisten profitiere.

Pompeo hatte den Iran verantwortlich gemacht und später zur Untermauerung ein Video präsentiert, das nach der Explosion spielt. Es soll zeigen, wie ein Schnellboot Typ "Gaschti" der iranischen Revolutionsgarden auf den Tanker "Kokuka Courageous" zufährt und die Besatzung eine nicht explodierte Haftmine vom Tankerrumpf entfernen. Eine mögliche Erklärung wäre die Bergung des Sprengstoffes.

Auf dem Video ist zu erkennen, wie sich Menschen an Bord eines Schnellbootes an der Wand eines Öltankers zu schaffen machen und von dort etwas zu entfernen scheinen. Das Boot fährt danach wieder weg von dem Tanker. Centcom sprach von einem "Haftminenangriff" im Golf von Oman.

Der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu warnte wie beispielsweise auch China vor übereilten Reaktionen und forderte eine ernsthafte Untersuchung. Trump hingegen sagte: "Nunja, der Iran hat es getan, und sie haben es, wissen Sie, getan, weil man das Schiff gesehen hat." Er verwies damit auf das Video, das die USA am Vortag zur Verfügung gestellt hatten. Und er fügte hinzu: "Sie wollten nicht, dass Beweise zurückbleiben."

"Kriegshetze stoppen"

Der Iran forderte: "Die USA und ihre regionalen Verbündeten müssen die Kriegshetze stoppen und die schädlichen Verschwörungen sowie die Operationen unter falscher Flagge in der Region beenden." Damit schien der Iran andeuten zu wollen, dass die USA und ihre Alliierten selber für die Angriffe verantwortlich sein könnten. Mit "Operationen unter falscher Flagge" sind Angriffe gemeint, die einem Gegner in die Schuhe geschoben werden sollen, um damit etwa einen Anlass für einen militärischen Konflikt zu schaffen.

Pompeo sagte zuvor, die US-Einschätzung basiere unter anderem auf Geheimdienstinformationen, auf den eingesetzten Waffen und auf ähnlichen Angriffen in jüngster Vergangenheit. Betroffen waren am Donnerstag ein von einem deutschen Unternehmen gemanagter Frachter, der einer japanischen Firma gehört, sowie ein Schiff einer norwegischen Reederei. Beide Tanker wurden beschädigt, die Besatzungen wurden in Sicherheit gebracht.

Auf einem Videostandbild wurden mit roten Pfeilen Stellen am Rumpf des Schiffes Kokuka Courageous markiert, an der zum einen eine Explosion statt fand und an der zum anderen eine angebliche Mine befestigt ist. Das Video, aus dem das Bild stammt, wurde vom US Militär als Beweis verbreitet, dass der Iran hinter den jüngsten Anschlägen auf zwei Schiffe im Persischen Golf steckt. Foto: dpa/U.S. Central Command
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Auf einem Videostandbild wurden mit roten Pfeilen Stellen am Rumpf des Schiffes Kokuka Courageous markiert, an der zum einen eine Explosion statt fand und an der zum anderen eine angebliche Mine befestigt ist. Das Video, aus dem das Bild stammt, wurde vom US Militär als Beweis verbreitet, dass der Iran hinter den jüngsten Anschlägen auf zwei Schiffe im Persischen Golf steckt. Foto: dpa/U.S. Central Command

Japanischer Betreiber bestreitet Torpedo-Angiff

Der japanische Betreiber eines der beiden Tanker bestritt am Freitag, dass sein Schiff von einem Torpedo getroffen worden sei. Insgesamt habe es zwei Angriffe im Abstand von einigen Stunden gegeben, sagte der Präsident der japanischen Firma Kokuka Sangyo bei einer Pressekonferenz in Tokio. Die Besatzungsmitglieder hätten noch vor der zweiten Explosion ein "fliegendes Objekt" gesehen, das auf sie zugesteuert sei. Am Donnerstag hatte er gesagt: "Der Tanker wurde von einer Art Granate angegriffen."

Explosionen an Bord

Der Öltanker "Front Altair" der norwegischen Reederei Frontline geriet am Donnerstagmorgen in Brand. Die norwegische Seefahrtsbehörde sprach zunächst von einem Angriff, die betroffene Reederei bestätigte jedoch bisher nur eine Explosion und einen Brand an Bord. Berichte, das Schiff sei bereits gesunken, stimmten nicht.

Die Hamburger Reederei Bernhard Schulte Shipmanagement (BSM) in Singapur teilte zudem mit, es seien 21 Seeleute von ihrem mit Methanol beladenen Frachter "Kokuka Courageous" gebracht worden. Das Schiff sei am Morgen beschädigt und ein Crewmitglied leicht verletzt worden. Das norwegische Seefahrtsamt erhöhte seine Sicherheitsstufe für das betroffene Gebiet. "Wegen der Angriffe und der unklaren Umstände" rate man unter norwegischer Flagge fahrenden Schiffen, sich von iranischen Territorialgewässern deutlich fernzuhalten, erklärte die Behörde am Donnerstag.

Die betroffene Meerenge, die Straße von Hormus, ist eine der wichtigsten Seestraßen überhaupt, sie verbindet die ölreiche Golfregion mit dem offenen Meer. Über sie läuft ein großer Teil des weltweiten Öltransports per Schiff. Die Rohölpreise stiegen deutlich.

Pompeo sagte, dem Iran gehe es darum, die Aufhebung der US-Sanktionen zu erzwingen. Seine Regierung setzte aber weiter auf wirtschaftliche und diplomatische Bemühungen, «um den Iran zur richtigen Zeit zurück an den Verhandlungstisch zu bringen». Die Vereinigten Staaten würden aber zugleich ihre Truppen und ihre Interessen schützen und ihren Verbündeten zur Seite stehen.

Hamburger Schiff auf Weg von Saudi-Arabien nach Singapur

Nach Angaben der Reederei BSM besteht keine Gefahr, dass die "Kokuka Courageous" sinkt. Die Ladung sei "intakt". Der Schaden sei auf der Steuerbordseite im hinteren Teil des Frachters, sagte der Sprecher. Die 21 Seeleute seien mit einem Rettungsboot auf ein anderes Schiff gebracht worden, die "Coastal Ace". Der leicht verletzte Seemann habe dort Erste Hilfe bekommen. Bei den Seeleuten handele es sich ausnahmslos um Philippiner. Deutsche seien keine an Bord gewesen.

Der 2016 gebaute Öltanker "Front Altair" fährt unter der Flagge der Marschallinseln. Er war nach Angaben des Dienstes "Marine Traffic" auf dem Weg von den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) nach Taiwan. Frontline gilt als die größte Tankerflotte der Erde. Sie ist im Besitz des norwegischen Milliardärs John Frederiksen. Die "Kokuka Courageous" hatte "Marine Traffic" zufolge vor drei Tagen in Saudi-Arabien abgelegt und war unterwegs nach Singapur.

Die Seite marinetraffic.com hat diese Karte veröffentlicht, die die Position des Tankers 'Front Altair' zeigt. Foto:  dpa/marinetraffic.com
dpa/marinetraffic.com
Die Seite marinetraffic.com hat diese Karte veröffentlicht, die die Position des Tankers "Front Altair" zeigt. Foto: dpa/marinetraffic.com

Sabotageakte gegen vier Handelsschiffe

Erst vor vier Wochen hatten die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) Sabotageakte gegen vier Handelsschiffe in derselben Region gemeldet. Nach saudischen Angaben wurden damals zwei Tanker des Landes schwer beschädigt. Die genauen Umstände blieben jedoch unklar. US-Sicherheitsberater John Bolton sprach später von Angriffen mit Seeminen, für die "fast sicher" der Iran verantwortlich sei. Beweise für seine Anschuldigung legte er nicht vor. Die Regierung in Teheran wies den Vorwurf zurück und sprach von "lächerlichen Behauptungen".

Die Spannungen zwischen den USA und dem Iran nehmen seit Monaten zu. Das US-Militär verlegte zuletzt unter anderem einen Flugzeugträgerverband und eine Bomberstaffel in die Region, was Sorgen vor einem militärischen Konflikt aufkommen ließ.

Verhandlungen bisher unwahrscheinlich

Sowohl US-Präsident Donald Trump als auch der oberste Führer der Islamischen Republik, Ajatollah Ali Chamenei, erteilten Verhandlungen aber eine Absage. Trump schrieb auf Twitter, er wisse Abes Bemühungen zu schätzen. Er denke aber, "dass es zu früh ist, auch nur darüber nachzudenken, einen Deal zu machen". Mit Blick auf die Iraner fügte Trump hinzu: "Sie sind nicht bereit, und wir sind es auch nicht."

Chamenei schloss Verhandlungen mit den USA im Atomstreit kategorisch aus. "Der Iran vertraut den USA nicht", sagte er bei einem Treffen mit Abe in Teheran. "Wir haben mit den Amerikanern bereits die bittere Erfahrung beim Atomabkommen gemacht und wollen diese Erfahrung nicht wiederholen." Trump hatte das Atomabkommen mit dem Iran im vergangenen Jahr einseitig aufgekündigt. Danach traten wieder harte US-Wirtschaftssanktionen gegen den Iran in Kraft.

Bereits seit Wochen wachsen in der Region die Spannungen zwischen dem sunnitischen Saudi-Arabien und seinen Verbündeten einerseits sowie dem schiitischen Iran andererseits. Das mit der Trump-Regierung eng verbündete Königshaus in Riad wirft der Führung in Teheran vor, sich in die inneren Angelegenheiten arabischer Staaten einzumischen und die Region zu destabilisieren.

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