9. Oktober 1989 in der DDR : "Natürlich hatten wir Angst": Als die Montagsdemos in Leipzig begannen

Die SED-Führung war zunächst entschlossen, gewaltsam gegen die Demonstranten vorzugehen.
Die SED-Führung war zunächst entschlossen, gewaltsam gegen die Demonstranten vorzugehen.

1989 stehen 70.000 Menschen einer bewaffneten Staatsmacht gegenüber. Zwei Männer tragen die Bilder in die Welt.

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09. Oktober 2019, 05:49 Uhr

Leipzig | Am 9. Oktober 1989 fahren Siegbert Schefke und Aram Radomski mit einem Trabant von Berlin nach Leipzig. Im Gepäck haben sie Videokamera und Fotoapparat. Ihr Ziel: die Montagsdemonstration, die nicht erlaubt ist, die es aber sehr wahrscheinlich geben wird. Was die beiden Männer an diesem Abend dokumentieren, verändert die DDR und Deutschland. "Der 9. Oktober war der entscheidende Tag, der den Durchbruch der friedlichen Revolution gebracht hat", sagt der frühere Direktor des Zeitgeschichtlichen Forums in Leipzig, der Historiker Rainer Eckert.

70.000 Menschen, vielleicht auch mehr, ziehen an diesem Abend in Leipzig über den Ring, der die Innenstadt umschließt. Sie kommen einmal rum, ohne dass die Staatsmacht Gewalt anwendet. "Danach war klar, dass die Diktatur nicht mehr so weiterarbeiten konnte", sagt Eckert. Es wird nur noch ein Monat vergehen, bis in Berlin die Mauer fällt.

Mehr als 70.000 Menschen nahmen an dem Protestmarsch am 9. Oktober 1989 teil, der nach dem Friedensgebet an der Nikolaikirche seinen Ausgang nahm. Foto: dpa/lsn
dpa/lsn
Mehr als 70.000 Menschen nahmen an dem Protestmarsch am 9. Oktober 1989 teil, der nach dem Friedensgebet an der Nikolaikirche seinen Ausgang nahm. Foto: dpa/lsn


Dass der 9. Oktober 1989 ein friedliches Ende nehmen würde, war alles andere als ausgemacht. Schefke und Radomski sehen auf der Autobahn eine lange Lkw-Kolonne. Auf den Ladeflächen hocken Polizisten oder Soldaten, wie sich Schefke erinnert. Mehr als 6000 bewaffnete Kräfte werden in Leipzig zusammengezogen. "Natürlich hatten wir Angst", sagt der heute 60-Jährige. Der Angst stehen aber der Mut und die Entschlossenheit der vielen Menschen gegenüber.

Der "Aufruf der Leipziger Sechs"

Während Schefke und Radomski am Nachmittag nach einem geeigneten Ort für ihre heimlichen Aufnahmen suchen – aus einem Hochhaus am Hauptbahnhof verjagt sie der Hausmeister – herrscht auch andernorts in Leipzig Betriebsamkeit. In vier Kirchen der Stadt werden Friedensgebete vorbereitet. Dort kursieren Flugblätter mit dem Aufruf: "Keine Gewalt!".

Augenzeugen-Video der ersten Montagsdemonstration:


In den Kirchen seien viele Stasi-Leute gewesen, berichtet Eckert. Hunderte hätten die Kirchenbänke auf Geheiß der SED-Führung im Leipziger Rathaus frühzeitig besetzt. "Die saßen da, die anderen standen draußen – und waren noch eher bereit, zu demonstrieren", sagt der Historiker. Die Stadt, wie die Leipziger ihr historisches Zentrum innerhalb des Rings nennen, füllt sich immer mehr.

Auch im Haus des Gewandhauskapellmeisters Kurt Masur wird unter Anspannung gearbeitet. Der international bekannte Dirigent, der Kabarettist Bernd-Lutz Lange, ein Theologe und drei Sekretäre der SED-Bezirksleitung haben sich zusammengefunden, um einen Aufruf zur Besonnenheit zu verfassen – gerichtet an beide Seiten, die Demonstranten und die bewaffnete Staatsmacht. Dieser "Aufruf der Leipziger Sechs" wird am Abend über den sogenannten Stadtfunk – fest installierte Lautsprecheranlagen im Stadtzentrum – übertragen.

Rückblickend sieht es so aus, als habe sich an jenem 9. Oktober ein Puzzleteil zum nächsten gefügt. Doch warum eigentlich Leipzig? Schefke, der ebenso wie Bernd-Lutz Lange ein Buch zur damaligen Zeit herausgebracht hat, sagt, die Leipziger hätten den Protest auf die Straße bringen wollen. Er habe das Gefühl gehabt: "Wenn etwas in der DDR passieren würde, dann in Leipzig", schreibt er in seinem Buch "Als die Angst die Seite wechselte. Die Macht der verbotenen Bilder".


Lange macht in seinen Erinnerungen ("David gegen Goliath") den bedauernswerten Zustand der Stadt mitverantwortlich: "Leipzig war in den Jahrhunderten immer eine stolze Bürgerstadt gewesen. Nach vierzig Jahren DDR wohnten die Menschen in Häusern, deren Fassaden verfielen und durch deren Dächer es vielerorts hereinregnete."

Leipziger SED entscheidet sich gegen aktives Handeln

Auch der frühere Direktor des Zeitgeschichtlichen Forums sieht im Zerfall und der Umweltverschmutzung durch den Braunkohletagebau einen Faktor. Dazu komme die stolze Tradition der Stadt, aus der im Sommer 1989 - wie aus der gesamten DDR – immer mehr Menschen flüchteten, sagt Eckert. Zudem habe Leipzig mit der Nikolaikirche einen festen Anlaufpunkt für oppositionelle Gruppen gehabt. Die montäglichen Friedensgebete gab es dort seit 1982.

Die SED-Führung ist am 9. Oktober 1989 eigentlich entschlossen, gewaltsam gegen die Demonstranten vorzugehen. Aus Berlin gibt es den Auftrag, die sogenannte Staatsfeindlichkeit ein für alle Mal zu beenden. Das Kommando führt in Leipzig an diesem Tag Helmut Hackenberg, ein orthodoxer Funktionär. Er versucht, in Berlin Egon Krenz zu erreichen, um Anweisungen zu erhalten. Krenz, damals zweiter Mann hinter Staatschef Erich Honecker, verspricht, zurückzurufen – tut es aber nicht. Die Leipziger SED-Leitung entscheidet sich gegen aktives Handeln. Die Demonstranten laufen.

Schefke und Radomski filmen vom Turm der Reformierten Kirche herab, der Pfarrer hat sie hineingelassen. Es sind die einzigen Filmaufnahmen von der Demonstration. Westliche Medien sind in Leipzig nicht zugelassen. Ihre Aufnahmen fahren sie noch am Abend nach Berlin und übergeben sie einem westdeutschen Journalisten. Am Tag danach werden sie in den "Tagesthemen" ausgestrahlt. Sprecher Hanns Joachim Friedrichs moderiert sie an als "unglaubliche Bilder aus Leipzig".

Eingelassene Gedenktafel auf dem Leipziger Nikolaikirchhof. Foto: dpa/Peter Endig
dpa/Peter Endig
Eingelassene Gedenktafel auf dem Leipziger Nikolaikirchhof. Foto: dpa/Peter Endig


"Es gibt andere, die mehr riskiert haben als wir, aber die haben nicht die wackeligen Bilder, die wir gemacht haben", sagt Schefke 30 Jahre später. Die Wirkung sei ihnen damals klar gewesen. "Das haben die Leute geguckt. 20 Uhr – Immigration in den Westen über den Fernseher, so war es doch", sagt Schefke. Auch Historiker Eckert ist überzeugt, dass die Filmaufnahmen das Eis weiter gebrochen haben. "Westfernsehen haben in der DDR alle geschaut, außer in Dresden und auf Rügen, wo es nicht zu empfangen war."

Nach dem 9. Oktober überschlagen sich in der DDR die Ereignisse. SED-Chef Honecker tritt zurück, Krenz tritt seine Nachfolge an. Auch das Politbüro gibt auf. Am 9. November fällt in Berlin die Mauer. "Das ist doch ein Traum, was wir damals erlebt haben!", sagt Schefke zu der Zeit.

Leipzig erinnert jedes Jahr mit dem Lichtfest an den historischen 9. Oktober 1989. In diesem Jahr wird der Ring für die Menschen geöffnet, an markanten Punkten wird es Lichtinstallationen geben. Im Gewandhaus ist zudem ein Festakt geplant, bei dem Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sprechen wird. Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) setzt sich seit vielen Jahren für das Gedenken ein. Er betont ebenso wie Zeitzeugen und Historiker, dass es ohne den 9. Oktober in Leipzig den 9. November in Berlin so nicht gegeben hätte.

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