Ikonische Fotos aus dem Parlament : Männerclub war einmal: Neuseeland feiert 125 Jahre Frauenwahlrecht

In einem Jahrhundert hat sich viel getan. Heute wird Neuseeland von einer Frau regiert. Foto: imago/Pacific Press Agency/Shirley Kwok
In einem Jahrhundert hat sich viel getan. Heute wird Neuseeland von einer Frau regiert. Foto: imago/Pacific Press Agency/Shirley Kwok

Frauen haben in Neuseeland heute in einigen Bereichen die Nase vorn. Das Parlament lud zu einem besonderen Fototermin.

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20. September 2018, 22:52 Uhr

Wellington | Sie waren die Ersten weltweit: Am 19. September 1893 erhielten Frauen in Neuseeland das Wahlrecht – und damit ein Vierteljahrhundert vor Deutschland. "Neuseeland ist ein progressives Land. Wir erneuern gerne und haben keine Angst davor, unsere Meinung zu sagen", erklärt die Ministerin für Naturschutz, Eugenie Sage, die Grundhaltung der Neuseeländer.

Zusätzlich zu ihrem eigenen Posten vertritt Sage derzeit Frauenministerin Julie Anne Genter im Amt. Genter sorgte im vergangenen Monat für Schlagzeilen, als sie für die Geburt ihres ersten Kindes mit dem Fahrrad ins Krankenhaus fuhr. Jetzt pausiert sie erstmal bis zu drei Monate von ihren politischen Aufgaben.

Auch Regierungschefin Jacinda Ardern legte kürzlich eine Babypause von sechs Wochen ein. Die Regierungsgeschäfte übernahm ihr Stellvertreter Winston Peters. So mussten keine Entscheidungen vertagt werden. Der einzige größere Aufreger kam nach der Babypause, als Ardern Anfang September mit einem Sonderflug der Air Force für nur einen Tag zum Pacific Islands Forum auf Nauru und zurück flog. Je nach Schätzung kostete der Flug die Steuerzahler bis zu 56.000 Euro. Ardern wollte nach eigenen Angaben ihre elf Monate alte Tochter nicht länger allein lassen, weil diese noch gestillt wurde.

Weltweit einzige Staatschefin, die im Amt ein ein Baby bekam: Jacinda Ardern.
David Rowland/AAP/dpa
Weltweit einzige Staatschefin, die im Amt ein ein Baby bekam: Jacinda Ardern.

Ist Neuseeland also ein Land, wo sich in Frauenfragen auch andere westliche Staaten eine Scheibe abschneiden können? Ja und nein.

Spitze in Bildung und Beruf

Laut einem Ranking des Weltwirtschaftsforums WEF zu den Unterschieden zwischen Mann und Frau aus dem Jahr 2017 liegt Neuseeland auf Rang 9, drei Plätze vor Deutschland, aber hinter den Spitzenreitern Island, Norwegen und Finnland, wo die Differenzen am geringsten sind. Der Index bewertet die Unterschiede zwischen den Geschlechtern nicht nur nach wirtschaftlichen Kriterien, sondern bezieht sich auch auf Bildung, Gesundheit und politische Fragen. Besonders gut schneidet der Inselstaat in den Bereichen Bildung, Teilnahme von Frauen am Arbeitsleben und Gesundheit ab. Bei der politischen Beteiligung wird Neuseeland ebenfalls weit überdurchschnittlich bewertet.

Anlässlich des 125. "Suffrage"-Jahrestages veröffentlichte das neuseeländische Parlament ein aktuelles Foto mit den ins Parlament gewählten Frauen – daneben ein Bild vom selben Ort 1905: eine reine Männerunde.

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Seit der Parlamentswahl 2017 sitzen 46 Frauen im neuseeländischen Parlament, das ist ein Anteil von 38,4 Prozent. Die erste Abgeordnete zog 1933 ins Parlament ein. Im Deutschen Bundestag liegt der Frauenanteil bei 30,9 Prozent. Mit Patsy Reddy hat auch eine Frau das Amt des Generalgouverneurs inne. Der Generalgouverneur vertritt das Staatsoberhaupt, die britische Königin Elizabeth II.

Vorwürfe zur Schwangerschaft

Dennoch müssen auch Neuseeländerinnen immer wieder aufs Neue gegen Widerstände ankämpfen. Ardern etwa musste sich schon bei ihrem Antritt als Chefin der Labour-Partei die Frage nach dem Kinderwunsch gefallen lassen. Dass man Frauen im Beruf heute noch solche Fragen stelle, sei "völlig unannehmbar", meinte die damalige Oppositionsführerin.

Aus der Bevölkerung schlug ihr nicht nur Wohlwollen entgegen, als sie kurz nach dem Labour-Wahlsieg ihre Schwangerschaft ankündigte. Kommentatoren in sozialen Netzwerken warfen ihr vor allem vor, dies zu spät getan zu haben. Sie habe das Land getäuscht, hieß es. "Ich werde nicht die erste Frau sein, die "Multitasking" machen muss", sagte sie über die anstehende Doppelbelastung.

Petition um Besenstil gewickelt

In den meisten anderen westlichen Demokratien erhielten Frauen erst in den Jahren nach dem Ende des Ersten Weltkrieg das Wahlrecht, in Deutschland etwa im November 1918. Schweizerinnen mussten bis 1971 warten. Neuseelands Vorreiterrolle beim Frauenwahlrecht begründete sich auf die jahrelange Arbeit von Vorkämpferinnen wie Kate Sheppard. Die Petition mit 25.521 Unterschriften, die Aktivistinnen vor 125 Jahren dem Parlament in Wellington überreichten, war 274 Meter lang. Die Frauen hatten die Rolle um einen Besenstiel gewickelt.

Wenn man an die 125 Jahre Wahlrecht zurückdenke, sei klar, dass damals ganz normale Frauen Außerordentliches erreicht hätten, sagte Ardern im September anlässlich des Jahrestages. In vielen Familien gebe es Geschichten über Großmütter und Tanten, die die Petition unterschrieben hätten. Ardern sprach auch über ihre eigene Ur-Urgroßmutter Catherine, die 1883 ihre Unterschrift unter die Wahlrechtspetition setzte.

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"Die Fragen, für die sie gekämpft haben – wirtschaftliche Unabhängigkeit, Freiheit von Gewalt, gleiche Bezahlung – das sind Fragen, mit denen wir uns auch heute noch beschäftigen", sagte die Regierungschefin. Das Land schulde seinen Fortschritt all jenen Frauen, die Risiken eingehen und solche Kämpfe ausfechten und gewinnen würden, so Ardern: "Für gleichen Lohn, gegen häusliche Gewalt und für das Recht, zu wählen, ob man andere betreuen, Karriere machen oder Mutter sein will."

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