Nach heftigen Ausschreitungen : Krawallnächte von Leipzig: Oberbürgermeister verurteilt die Gewalt

Teilnehmer der Demonstration zogen durch den Stadtteil Connewitz in Leipzig.
Teilnehmer der Demonstration zogen durch den Stadtteil Connewitz in Leipzig.

Nach zwei Hausbesetzungen erlebt Leipzig Ausschreitungen. Den dritten Abend in Folge eskalierte eine Demonstration.

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05. September 2020, 21:44 Uhr

Leipzig | In Leipzig ist es am Samstag den dritten Abend in Folge zu Ausschreitungen gekommen. Im Stadtteil Connewitz lief eine Demonstration gegen Gentrifizierung und Verdrängung schon nach wenigen Hundert Metern aus dem Ruder. Das Motto der Versammlung lautete "Kämpfe verbinden – Für eine solidarische Nachbarinnenschaft".

Demonstranten zünden Pyrotechnik

An der Kundgebung beteiligten sich nach Polizeiangaben bis zu 500 Menschen. "Unmittelbar nachdem der Aufzug sich in Bewegung gesetzt hat, kam es aus der Versammlung heraus von Teilnehmern zu Steinwürfen gegen Polizeibeamte sowie gegen Gebäude und zum Zünden von Pyrotechnik", sagte Polizeisprecherin Mandy Heimann. Aufgrund der "unfriedlichen Situation" sei die Versammlung für aufgelöst erklärt worden. Zwei Polizisten verletzten sich bei dem Einsatz.

Teilnehmer einer Demonstration zogen mit roten Pyro-Fackeln durch den Stadtteil Connewitz.
dpa / Hendrik Schmidt
Teilnehmer einer Demonstration zogen mit roten Pyro-Fackeln durch den Stadtteil Connewitz.


Danach gab es in Seitenstraßen Jagdszenen zwischen Vermummten und den Einsatzkräften. Mehrere Menschen wurden in Gewahrsam genommen. Gegen 15 Menschen wird wegen Landfriedensbruchs, Sachbeschädigung und Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte ermittelt. Einige davon wurden nach Angaben einer Polizeisprecherin festgenommen. Gegen Sonntagmittag wurden die letzten aus dem Gewahrsam entlassen.

Hubschrauberpilot geblendet, Streifenwagen in Brand

Kurz vor Mitternacht gab es laut Polizei zwei weitere Spontanversammlungen gegen die Festnahme von Demonstranten mit jeweils etwa 30 Teilnehmern. Mülltonnen und ein Polizeiwagen auf dem Gelände des Polizeiverwaltungsamts brannten. In Connewitz stoppten Randalierer eine Straßenbahn und besprühten sie mit Graffiti. Der Pilot eines Polizeihubschraubers wurde während des Einsatzes mit einem Laser geblendet, weshalb auch wegen gefährlichen Eingriffs in den Luftverkehr ermittelt wird. Den Sachschaden konnte die Polizei am Sonntag noch nicht beziffern.

Erneut war die Polizei mit zahlreichen Kräften vor Ort.
Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild/dpa
Erneut war die Polizei mit zahlreichen Kräften vor Ort.


Hintergrund der aufgeheizten Lage ist die Räumung eines besetzten Hauses am Mittwoch im Leipziger Osten. Nach der Räumung eines weiteren Hauses im alternativ geprägten Stadtteil Connewitz eskalierten die Proteste der linken Szene bereits am Donnerstag- und am Freitagabend.

Dritter Gewaltausbruch in Folge


Polizisten postierten sich in Schutzausrüstung mit Schutzschilden am Connewitzer Kreuz.
dpa / Hendrik Schmidt
Polizisten postierten sich in Schutzausrüstung mit Schutzschilden am Connewitzer Kreuz.


Am Samstagabend war die Polizei mit einem Großaufgebot im Einsatz. Mehrere Hundertschaften der Bereitschaftspolizei wurden von Kräften aus Thüringen und der Bundespolizei unterstützt. Nach den Eskalationen der vorhergehenden Tage hatte sich die Polizei schon im Vorfeld besorgt geäußert. "Wir haben natürlich auch heute gehofft, dass es ein friedliches Versammlungsgeschehen werden wird und wir hier kommunikativ mit den Versammlungsteilnehmern ins Gespräch kommen", sagte Heimann. "Dass es sich heute wieder in dieser Form darstellt, erschüttert uns auch."

Polizei prüft Konsequenzen

Nach drei Krawallnächten in Folge in Leipzig prüft die Polizei Konsequenzen für weitere Demos und Versammlungen in der Stadt. Das Geschehen der vergangenen drei Nächte seit Donnerstag werde jetzt ausgewertet, sagte Polizeisprecherin Marias Braunsdorf am Sonntag. Die Erkenntnisse sollen dann in Kooperationsgespräche einfließen, die immer vor Demonstrationen mit den Anmeldern und der Stadt stattfinden.

Oberbürgermeister kritisiert Gewalt

Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) verurteilte die Gewalt am Samstag "auf das Schärfste". Er kritisierte, dass die Debatte um bezahlbaren Wohnraum "mit den Besetzungen und gewalttätigen Ausschreitungen einen schweren Rückschlag erlitten" habe. "Man schafft keinen Wohnraum, indem man Polizisten angreift und Barrikaden anzündet", erklärte Jung. Die "so wichtige Wohnraumdebatte, die vor uns steht", werde nun "deutlich schwerer", kritisierte der Oberbürgermeister. "Denn zunächst muss das durch die Ausschreitungen verloren gegangene Vertrauen zurückgewonnen werden."

Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung kritisierte am Sonntag die Ausschreitungen in seiner Stadt.
Archivfoto: imago images/Christian Grube
Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung kritisierte am Sonntag die Ausschreitungen in seiner Stadt.


Auch die Grünen verurteilten die Ausschreitungen. Einige gewaltbereite Demonstrierende hätten den wichtigen Forderungen von Aktivisten, gegen den Leerstand in der Stadt vorzugehen und bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, "einen Bärendienst" erwiesen, erklärte Matthias Jobke, Sprecher der Leipziger Grünen, am Samstag. Er forderte zugleich Politik und Verwaltung auf, alles zu tun, um Hauseigentümer zu verpflichten, Wohnraum zu schaffen und zu vermieten. Der Landesvorsitzende der FDP Sachsen, Frank Müller-Rosentritt, forderte "klare Kante und konsequentes Durchgreifen" gegen linke Gewalttäter.

"Kritische Aktionstage" stehen bevor

In Leipzig hatte es in den vergangenen Monaten wiederholt Ausschreitung der linken Szene sowie Angriffe auf Polizisten und teilweise auch Journalisten gegeben. Und schon am nächsten Wochenende könnte es in Leipzig wieder unruhig werden. Zu dem Zeitpunkt hätte eigentlich der EU-China-Gipfel in der Stadt veranstaltet werden sollen. Er wurde wegen Corona abgesagt. Linksradikale rufen dennoch zu "kritischen Aktionstagen" auf. Unter anderem soll es am Samstag in der Eisenbahnstraße im Osten Leipzigs eine Demonstration mit dem Motto "Storm the fortress – Break all borders!" geben.

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