"Hilferuf" aus dem Münsterland : "Liebe Angie" und "hey Rezo": Bürgermeister in Not verfasst Protestbrief

Bert Risthaus (CDU), der Bürgermeister von Ascheberg.
Bert Risthaus (CDU), der Bürgermeister von Ascheberg.

Der Brief für den Kampf gegen den Klimawandel hat drei Adressaten an: Kanzlerin, Verkehrsminister – und Youtuber Rezo.

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04. Juni 2019, 23:09 Uhr

Ascheberg | Ernster Anlass mit ironischem Unterton: In seinem Brief schildert Aschebergs Bürgermeister Bert Risthaus (CDU), wo und wie seine Gemeinde gern mehr für den Klimaschutz tun möchte – und wo ihm die Unterstützung der Bundespolitik fehlt.

Der Gemeinderat solle deshalb einen "Hilferuf" des Bürgermeisters an Bundeskanzlerin Angela Merkel ("Liebe Angie"), Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer ("Hallo Andie") und den YouTuber Rezo ("Hey Rezo") beschließen, schlägt Risthaus vor. Rezo hatte mit seinem Video über die "Zerstörung der CDU" vor der Europawahl für viele Diskussionen gesorgt.

Der Youtuber Rezo.
dpa/privat
Der Youtuber Rezo.

Vom Youtuber erhofft sich der Bürgermeister vor allem Nachhilfe in Sachen soziale Medien.

Der Brief im Wortlaut:

"Sehr geehrte Frau Bundes- und Klimakanzlerin Dr. Dr. h.c. mult. Angela Merkel , liebe Angie, sehr geehrter Herr Bundesminister Andreas Scheuer , hallo Andie, hey Rezo,

wir schreiben euch aus einer kleinen Gemeinde im Münsterland mit drei Ort- und elf Bauerschaften und Namen Ascheberg. Wir sind uns sicher, dass der Mensch die Ursache des Klimawandels ist. Davon brauchen wir uns nicht durch eine Reise zum Nordpol zu überzeugen.

Wir arbeiten als Kommunalpolitiker seit Jahren für den Klimaschutz. Deshalb wollen wir nicht wie andere Städte und Gemeinden den Klimanotstand ausrufen, sondern ihn bewältigen. Dafür brauchen wir jetzt eure Hilfe:

Liebe Angie,

mit deiner Hilfe haben wir einen Klimaschutzmanager eingestellt, ein Klimaschutzkonzept erarbeitet und festgestellt, dass Windkraftanlagen zwar doof aussehen, aber auch bei uns alternative Energiequellen bieten. Wir haben in unserem Flächennutzungsplan Zonen für Windenergie dargestellt, passende Grundstücke gepachtet und einen Antrag auf Erlaubnis zum Bau eines Bürgerwindparks gestellt.

Leider sind deine Mitarbeiter des Bundesaufsichtsamtes für Flugsicherung dagegen, weil sie glauben, die veraltete Technologie des Drehfunkfeuers Albersloh werde zu stark gestört. Deshalb dürfen wir in unserer Gemeinde keine einzige Windkraftanlage aufstellen . Den Klimaschutz haben deine Leute also gar nicht auf dem Radar. Könntest du diesen geistigen Tiefflug bitte beenden lassen? Als kleines Dankeschön würden wir statt eines weiteren Ehrendoktorhutes unseren Hauptbahnhof nach dir benennen. Womit wir beim zweiten Thema wären:

Hallo Andie,

unsere Regionalbahn 50 'Der Lünener' wirst du als nicht mehr ganz so neuer Bundesverkehrsminister sicher schon kennen. Das ist der Zug, der einmal pro Stunde auf der eingleisigen und maroden Strecke zwischen Münster und Dortmund pendelt. Unsere Jahre währenden Forderungen nach einem Ausbau der Strecke um ein zweites Gleis füllen bei dir und bei uns ganze Aktenschränkte oder zig Giga- – ach was – Petabyte Speicherplatz auf deiner Festplatte, falls du schon digital arbeitest.

Deine Leute im Verkehrsministerium tun sich mit dem Ausbau der Strecke echt schwer. Wenn du aber die drohenden Klimaschädenfolgekosten berücksichtigst, dann wirst du sehen, dass das in einen Ausbau investierte Geld gut angelegt ist. Sogar viel besser als in die Förderung von E-Autos, denn die erhöht den Individualverkehr und den Ressourcenverbrauch für die Herstellung und Wartung der vielen neuen Fahrzeuge. Könntest du bitte deine Mannschaft auf das richtige Gleis setzen und bald schon mit dem Ausbau beginnen?

Hey Rezo,

zugegeben, wir sind nicht so fit in Social Media wie du. Dafür kümmern wir uns täglich um unsere Mitmenschen. Wir schaffen Gemeinschaft und zerstören sie nicht! Die Anliegen sind dabei so unterschiedlich wie die Menschen, die hier leben:

  • Wir sorgen für Gewerbeflächen, damit Arbeitsplätze entstehen und erhalten bleiben. Und das mit Erfolg, denn wir haben seit Jahren die niedrigste Arbeitslosenquote in ganz Nordwest-Deutschland.
  • Wir kümmern uns um Wohnraum. Wir akzeptieren, dass wir dabei Tiere und Pflanzen schützen müssen. Deshalb müssen wir den Leuten manchmal erklären, dass wir erst einmal für einige Vogelpaare ein neues Zuhause finden müssen, bevor die Menschen ihr Nest bauen können.
  • Wir investieren in unsere Schulen und bauen eine neue KiTa nach der anderen.
  • Wir wandeln öffentliche Grünflächen in Insektenweiden um.
  • Und wir haben das gesamte Gemeindegebiet mit Glasfasern vernetzt. Deine YouTube-Videos können wir uns jetzt an jeder Milchkanne anschauen.

Die Kommunikation im Internet wollen wir lernen. Könntest du uns zwischenzeitlich bitte mit einem coolen Video unterstützen?

Liebe Angie, hallo Andie, hey Rezo, wir könnten noch mehr darüber schreiben, was uns bewegt und was wir bewegen. Wir glauben aber nicht, dass jemand dafür noch ausreichend Zeit oder Konzentrationsfähigkeit aufbringen kann. Also lassen wir es. Wir freuen uns über eure kurzen und positiven Antworten im Sinne des Klimaschutzes und der Menschen in unserer Gemeinde.

Gemeinsam schaffen wir es! Vielen Dank im Voraus und viele Grüße eure Gemeinde Ascheberg"

Nun warten die Gemeindevertreter auf Antwort.

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