Unterhauswahlen in Großbritannien : Corbyn vor TV-Duell unter Druck – Kann taktisches Wählen den Brexit verhindern?

Die Rivalen treffen erneut zur TV-Debatte aufeinander.
Die Rivalen treffen erneut zur TV-Debatte aufeinander.

Eine Woche vor der Parlamentswahl am 12. Dezember kommt es zum Showdown. Labour kämpft derweil mit miesen Umfragen.

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06. Dezember 2019, 12:26 Uhr

Southampton | Die beiden Spitzenkandidaten im britischen Wahlkampf, Premierminister Boris Johnson und Oppositionsführer Jeremy Corbyn von der Labour-Partei, treffen an diesem Freitag in einem TV-Duell aufeinander. Es ist die letzte und möglicherweise entscheidende TV-Debatte im britischen Wahlkampf.

Weniger als eine Woche vor der Parlamentswahl am 12. Dezember gilt das Duell im BBC-Fernsehen (21.30 Uhr MEZ) als letzte Chance für den Labour-Chef, das Ruder noch einmal herumzureißen. Johnsons Konservative führen in den Umfragen mit großem Abstand vor den Sozialdemokraten. Die beiden müssen sich in der einstündigen Sendung Fragen aus dem Publikum stellen.

Weiterlesen: Aufreger und Aussetzer im britischen Wahlkampf

Labour könnte Minderheitsregierung anführen

Aktuelle Umfragen projizieren Johnsons Konservative als stärkste Kraft mit einem Vorsprung von rund zehn Prozent. Labour liegt acht Prozent unter ihrem Wahlergebnis von 2017:

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Labour hat somit kaum Aussichten auf eine eigene Mehrheit und müsste darauf hoffen, nach der Wahl mithilfe von kleineren Parteien eine Minderheitsregierung bilden zu können.

Warum Wahlprognosen in Großbritannien so ungenau sind

"The-winner-takes-it-all-Prinzip": In Großbritannien gilt ein System der relativen Mehrheitswahl, das heißt, der Kandidat in einem der 650 Wahlkreise, der die meisten Stimmen erhält – egal ob über 50 Prozent oder nicht – gewinnt die Wahl.

Umfragewerte wenig aussagekräftig: Bei Umfragen erkundigen sich Meinungsforscher nach der Parteipräferenz des Wählers. Das Ergebnis bildet landesweite Durchschnittswerte ab. Sie lassen nicht darauf schließen, wer die einzelnen Wahlkreise gewinnt. So können am Ende zum Beispiel 40 Prozent der Stimmen 60 Prozent der Mandate entsprechen.

Schleudersitz Downing Street: Diese Disproportionalität zwischen Stimmen und Sitzen sorgt dafür, dass kleine Parteien es tendenziell nicht ins Unterhaus schaffen. Gleichzeitig bekommt die stärkste Partei oft übermäßig viele Sitze, was die Mehrheit der Wählerstimmen gar nicht spiegelt (da ist das personalisierte Verhältniswahlrecht in Deutschland repräsentativer). Für Großbritannien bedeutet das aber auch, dass schon relativ kleine Schwankungen der Wählerstimmen große Verschiebungen bei der Sitzverteilung bedeuten – es also öfter zu Regierungswechseln kommt.

Wie stehen die einzelnen Parteien zum Brexit?

Der geplante Brexit ist wichtigstes Thema im Wahlkampf. Johnson will mit den Tories das Land mit seinem neu verhandelten Austrittsabkommen zum 31. Januar 2020 aus der Europäischen Union führen. Dafür braucht er eine stabile Mehrheit. Seine Vorgängerin Theresa May war mit ihrem Deal drei Mal im Parlament gescheitert.

Labour-Chef Corbyn will dagegen den Austritt noch einmal verschieben und innerhalb von drei Monaten ein neues Abkommen mit Brüssel verhandeln. Ihm schwebt ein Brexit mit sehr enger Bindung an die EU vor. Seinen Deal will er den Briten in einem Referendum zur Abstimmung vorlegen. Die Alternative wäre ein Verbleib in der Staatengemeinschaft. Corbyn selbst will dabei neutral bleiben.

Die Scottish National Party (SNP) will, dass Großbritannien in der EU bleibt. Sie fordert ein zweites Referendum über einen EU-Austritt und fordert, dass der Brexit andernfalls abgesagt wird. Sollte das auch nicht passieren, visieren die Schotten eine Abspaltung vom Vereinigten Königreich an.

Die Democratic Unionist Party (DUP) in Nordirland unterstützte bei der vergangenen Wahl noch die Torys, doch Johnsons Brexit-Deal sei nachbesserungswürdig, meinen sie nun.

Briten, die den Brexit ablehnen, rufen dazu auf, taktisch zu wählen: Auch Anhänger der proeuropäischen Liberal Democrats, Greens, Plaid Cymru und The Independent Group for Change sollten lieber Labour ihre Stimme geben, um die Brexit-Pläne der Torys zu durchkreuzen.

Taktisch hat auch die rechtskonservative Brexit-Party agiert: Sie zog ihre Wahlkreiskandidaten zurück, um der Tory-Partei keine Konkurrenz zu machen. Die Brexit-Hardliner befürworten einen EU-Austritt ohne Deal.


Schauspieler Hugh Grant unterstützt Lib-Dem-Abgeordnete Luciana Berger im Wahlkampf und zog mit ihr in London durch die Straßen, um zur taktischen Wahl gegen Johnson zu werben. Foto: Martyn Wheatley / i-Images/Martyn Wheatley
Schauspieler Hugh Grant unterstützt Lib-Dem-Abgeordnete Luciana Berger im Wahlkampf und zog mit ihr in London durch die Straßen, um zur taktischen Wahl gegen Johnson zu werben. Foto: Martyn Wheatley / i-Images/Martyn Wheatley


Streit um NHS und Haftentlassungen

Neben dem Brexit lautet das zweite wichtige Thema im Wahlkampf Gesundheit. Beide Politiker versprechen massive Investitionen in den maroden Nationalen Gesundheitsdienst (NHS). Geplagt werden sowohl Corbyn als auch Johnson zudem von Antisemitismus- und Rassismusvorwürfen. Dem Labour-Chef wird seit langem vorgehalten, antisemitischen Tendenzen in seiner Partei nicht entschieden genug entgegenzutreten. Einige halten ihn sogar selbst für antisemitisch. Johnson sieht sich immer wieder dem Vorwurf des Rassismus und der Islamophobie ausgesetzt.

Eine Woche nach dem Anschlag bei der London Bridge dürfte auch das Thema vorzeitige Haftentlassungen eine Rolle spielen. Attentäter Usman Khan hatte am 29. November zwei Menschen erstochen und drei verletzt, bevor er auf der London Bridge von Zivilisten überwältigt und von der Polizei erschossen wurde. Er trug eine Sprengstoffgürtel-Attrappe. Der wegen früherer Anschlagspläne bereits verurteilte Terrorist war vor einem Jahr auf Bewährung routinemäßig vorzeitig entlassen worden. Johnson forderte umgehend härtere Strafen für Gewalt- und Schwerverbrecher. Corbyn äußerte sich zurückhaltender.

Der Sender BBC streamt die einstündige TV-Debatte live auf seiner Website. Los geht es am Freitag um 21.30 Uhr (deutscher Zeit).

Weiterlesen: Erstes TV-Duell zwischen Johnson und Corbyn: "Jap, das war Zeitverschwendung"

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