Am Montag Agrargipfel bei Kanzlerin : Landwirtschaftliche Sorgentelefone: Bauern wissen nicht, wie es weitergehen soll

Viele Bauern wissen nicht, wie es mit ihren Betrieben weitergehen soll. Foto: Michael Gründel
Viele Bauern wissen nicht, wie es mit ihren Betrieben weitergehen soll. Foto: Michael Gründel

Nach den Bauern-Großdemonstrationen jetzt der Agrargipfel im Kanzleramt: Bundeskanzlerin Angela Merkel hat dutzende Verbände zum Gespräch über die Zukunft der Landwirtschaft in Deutschland geladen. Kann das etwas bringen?

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01. Dezember 2019, 12:12 Uhr

Osnabrück | Die Stimmung ist schlecht in der Landwirtschaft. Sehr schlecht. Davon konnte sich der Rest der Gesellschaft angesichts der drei Großdemonstrationen von Landwirten und diverser kleiner Protestaktionen selbst ein Bild machen. Stundenlang setzten sich die Bauern auf ihre Trecker, um zu protestieren. „Auf den Bauernhöfen herrscht eine große Sorge um die Zukunft“, sagt Hartmut Schneider.

Er steht der Bundesarbeitsgemeinschaft der landwirtschaftlichen Familienberatung und Sorgentelefone vor. Plagen Landwirte Probleme, dann rufen sie häufig bei Schneider oder seinen Kollegen an.

Zur Sache

Landwirtschaftliche Sorgentelefone und Familienberatungen

Die Mitarbeiter der Landwirtschaftlichen Sorgentelefone und Familienberatungen in Niedersachsen bieten vertrauliche Gespräche und unabhängige Beratung am Sorgentelefon oder auf dem Betrieb an. Das Sorgentelefon ist anonym und kostenfrei unter der Telefonnummer 05401/866820 zu erreichen. Familien, Paare und Einzelpersonen aus dem ländlichen Raum können sich montags, mittwochs und freitags zwischen 8.30 Uhr und 12 Uhr sowie dienstags und donnerstags von 19.30 Uhr bis 22 Uhr an das Sorgentelefon wenden. Die Familienberatung bietet darüber hinaus Besuche vor Ort an, für die eine Aufwandsentschädigung in Rechnung gestellt wird. Weitere Informationen lesen Sie im Internet unter www.sorgentelefon-landwirtschaft.de.


Am Montag vertritt er seinen Verband beim Agrargipfel im Kanzleramt – einer von 40 Interessenvertretern aus der Agrarbranche.

Anrufe bei Sorgentelefonen nehmen zu

Wie genau die Veranstaltung ablaufen soll, ist noch nicht klar. Aber Schneider will darauf verweisen, dass Landwirte nicht wüssten, ob und wie sie ihren Betrieb weiterentwickeln sollen. Einen neuen Stall bauen? Einen neuen Trecker anschaffen? Dem Nachwuchs die Übernahme des Betriebes empfehlen? Das seien die Fragen, die viele Bauern derzeit bewegten, so Schneider. „Viele fragen sich: ,Sind meine Kinder den ständig wechselnden Herausforderungen gewachsen.'“

Neben dem Druck aus der Gesellschaft kämen immer höhere Anforderungen etwa beim Düngen, dem Insektenschutz oder der Tierhaltung hinzu. „Ich nehme eine große Veränderungsbereitschaft wahr. Und doch kommt gefühlt alles auf einmal. Das überfordert viele.“ Der Beratungsbedarf der Bauern sei zuletzt gestiegen, sagte Schneider. Die Zahl der Anrufe bei den Sorgentelefonen habe zugenommen.

Bauernpräsident: Naturschutz nicht auf Basis von Verboten

Bauernpräsident Joachim Rukwied stellte im Vorfeld des Gipfels klar, dass das sogenannte Agrarpaket der Bundesregierung neu verhandelt werden müsse. Das Mehr an Maßnahmen zum Schutz von Insekten und Umwelt war letztlich Auslöser der Demonstrationen der vergangenen Wochen.

Foto: dpa/Rumpenhorst
Frank Rumpenhorst
Foto: dpa/Rumpenhorst


Rukwied sagte: „Es geht uns nicht um das Ob, sondern ausschließlich um das Wie. Wir wollen Naturschutz gemeinsam nach vorne bringen, nicht einfach Verbote als Basis." Das sei auch keine Verzögerungstaktik.

Doch der Bauernverband, seines Zeichens größte Interessensvertretung der deutschen Landwirte, wird nur einer von vielen Verbänden sein. Auch der Bund Deutscher Milchviehhalter oder die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft sind eingeladen.

Auch der Agrarblogger „Bauer Willi“ Willi Kremer-Schillings, der vor einigen Wochen die Grüne-Kreuze-Bewegung als stillen Protest gegen die Agrarpolitik der Bundesregierung ins Leben gerufen hatte, nimmt teil.

Foto: Gert Westdörp
Gert Westdörp
Foto: Gert Westdörp


Ebenso Vertreter der landwirtschaftlichen Graswurzel-Bewegung „Land Schafft Verbindung“, die die Großdemonstrationen am Bauernverband vorbei auf die Beine gestellt hatte.

An der Zusammensetzung des Gipfels gab es bereits vielfältige Kritik. Viele Landwirte bezweifeln, dass die Versammlung etwas bewirken wird. Sie rechnen vor, dass bei drei Stunden, die für den Termin angesetzt sind, jeder Verband nur wenige Minuten habe, seine Position vorzustellen.

Gipfel ohne Natur- und Tierschützer

Grünen-Agrarpolitiker Friedrich Ostendorff verwies zudem darauf, dass keine Umwelt- und Tierschutzverbände eingeladen sind. Er sagte unserer Redaktion: „Der Agrargipfel wird nicht verbinden, sondern weiter spalten. Für einen echten Dialog müssen der Tier- und Naturschutz, die Länder und die Opposition eingebunden werden.“

Auch die FDP hegt Zweifel. Carina Konrad sagte: „Die Erwartungen sind hoch und die Enttäuschung unserer Bauern vorprogrammiert. Ich habe keine Hoffnung, dass sich etwas ändern wird.“ Sie verwies darauf, dass Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) offenbar nicht am Gipfel teilnehme. Streitigkeiten zwischen ihr und Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU, Foto rechts) hatten in den vergangenen Monaten immer wieder die Agrarpolitik überschattet.

Foto: dpa/Nietfeld
Kay Nietfeld
Foto: dpa/Nietfeld


Die Agrarministerin teilte am Wochenende mit: „Wir wollen die Branche einbinden und gemeinsam Lösungen entwickeln, damit die Landwirtschaft in Deutschland eine Zukunft hat." Die Landwirtschaft sei in einer Umbruchzeit, sagte die Ministerin. „Sie verdient Wertschätzung und Zeit für die Anpassungsleistungen." (mit dpa)



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