Petra Bentkämper im Interview : Landfrauenpräsidentin: Unwissen über Landwirtschaft macht mich fassungslos

Petra Bentkämper, Präsidentin des Deutschen Landfrauenverbandes. Foto: imago images/Metodi Popow
Petra Bentkämper, Präsidentin des Deutschen Landfrauenverbandes. Foto: imago images/Metodi Popow

Mit gut 500.000 Vereinsmitgliedern hat der Deutsche Landfrauenverband mehr als die Fußballclubs Bayern München und Borussia Dortmund zusammen. Im Interview äußert sich die neue Präsidentin Petra Bentkämper zu Sexismus in der Agrarbranche, zur gesellschaftlichen Anerkennung der Landwirtschaft – und zum Kuchenbacken.

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09. November 2019, 07:45 Uhr

Münster | Frau Bentkämper, fangen wir mit den Vorurteilen an: Wenn man Landfrauen googelt oder in die bunten Land-Magazine im Zeitschriftenhandel schaut, dann geht es vorrangig ums Kuchenbacken… ist an dem Vorurteil etwas dran?

Foto: dpa/Michael Reichel
Michael Reichel
Foto: dpa/Michael Reichel


Viele Landfrauen können ziemlich gut backen, das stimmt. Aber natürlich nicht nur das! Unser Verband ist ziemlich breit aufgestellt. Das wird auch an unserer Mitgliederstruktur deutlich: Wir haben bundesweit 500.000 Mitglieder. Je nach Region hat ein Großteil der Frauen gar nichts mit der Landwirtschaft zu tun. Sie leben auf dem Land und fühlen sich mit unseren Zielen verbunden.

Wir reden viel über Landflucht: Junge Menschen ziehen in die Städte, zurück bleiben die Älteren. Macht das Ihrem Verband zu schaffen?

Selbstverständlich macht uns diese Bewegung zu schaffen. An sich ist es ja auch eine gute Sache, wenn junge Menschen sich aufmachen und die Welt erkunden wollen. Aber spätestens, wenn sie eine Familie gründen, wollen viele dann doch lieber zurück aufs Land. Da mangelt es aber häufig an den Voraussetzungen, um Familie und Beruf zu verbinden: Busanbindungen, Kindergärten vor Ort und so weiter. Das macht Frauen zu schaffen…

Foto: dpa/Schulze
Foto: dpa/Schulze


Warum Frauen? Was ist mit den Vätern?

Machen wir uns doch nichts vor: In den meisten Familien bleiben nach wie vor die Frauen zu Hause und kümmern sich zunächst um die Kinder. Auch wenn das partnerschaftlicher abläuft als früher. Und wenn die Kinder dann aus dem Haus sind, folgen häufig die eigenen Eltern, die mehr Unterstützung brauchen. Am Ende bleibt da die Karriere vieler Frauen einfach auf der Strecke. Das macht sich später bei der Rente bemerkbar. Trotz aller Reformen der vergangenen Jahre nimmt das Problem der Altersarmut bei Frauen stark zu – auch und gerade auf dem Land.

Apropos Karriere: Im mächtigen Landesbauernverband Westfalen-Lippe, dem auch sie angehören, will Susanne Schulze Bockeloh Bauernpräsidentin werden. Das wäre eine Premiere in Deutschland. Wie stehen ihre Chancen?

Ich bin da ehrlich gesagt skeptisch, ob sie es schafft. Es gibt im Verband durchaus Vorbehalte gegen sie. Wer im Jahre 2019 allerdings Frausein und die betriebliche Ausrichtung ohne Viehhaltung als Gegenargumente heranzieht, der handelt diskriminierend und rückständig. Frau Schulze Bockeloh engagiert sich seit vielen Jahren kompetent für die Landwirtschaft und hat großes Verhandlungsgeschick, deshalb werde ich, als eine der Vizepräsidentinnen des Verbandes in Westfalen-Lippe, ihr meine Stimme geben. Sie würde der Landwirtschaftslobby gut tun!

Wäre es auch auf Bundesebene Zeit für eine Bauernpräsidentin?

Männer und Frauen haben andere Sicht- und Herangehensweisen. Eine gute Mischung bringt innovative, ausgewogene Ergebnisse und ich kann mir eine Frau grundsätzlich an jeder Position vorstellen.

Viele Landwirte bieten Schulklassen Führungen über die Höfe an. Sie sind öfters bei solchen Besuchen dabei. Wie groß ist die Distanz zwischen Gesellschaft und Landwirtschaft?

Foto: Holger Hollemann/dpa
Holger Hollemann/dpa
Foto: Holger Hollemann/dpa


Wenn wir Schulklassen auf dem Hof haben, dann sind es nicht die Kinder, die unsere konventionelle Arbeitsweise in Frage stellen. Das sind die Lehrer oder die Eltern. Warum muss die Kuh schon wieder schwanger werden, werde ich dann beispielsweise gefragt. Weil sie sonst keine Milch gibt, kann ich da nur antworten. Ich erlebe da häufig Dinge, die mich aus meiner Perspektive als Bäuerin fassungslos machen. Da gibt es null Beziehung zur Lebensmittelproduktion.

Wie kann man das Wissen über Landwirtschaft wieder in der Bevölkerung verankern?

Jedes Kind müsste mindestens einmal in der Schulzeit einen Bauernhof besuchen. Das muss sich doch in den Lehrplan integrieren lassen! Aber ich sage auch: Das geht nicht kostenlos. So ein Hofbesuch ist für den Betrieb mit enormem Aufwand verbunden – Vorbereitung, Betreuung, Nachbereitung. Das sind ja Dinge, die neben der eigentlichen Arbeit anfallen.

Sollen die Schulklassen Eintritt bezahlen?

Die Landesregierungen in den einzelnen Bundesländern sollten entsprechend solche Besuche fördern. In Bayern ist das jetzt schon der Fall. Da bekommt die entsprechend ausgebildete Bäuerin einen kleinen dreistelligen Betrag als Aufwandsentschädigung. Das fordere ich auch für den Rest der Republik.

Kürzlich hat die Landwirtschaft ihren Protest in die Städte getragen. Tausende Bauern haben sich auf ihre Trecker gesetzt, um gegen Agrar- und Umweltpolitik protestiert. Hat die Politik die Landbevölkerung beim Thema Umwelt vergessen?

Foto: dpa/Stefan Sauer
- Frau Bentkämper, fangen wir doch einmal mit den Vorurteilen an: Wenn man Landfrauen googelt oder in die bunten Land-Magazine im Zeitschriftenhandel schaut, dann geht es vorrangig ums Kuchenbacken… ist an dem Vorurteil etwas dran? Viele Landfrauen können ziemlich gut backen, das stimmt. Aber natürlich nicht nur das! Unser Verband ist ziemlich breit aufgestellt. Das wird auch an unserer Mitgliederstruktur deutlich: Wir haben bundesweit 500.000 Mitglieder. Je nach Region hat ein Großteil der Frauen gar nichts mit der Landwirtschaft zu tun. Sie leben auf dem Land und fühlen sich mit unseren Zielen verbunden. - Wir reden viel über Landflucht: Junge Menschen ziehen in die Städte, zurück bleiben die Älteren. Macht das Ihrem Verband zu schaffen? Selbstverständlich macht uns diese Bewegung zu schaffen. An sich ist es ja auch eine gute Sache, wenn junge Menschen sich aufmachen und die Welt erkunden wollen. Aber spätestens, wenn sie eine Familie gründen, wollen viele dann doch lieber zurück aufs Land. Da mangelt es aber häufig an den Voraussetzungen, um Familie und Beruf zu verbinden: Busanbindungen, Kindergärten vor Ort und so weiter. Das macht Frauen zu schaffen… - Warum Frauen? Was ist mit den Vätern? Machen wir uns doch nichts vor: In den meisten Familien bleiben nach wie vor die Frauen zu Hause und kümmern sich zunächst um die Kinder. Auch wenn das partnerschaftlicher abläuft als früher. Und wenn die Kinder dann aus dem Haus sind, folgen häufig die eigenen Eltern, die mehr Unterstützung brauchen. Am Ende bleibt da die Karriere vieler Frauen einfach auf der Strecke. Das macht sich später bei der Rente bemerkbar. Trotz aller Reformen der vergangenen Jahre nimmt das Problem der Altersarmut bei Frauen stark zu – auch und gerade auf dem Land. - Apropos Karriere: Im mächtigen Landesbauernverband Westfalen-Lippe, dem auch sie angehören, will mit Susanne Schulze Bockeloh eine Frau Bauernpräsidentin werden. Das wäre eine Prämiere in Deutschland. Wie stehen ihre Chancen? Ich bin da ehrlich gesagt skeptisch, ob sie es schafft. Es gibt im Verband durchaus Vorbehalte gegen sie. Wer im Jahre 2019 allerdings Frausein und die betriebliche Ausrichtung ohne Viehhaltung als Gegenargumente heranzieht, der handelt diskriminierend und rückständig. Frau Schulze Bockeloh engagiert sich seit vielen Jahren kompetent für die Landwirtschaft und hat großes Verhandlungsgeschick, deshalb werde ich, als eine der Vizepräsidentinnen des Verbandes in Westfalen-Lippe, ihr meine Stimme geben. Sie würde der Landwirtschaftslobby gut tun! - Wäre es auch auf Bundesebene Zeit für eine Bauernpräsidentin? Männer und Frauen haben andere Sicht- und Herangehensweisen. Eine gute Mischung bringt innovative, ausgewogene Ergebnisse und ich kann mir eine Frau grundsätzlich an jeder Position vorstellen. - Viele Landwirte bieten Schulklassen Führungen über die Höfe an. Sie sind öfters bei solchen Besuchen dabei. Wie groß ist die Distanz zwischen Gesellschaft und Landwirtschaft? Wenn wir Schulklassen auf dem Hof haben, dann sind es nicht die Kinder, die unsere konventionelle Arbeitsweise in Frage stellen. Das sind die Lehrer oder die Eltern. Warum muss die Kuh schon wieder schwanger werden, werde ich dann beispielsweise gefragt. Weil sie sonst keine Milch gibt, kann ich da nur antworten. Ich erlebe da häufig Dinge, die mich aus meiner Perspektive als Bäuerin fassungslos machen. Da gibt es null Beziehung zur Lebensmittelproduktion. - Wie kann man das Wissen über Landwirtschaft wieder in der Bevölkerung verankern? Jedes Kind müsste mindestens einmal in der Schulzeit einen Bauernhof besuchen. Das muss sich doch in den Lehrplan integrieren lassen! Aber ich sage auch: Das geht nicht kostenlos. So ein Hofbesuch ist für den Betrieb mit enormem Aufwand verbunden – Vorbereitung, Betreuung, Nachbereitung. Das sind ja Dinge, die neben der eigentlichen Arbeit anfallen. - Sollen die Schulklassen Eintritt bezahlen? Die Landesregierungen in den einzelnen Bundesländern sollten entsprechend solche Besuche fördern. In Bayern ist das jetzt schon der Fall. Da bekommt die entsprechend ausgebildete Bäuerin einen kleinen dreistelligen Betrag als Aufwandsentschädigung. Das fordere ich auch für den Rest der Republik. - Kürzlich hat die Landwirtschaft ihren Protest in die Städte getragen. Tausende Bauern haben sich auf ihre Trecker gesetzt, um gegen Agrar- und Umweltpolitik protestiert. Hat die Politik die Landbevölkerung beim Thema Umwelt vergessen? Ich kann den Frust sehr gut nachvollziehen. Wir haben ja selbst einen Bauernhof. Es wird viel über die Köpfe der Bauern hinweg entschieden statt mit ihnen zu reden. Wir Menschen auf dem Land, wir Landwirte wollen mit unseren Problemen ernst genommen werden. Ich bin im Sachverständigenrat „Ländliche Entwicklung“ der Bundesregierung und würde mir wünschen, dass die Zivilgesellschaft noch stärker in diesen Gremien eingebunden wird und ihre Expertisen einbringen kann. - Wie geht es weiter mit den Großdemonstrationen der Bauern? Piloten, Lokführer und andere streiken ja auch so lange, bis man auf ihre Forderung eingeht. Landwirtinnen und Landwirten ist es gelungen klar aufzuzeigen, dass sie mit dem Rücken zur Wand stehen. Das ist ein guter Anfang, der von vielen Seiten genutzt werden kann, um weiter daran zu arbeiten.
Foto: dpa/Stefan Sauer


Ich kann den Frust sehr gut nachvollziehen. Wir haben ja selbst einen Bauernhof. Es wird viel über die Köpfe der Bauern hinweg entschieden statt mit ihnen zu reden. Wir Menschen auf dem Land, wir Landwirte wollen mit unseren Problemen ernst genommen werden. Ich bin im Sachverständigenrat „Ländliche Entwicklung“ der Bundesregierung und würde mir wünschen, dass die Zivilgesellschaft noch stärker in diesen Gremien eingebunden wird und ihre Expertisen einbringen kann.

Wie geht es weiter mit den Großdemonstrationen der Bauern?

Piloten, Lokführer und andere streiken ja auch so lange, bis man auf ihre Forderung eingeht. Landwirtinnen und Landwirten ist es gelungen klar aufzuzeigen, dass sie mit dem Rücken zur Wand stehen. Das ist ein guter Anfang, der von vielen Seiten genutzt werden kann, um weiter daran zu arbeiten.

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