Rest der Republik - Petra Bentkämper im Interview : Landfrauen-Präsidentin: Corona torpediert Fortschritte bei Gleichberechtigung

Petra Bentkämper ist Präsidentin des Landfrauenverbandes, dem größten Verein in Deutschland, dem ausschließlich Frauen angehören.
Petra Bentkämper ist Präsidentin des Landfrauenverbandes, dem größten Verein in Deutschland, dem ausschließlich Frauen angehören.

Gendersternchen, Gleichberechtigung und das Landleben: Darüber spricht Landfrauen-Präsidentin Petra Bentkämper.

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21. April 2021, 10:42 Uhr

Schwerin | Der Landfrauen-Verband ist mit einer halben Million Mitgliedern die größte Frauen-Organisation in Deutschland. Präsidentin Petra Bentkämper spricht im Interview über Gendersternchen, (fehlende) Gleichberechtigung auf dem Land und die politische Ignoranz gegenüber den Problemen des Landlebens.

Frau Bentkämper, eigentlich verabredet man sich in Pandemie-Zeiten vorrangig zu Video-Gesprächen. Geht aber nicht, haben Sie geschrieben, wir müssen aufs Telefon ausweichen…

Ja, mein Mann und ich arbeiten parallel im Internet. Das gibt die Leitung dann einfach nicht her, wir haben hier keinen Glasfaser-Anschluss. Grauer Fleck wird das genannt, habe ich gelernt, sprich: Wir haben zwar einen Internetanschluss, der reicht aber nicht aus für die Anforderungen dieser Tage.

Aha, ein Problem der ländlichen Räume!?

Nicht ausschließlich, da habe ich in der Pandemie dazugelernt: In den zahllosen Videokonferenzen dieser Tage ruckeln die Verbindungen bei Teilnehmenden aus Großstädten durchaus ebenso, oder sie fliegen gleich ganz aus dem Meeting. Die Unterversorgung mit Glasfaseranschlüssen ist also kein reines Problem der ländlichen Räume. Aber die Nachteile, die sich daraus ergeben, wirken auf dem Land natürlich besonders, weil die Infrastruktur hier insgesamt schlechter ist. Schnelles Internet gehört zu gleichwertigen Lebensverhältnissen einfach dazu.

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Es war vielfach von einer neuen Wertschätzung des ländlichen Raumes in Folge der Pandemie zu hören…

Das nehme ich auch wahr: Der ländliche Raum wird in der Corona-Pandemie häufig als Sehnsuchtsort dargestellt, weil hier Platz ist und vermeintlich wenig Menschen leben. Ich vermute, diese Haltung wird sich wieder ändern, denn wenn wir die Pandemie im Griff haben, sind Kernprobleme auf dem Land – beispielsweise die vernachlässigte Infrastruktur – immer noch vorhanden. Zu einem guten Leben auf dem Land gehört weit mehr als nur reichlich Platz zum Nachbarhaus.

Also keine Gentrifizierung der Dörfer durch flüchtende Städter?

Nein. Ich habe den Eindruck, viele Städter sehen den ländlichen Raum vor allem als Erholungsgebiet und weniger als Lebens- und Arbeitsraum. Möglicherweise nimmt die Nachfrage nach Urlaub in Deutschland infolge der Pandemie zu, die steigende Nachfrage nach Urlaub auf dem Bauernhof war bis zum Lockdown durchaus zu registrieren. Aber für ein gutes Leben auf dem Land spielen andere Kriterien eine Rolle: Wo finde ich eine passende Kinderbetreuung, die mir eine Berufstätigkeit ermöglicht? Oder gerade jetzt wird doch deutlich, wie unzureichend vor allem auch die medizinische Infrastruktur ist. Die Hebammen- und Geburtsstationen-Versorgung nimmt im ländlichen Raum immer weiter ab. Das sind keine Zugpferde für den ländlichen Raum.

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imago images/Manfred Segerer

Diese Probleme werden seit Jahren und Jahrzehnten diskutiert. Man kommt nicht recht voran, oder?

Wer ist man? Wir alle sind doch Teil dieses Prozesses und gefragt. Wir als Landfrauen werden nicht müde, immer und immer wieder auf die Situation im ländlichen Raum hinweisen und auch auf die ungleiche Ausgangslage. Das wird bei Entscheidungen — nach meinem Eindruck — häufig übersehen, weil zu sehr aus einer urbanen, städtischen Perspektive auf das Thema geschaut wird. Unlängst beispielsweise gab es eine Anhörung im Bundestag zur Stiftung Gleichstellung, die entstehen soll. Da war ich die Einzige, die auf die Sonderrolle der ländlichen Räume und die Notwendigkeit, diese zu fokussieren, hingewiesen hat.

Ja, wie kann das passieren? Gut die Hälfte der Deutschen und damit auch der Frauen lebt doch im ländlichen Raum. Warum findet der ländliche Raum in der politischen Diskussion so wenig Beachtung?

Gute Frage. Eine plausible Antwort habe ich darauf auch nicht. Seit der vergangenen Bundestagswahl hat sich zwar ein bisschen was getan. Die ländlichen Räume sind schon mehr in den Fokus gerückt mit dem Anspruch, gleichwertige Lebensverhältnisse anzusteuern. Aber frauenpolitische Themen auf dem Land zu identifizieren und beherzt anzugehen, sind dann noch einmal ein weiterer Schritt, den die Politik bislang nicht gegangen ist. Hier muss beispielsweise bei Förderprogrammen genauer geschaut werden, welche geschlechtergerechte Wirksamkeit damit erreicht werden kann, welche Hebel gesetzt werden müssen. Gegebenenfalls müssen vorhandene Programme angepasst oder spezielle Programme für Frauen aufgelegt werden.

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Wie wirkt sich die Pandemie speziell für Frauen auf dem Land aus?

Sie wissen doch, dass schon vor Corona die Sorgearbeit – also die Betreuung von Kindern oder pflegebedürftigen Familienmitgliedern – ungleich aufgeteilt war und hauptsächlich an den Frauen hing. Machen wir uns nichts vor: Auf dem Land sind die klassischen Rollenbilder noch deutlich stärker ausgeprägt, als es uns lieb sein kann. Und jetzt durch die Pandemie sehe ich die Gefahr, dass kleine, mühsam errungene Fortschritte durch ein Rollback zunichte gemacht werden. Wer kümmert sich um den Haushalt, betreut das Homeschooling und arbeitet parallel zu alldem noch im Homeoffice? In vielen, wenn nicht den meisten Fällen, sind das wohl die Frauen…

Wie ändern?

Gerade jetzt müssen wir überholte Rollenbilder stärker denn je thematisieren und ein Bewusstsein dafür schaffen, dass diese problematisch sind, sie sind übrigens eine Gefahr für den ländlichen Raum. Wenn die Erwartungshaltung in Teilen der ländlichen Gesellschaft darin besteht, dass sich die Frau um die Kinder zu kümmern hat, wenn es keine flächendeckende Kinderbetreuung vor Ort gibt, wenig Jobangebote geschaffen werden, wenn Defizite in der Infrastruktur existieren und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie nicht perspektivisch ermöglicht wird, dann verlassen die gut ausgebildeten jungen Frauen den ländlichen Raum und suchen ihre Chancen in den Städten. Diesem Thema und diesen Zusammenhängen müssen wir uns stellen.

Die Existenz Ihres Verbandes ist also Ausdruck der gleichstellungspolitischen Rückständigkeit des ländlichen Raumes?

Zumindest gehen uns auch mehr als 70 Jahre nach der Gründung des Deutschen Landfrauenverbandes weder die Themen noch die Arbeit aus. Und zu vielen Fragen der Teilhabe und Gleichstellung auf dem Land gibt es bis heute enorme Unterschiede zwischen den Geschlechtern.

Haben Sie eigentlich auch männliche Mitglieder?

Sie können bei uns Fördermitglied werden und einen solidarischen, unterstützenden Beitrag zahlen. Mitbestimmen dürfen sie allerdings nicht. Solange wir noch meilenweit von der Gleichstellung entfernt sind, wird sich das auch nicht ändern. So lange braucht es uns als Frauen-Interessenvertretung. Wenn die Gleichstellung auf dem Land irgendwann hergestellt sein wird, werden wir gern auch Männer bei uns aufnehmen. Das werde ich als Präsidentin aber ganz sicher nicht mehr erleben.

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Sebastian Gollnow/dpa

Eines der dominierenden Themen dieser Tage ist die Frage nach einer Sprache, die Gleichstellung ausdrückt. Ist das Gendersternchen auch ein Thema bei den Landfrauen?

Sprache spiegelt den Zustand einer Gesellschaft ganz gut wider. Mit dieser Erkenntnis ist es in unserer Zeit nicht zu viel verlangt, geschlechtersensibel zu formulieren. Es gibt eben nicht nur Lehrer, sondern auch Lehrerinnen beispielsweise. Oder Landwirtinnen und Landwirte.

Und das Gendersternchen?

Wir sehen in unserem Bemühen, die Vielfalt der Menschen in der Gesellschaft zu adressieren und alle Geschlechter anzusprechen, keine Notwendigkeit den Genderstern zum Dogma zu erheben, aber geschlechtersensibel zu formulieren, ist eine tolle Herausforderung, der sich alle mit der nötigen Ernsthaftigkeit stellen können und auch sollten.

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