Wirtschaft nicht im Fokus : Kanzleramtschef stimmt Deutsche auf Verschlimmerung der Corona-Krise ein

'Die Zeit mit den höchsten Infektionszahlen liegt noch vor uns', sagt Helge Braun.
"Die Zeit mit den höchsten Infektionszahlen liegt noch vor uns", sagt Helge Braun.

Die Ausbreitung des Coronavirus hat sich verlangsamt. Helge Braun betont jedoch, dass der Höhepunkt noch bevorstehe.

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05. April 2020, 20:38 Uhr

Berlin | "Die Zeit mit den höchsten Infektionszahlen liegt noch vor uns", sagte CDU-Kanzleramtschef Helge Braun der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". Die Aufgabe der Bundesregierung sei es, "uns für unsere Bevölkerung auf den schwierigsten Teil dieser Krise vorzubereiten". Eine Lockerung der Schutzmaßnahmen aus rein wirtschaftlichen Erwägungen sei dabei keine Option.

Braun sieht die Gefahr einer Überlastung des Gesundheitssystems noch nicht gebannt. "Die Vorstellung, dass wir in Deutschland vielleicht bald manche Kranke nicht mehr versorgen können, weil die Zahl der Infektionen hochschießt, ist so schwerwiegend, dass ich sage: Das Wichtigste ist zunächst, dass wir das vermeiden", sagte er. "Dahinter steht die Wirtschaft erst mal einen großen Schritt zurück."

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Die Ausbreitung des Virus verlangsamt sich in Deutschland allmählich, das zeigten am Wochenende auch die neuen Zahlen des Robert-Koch-Instituts. Am Sonntag gab es die Zahl der in Deutschland mit dem Coronavirus infizierten Menschen mit 91.714 an - ein Plus von 5936 seit dem Vortag. Das Institut registrierte 1342 Todesfälle.

"Fürchten, dass die Beatmungszeiten länger werden"

Minister Braun betonte, dass die weitere Verlangsamung bei der Ausbreitung der Maßstab für die Fortsetzung oder Lockerung der Verbote sei. Vor Beginn der jetzigen Einschränkungen habe es eine "Verdoppelung alle drei Tage" gegeben. Um aber das Gesundheitswesen nicht zu überfordern, müssten die Verdopplungszeiten bei deutlich über zehn Tagen liegen. "Wahrscheinlich sogar eher zwölf oder vierzehn Tage", betonte Braun.

Anfangs habe die Bundesregierung zudem erwartet, dass Patienten in Deutschland kürzer auf Intensivstationen liegen würden als in anderen Ländern und auf etwa zehn Tage gehofft. "Jetzt fürchten wir, dass die Beatmungszeiten länger werden, weil immer mehr ältere Menschen sich infizieren."

In Bezug auf Kritik aus der Wissenschaft an den Schulschließungen in Deutschland sagte der Kanzleramtsminister, bei Kindern verlaufe eine Corona-Infektion zwar oft weniger schwer als bei Erwachsenen, "aber die Vorstellung, dass sie sich auf dem Schulhof zu 100 Prozent nach unseren Abstandsvorschriften verhalten, ist nicht sehr realistisch". Wenn sie dann nach Hause kämen, träfen sie dort vielleicht auf ihre Großeltern. "Dann können schnell Infektketten entstehen."

Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) sprach sich gegen eine baldige Lockerung der Maßnahmen aus. "Es ist den Menschen in unserem Land gelungen, durch verantwortungsvolles Verhalten die Kurve abzuflachen. Für Entwarnung ist es aber noch zu früh", sagte er der "Welt" vom Samstag.

FDP-Vizechefin Katja Suding forderte die Bundesregierung zur raschen Vorlage einer Ausstiegsstrategie auf. "Es muss unbedingt schon jetzt eine Exitstrategie entwickelt werden", sagte sie dem "Spiegel". Die Gefahr sei, dass die Maßnahmen ohne angemessene Krisenkommunikation immer weniger akzeptiert würden.

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Patientenschützer forderten am Wochenende, in einer Exitstrategie die besonders schwierigen Bedingungen im Pflegebereich zu berücksichtigen. "Eine Ausstiegsstrategie ist sinnvoll, daher gilt es, die Altenheime in Deutschland krisenfest zu machen", sagte der Vorstand der Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, zu AFP.

Doch noch immer fehle hier der "Grundschutz vor dem Covid-19-Virus". Ketten-Infektionen unter Altenheimbewohnern und Pflegekräften könnten nur vermieden werden, "wenn Testungen, Quarantäne, Versorgung und medizinisch-pflegerische Hilfe lückenlos stehen", forderte Brysch.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte am Mittwoch mit den Ministerpräsidenten der Länder vereinbart, erst nach Ostern darüber zu entscheiden, wie es mit den Vorschriften weitergeht. Die derzeitigen Maßnahmen sollen bundesweit zunächst bis zum 19. April gelten.

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