Was taugt der neue Pflege-TÜV? : Kästchen und Kreise statt Noten - Was sich beim Heim-Vergleich ändert

Pflegeheime werden strenger bewertet. Patientenschützern geht der neue 'Pflege-TÜV' nicht weit genug.
Pflegeheime werden strenger bewertet. Patientenschützern geht der neue "Pflege-TÜV" nicht weit genug.

Startschuss für den neuen "Pflege-TÜV": Seit Dienstag gibt es für die mehr als 14.000 Heime keine Noten mehr, sondern ein aufwendiges Bewertungssystem. Anhand von Kästchen und Kreisen können Pflegebedürftige und ihre Angehörigen die Einrichtungen deutlich besser vergleichen. Es wird allerdings auch komplizierter. Die Reform auf dem Prüfstand:

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01. Oktober 2019, 19:00 Uhr

Berlin | Warum der neue "Pflege-TÜV"? Rund 300 000 Pflegebedürftige suchten 2018 ein Heim, und es werden immer mehr. 2009 wurden Heim-Noten eingeführt. Doch das Verfahren hat versagt, weil sich die Einrichtungen selbst bewerteten. Auch Heime mit heillos überlastetem Personal und hoch problematischen Bedingungen schnitten gut ab. In Niedersachsen liegt der Notendurchschnitt bei 1,2.

Vor drei Jahren kam der Auftrag, ein neues System einzuführen. Patienten-Schützer wünschten sich die Beibehaltung von Noten und zusätzliche K.O.-Kriterien, wenn es etwa bei der Wundversorgung oder Schmerztherapie wiederholt zu Fehlern kommt. Die Heimbetreiber wollten den zusätzlichen Aufwand möglichst gering halten. Die Krankenkassen pochten auf maximale Transparenz.

Wie sieht die neue Bewertung aus? Der Kompromiss nach jahrelangem Feilschen: Bei den Heimbewohnern werden halbjährlich durch das Personal 15 Indikatoren erhoben: Gab es Stürze? Wie ist die Mobilität? Haben die Pflegebedürftigen Gewicht verloren? Die Ergebnisse werden mit anderen Einrichtungen verglichen, am Ende steht für jedes Heim ein Wert, von maximal fünf Punkten für eine weit überdurchschnittliche Qualität bis zu einen Punkt: weit unterdurchschnittlich.

Parallel prüft der Medizinische Dienst der Krankenkassen, unter anderem an Hand von Bewohner-Befragungen, 24 Aspekte ab, von der Körperpflege über Wundversorgung bis zur Medikation. Daraus resultiert ein zweiter Wert: Maximal vier Kästchen gibt es bei keinen oder geringen Qualitätsdefiziten, ein Kästchen für schwerwiegende Defizite.

Als dritte Säule müssen die Heime weitere Informationen veröffentlichen, etwa über das Verhältnis von Fachkräften pro Bewohner.

Wird der Heim-Vergleich jetzt wirklich zum Kinderspiel? Die neuen Zeugnisse mit den Punkt- und Kästchen-Tabellen werden wie bisher auf den Websites der Landesverbände der Pflegekassen veröffentlicht, etwa dem "Pflege-Lotsen". Die Heime selbst müssen die Bewertungen auch auf Papier herausgeben. Aber Patienten, die etwa an einer leichten Demenz leiden, dürften mit der Informationsflut überfordert sein und werden Hilfe beim Heimvergleich brauchen.

"Die Abschaffung der Noten und die neue Darstellung nach Kreisen, Punkten und Quadraten bringt keine schnelle Übersicht", schimpfte Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz. Heimbetreiber halten dagegen: „Die bisherige Kritik der Verbraucher wird mit sehr umfangreichen Informationen aufgegriffen“, erklärte Bernd Meurer, Präsident des Bundesverbandes privater Anbieter sozialer Dienste (bpa), im Gespräch mit unserer Redaktion und hebt hervor, dass die differenzierteren Ergebnisse "eine gezielte Qualitätsentwicklung ermöglichen“ – die Pflege also besser werde. Und der Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung, Andreas Westerfellhaus, lobt "ein wirklich aussagekräftiges Bewertungssystem".

Allerdings bleiben weiße Flecken: Der Sozialverband VdK etwa fordert, das auch die Lebensqualität in den Heimen erhoben und angegeben wird. Und wie teuer ein Heim für seine Bewohner ist, geht aus dem neuen Zeugnis auch nicht hervor, muss also zusätzlich in Erfahrung gebracht werden.

Hilft der "TÜV" gegen den Pflege-Notstand? Das System wird schrittweise eingeführt. Die ersten Bewertungen durch den Medizinischen Dienst sollen Anfang 2020 veröffentlicht werden, Tabellen anhand der internen Erhebungen ab Mitte kommenden Jahres. Heime, die wegen des akuten Fachkräftemangels nicht genug Pfleger finden, werden es umso schwerer haben, überdurchschnittlich abzuschneiden. Andererseits dürften Häuser mit guten Zeugnissen für Pflege-Azubis besonders attraktiv sein. Der Druck, gut zu pflegen, steigt also für alle Heime.

Kommentar von Tobias Schmidt: Ein echter Fortschritt

Die Suche nach einem guten Pflegeheim bringt Bedürftige und ihre Familien häufig in Nöte. Die alten Heim-Noten waren ein Ärgernis, weil sie eine gute Betreuung vorgaukelten, die mit dem oft trostlosen Alltag wenig zu tun hatte. Kassen, Betreiber und Pflege-Verantwortliche haben sich reichlich Zeit für die Reform gelassen. Dafür ist das künftige Bewertungssystem ein echter Fortschritt: Kein Haus wird sich mehr mit mangelhafter Pflege durchmogeln können.

In der Theorie kann also einiges besser werden. Damit sich die Praxis verbessert, ist aber mehr zu tun. Für gute Pflege brauchen Heime ausreichend Personal. Wer keine Fachkräfte findet, droht durch den strengeren Pflege-Tüv zu fallen –  und wird es dann noch schwerer haben, Pfleger zu finden. Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, müssen Politik und Sozialpartner jetzt ihre Anstrengungen verstärken, für bessere Bezahlung und bessere Arbeitsbedingungen zu sorgen.

Die Kehrseite der Medaille: Die Pflege wird teurer. Wer soll die weiter steigenden Heimkosten schultern? Ein Deckel für die Eigenanteile klingt hübsch, aber wer muss dann den Rest bezahlen? Soll die Pflegeversicherung zur Vollkasko werden, wie es SPD und Linkspartei fordern, geht es mit den Beiträgen kräftig nach oben. Ohne einen Plan zur Finanzierung der Pflege bleibt alles andere Stückwerk.

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