Zeugen des Zweiten Weltkriegs : "Ich habe mich nicht als Mensch gefühlt"

Jurek Szarf in Stockelsdorf. Foto: Michael Ruff
Jurek Szarf in Stockelsdorf. Foto: Michael Ruff

80 Jahre nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs leben nur noch wenige Menschen, die sich an ihn erinnern oder damals bereits so alt waren, dass sie sogar eine aktive Rolle innehatten. Wir geben in dieser Woche fünf Zeitzeugen das Wort. Ein Soldat und ein Jude, ein Hitler-Fan, ein ausgebombtes Kind und eine Vertriebene schildern ihre persönliche, jeweils bewegende Geschichte der Jahre 1939 bis 1945. Jede davon ist einzigartig. Alle enthalten Erlebnisse von ungeheurer Wucht. Und doch steht jedes einzelne Gespräch beispielhaft dafür, was Millionen andere Menschen ebenfalls erlebt haben und dafür, was nie vergessen werden darf. Die Lehren aus diesen Lebensläufen müssen Leitschnur für ein Handeln als deutsche Nation bleiben – auch wenn eines Tages niemand mehr persönlich erzählen kann, was er erlebt hat. Hier aber hat nun das Wort, wer selbst dabei war.

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29. August 2019, 12:07 Uhr

Stockelsdorf | Jurek Szarf öffnet die Tür seines Reihenhauses in Stockelsdorf bei Lübeck und sagt: „Ich möchte mich Ihnen vorstellen, ich bin Häftling Nummer 79297, Konzentrationslager Königs Wusterhausen.“ Dann beginnt er mit polnischem Akzent seine Geschichte zu erzählen.

Was er bis zu seinem 12. Lebensjahr erlebt hat, ist fast zu viel für ein ganzes Leben. Als Kind überstand Szarf den Nazi-Terror gleich mehrfach: im eigenen Haus, im zweitgrößten Ghetto Polens in seiner Heimatstadt Lodz und schließlich in gleich drei Konzentrationslager (KZ).

Jetzt ist er 85 Jahre alt – und einer der wenigen noch lebenden Zeitzeugen, die über ihre Erlebnisse im KZ berichten können. Und wenn Szarf das tut, wenn er erzählt, entstehen beim Zuhörer Bilder im Kopf. Schreckliche Bilder.

Herr Szarf, 80 Jahre ist es her, dass Adolf Hitler den Zweiten Weltkrieg vom Zaun gebrochen hat – haben Sie noch Erinnerungen an den unmittelbaren Beginn?

Nein, ich war damals ja erst fünf Jahre alt und wohnte mit meiner Mutter und meinem Vater in Lodz. Ich erinnere mich aber an die ersten Deutschen, die kamen, weil sie Motorräder und Gewehre hatten. Beides hatte ich vorher noch nie gesehen.

Waren Sie fasziniert?

Kann sein. Das hat sich aber schnell geändert, als die Deutschen eines Tages die Tür zu unserer Wohnung eingeschlagen haben. Ich saß auf dem Esstisch, meine Mutter davor, um mir die Schuhe zuzubinden. Ich sah die Deutschen und streckte meine Arme aus, weil mich die Erwachsenen immer so gerne hoch gehoben haben. Das hat der Deutsche auch gemacht...

Und dann?

Hat er mich an die Wand geworfen, so dass ich das Bewusstsein verloren habe. Danach war die Angst vor den SS-Leuten immer da.

Wie hat sich das geäußert?

Man war ständig auf der Hut, wollte nicht auffallen. Die Deutschen haben uns das Gefühl gegeben, nichts Wert zu sein. Ich hatte ja nicht mal einen Namen. Ich hieß nur dreckige Judensau. Ich habe mich nicht als Mensch gefühlt. Das hat sich lang gehalten – bis viele Jahre nach Kriegsende. Da habe ich mich nicht getraut, ins Kino zu gehen. „Da sind doch Menschen, da kann ich doch nicht hingehen“, habe ich zu meinem Vater gesagt. „Ich bin doch kein Mensch.“

Spüren Sie heute noch Spätfolgen der KZ-Haft?

Ja. Ich bin seit 1952 ununterbrochen in psychologischer und psychiatrischer Behandlung. Auf Anraten eines Arztes habe ich ein Buch über das geschrieben, was ich erlebt habe. Ich erzähle jungen Leuten in Schulen von der Zeit im Ghetto und im KZ. Das hilft mir, damit fertig zu werden. Dennoch habe ich Albträume, in denen SS-Männer an meine Tür hier in Stockelsdorf trommeln. Einmal bin ich schon vor der Tür aufgewacht, weil ich wohl nachsehen wollte, ob da Leute sind.

Wie geht es Ihnen körperlich?

Meine Haut macht mir Schwierigkeiten, weil ich im KZ meinen Kopf in einen Bottich mit Unkrautvernichtungsmittel habe tauchen müssen. Meine Beine sind vernarbt, weil Läuse sie damals zerfressen haben. Eine Ärztin, die mich nach der Lagerhaft untersucht hat, wollte sie schon amputieren, aber sie hat gesagt: „Der Junge schafft es eh nicht.“ Aber ich habe es geschafft.

Bekommen Sie für Ihre Leiden eine materielle Entschädigung?

Ich bekomme seit kurzem 230 Euro aus dem Zwangsarbeiterfonds und 1300 Euro Erwerbsminderungsrente im Monat.

Wie konnten Sie überhaupt als Kind im Ghetto in Lodz überleben? 1942 schickte die SS doch alle Kinder in die Todeslager?

Ich hatte einen Glücksmoment. Weil meine Tante perfekt deutsch und polnisch sprach, hatte sie der Leiter des Ghettos, Hans Biebow, als Chefsekretärin, engagiert. Der Mann war ein Sadist, hat morgens zum Spaß aus seinem offenen Wagen heraus Juden erschossen. Als er abends betrunken war, hat er meiner Tante aber einen Zettel unterschrieben, dass ich im Ghetto bleiben durfte. Meine Lebensbescheinigung.

Wie muss man sich das Leben im Ghetto vorstellen?

Wir haben gehungert und mussten Zwangsarbeit leisten. Ich habe Tüten für die Wehrmacht geklebt. Das habe ich allerdings so schlecht gemacht, dass die Deutschen den Krieg verloren haben...

1944 hat die SS das Ghetto geräumt...

... genau. Ich kam durch die Laune eines SS-Mannes mit meiner Tante und meiner Mutter ins KZ-Frauenlager nach Ravensbrück.

Was haben Sie dort alles erlebt?

Ravensbrück war die Hölle. Die Frauen mussten den ganzen Tag Zwangsarbeit leisten, ich hatte Läuse und alle waren krank. Wir waren mehr tot als lebendig, als wir ins KZ Königs Wusterhausen südlich von Berlin verlegt wurden. Dort habe ich meinen Vater und meine Onkels wiedergetroffen – das muss man sich mal vorstellen.

Konnten Sie sich darüber überhaupt freuen?

Ja, auch wenn es nicht leicht war. Wir lebten, aber wir wussten, dass wir tot waren. Kurz darauf wurden wir wieder getrennt, ich wurde mit meinem Vater und den Onkels ins KZ Sachsenhausen gebracht. Da wurde dann ein Todesmarsch nach Westen zusammengestellt. Zwei meiner Onkels sind mit, sie haben es nicht überlebt. Mein Vater, mein Onkel Pawel und ich waren zu schwach zum Marschieren. Uns hat man auf die Krankenstation gebracht. Und das hieß immer Tod. Wir standen an der Wand, warteten nur noch auf das Erschießungskommando. Ich weiß nicht, wie lange das gedauert hat, vielleicht ein paar Stunden? Ich bin dann irgendwann auf den Boden gefallen. Und dann habe ich gehört wie die Tür eingetreten wurde und Soldaten hereinkamen. Es waren Russen, und irgendwie habe ich noch mitbekommen, dass ich frei bin. Aber ich war mehr tot als lebendig.

Wie ging es dem Rest der Familie?

Wir wussten es nicht. Wir drei kamen in ein Haus in Berlin – für so genannte Displaced Persons. Dort hat man uns versorgt und langsam wieder aufgepäppelt. Wir konnten nichts bei uns behalten außer gekochten Kartoffeln mit Fett. Mein Vater war noch der Kräftigste von uns, vielleicht weil er früher Ringer war. Er hat dann nach meiner Mutter gesucht – und sie auch gefunden.

Wo?

In Königs Wusterhausen war das Lager leer, aber die Einheimischen sagten ihm, wo die SS Leichen verscharrt hatte. Er hat gebuddelt und meine Mutter unter den Toten erkannt – an ihren schönen Haaren und einem Gebiss, das sie sich mal in Berlin hat machen lassen. Sie ist in den letzten Kriegstagen verhungert. Mein Vater hat sie dann auf dem jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee beerdigt. Zu mir hat er gesagt: „Du wirst Mama nie wiedersehen.“ Ich habe noch nicht mal ein Foto von ihr.

Und ihre anderen Verwandten?

Meine Tante ist auf dem Weg nach Auschwitz gestorben, auch sechs meiner Onkels haben den Holocaust nicht überlebt. Mein Vater ist ein paar Jahre nach Kriegsende an den Folgen der KZ-Haft gestorben. Da war ich 17 Jahre alt – und Vollwaise.

Was haben Sie gemacht? Konnten Sie zur Schule gehen?

Ich habe das versucht, denn in meiner Kindheit habe ich nie eine Schule besuchen können. Aber die Kinder in der Klasse waren sechs oder sieben Jahre alt, und ich ein Teenager – und Analphabet. Die haben mich gehänselt, weil ich kein Wort lesen und schreiben konnte. Da bin ich nach zwei Tagen gegangen – das ist bis heute meine ganze Schulbildung. Trotzdem verstehe ich russisch, spreche deutsch, polnisch und englisch.

Sie sind dann emigriert.

Ja, mit meinem Onkel Pawel in die USA, weil wir dort noch Verwandte hatten. In New York habe ich schnell englisch gelernt. Als ich mich für einen Job beworben habe, sollte ich etwas unter dem Punkt „Schulbildung“ eintragen. Ich habe „German special school“ geschrieben und den Job bekommen, weil mein amerikanischer Chef glaubte, dass Deutsche zuverlässig sind. Später war ich dann selbstständig im Schmuckhandel tätig und habe eine Familie gegründet.

Wie haben Sie Ihre Frau kennengelernt?

Ich traf Sie in einem Café in New York. Sie war sehr hübsch, und wir haben uns ein bisschen unterhalten. Ich wusste, dass sie am Abend tanzen gehen wollte, und habe alle Lokale in der Gegend abgeklappert – bis ich sie gefunden habe. Ich habe ihr gesagt: „Walzer tanzen kann ich nicht, aber ich möchte Dich wiedersehen.“ Kurz darauf haben wir geheiratet und blieben es 55 Jahre lang. Vor fünf Jahren ist sie leider gestorben.

Ihre Frau war Christin und stammte aus Lübeck – haben Sie mit ihr je über ihr voriges Leben gesprochen?

Nein, viele von denen, die im KZ waren, haben darüber nicht gesprochen. Ich auch nicht. Ich glaube, so richtig hat sie es erst erfahren, als ich das Buch geschrieben habe.

Sie haben zwei Kinder.

Ja, und eine fast erwachsene Enkeltochter, die alle jüdisch sind. Mein Sohn hat mir vor ein paar Jahren einen Davidstern geschenkt, den trage ich jetzt immer um den Hals.

Anfang der 70er Jahre sind Sie wieder nach Deutschland gezogen – ins Land der Täter.

Aber ich habe hier keinen Antisemitismus erlebt. Und ich verspürte auch keinen Hass oder etwas ähnliches auf die Menschen hier. Was soll ich heute Leuten die Schuld für etwas geben, dass sie nicht zu verantworten haben?

Aber damals gab es noch viele alte Nazis.

Ja, aber mich hat vor allem gestört, dass so viel verschwiegen wurde. Deshalb habe ich nach meiner Rückkehr angefangen, über das zu sprechen, was ich erlebt habe. Das ist eine Herzenssache für mich – auch heute noch, denn ich bin ja einer der letzten, die das können. Und das mache ich weiter – so lange der liebe Gott mir Zeit dafür gibt.

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