Brief an Gesundheitsminister : Hilferuf einer Pflegekraft: Herr Spahn, "die Dinge laufen aus dem Ruder"

Eine junge Pflegekraft spricht die Probleme ihres Arbeitsalltags in einem offenen Brief an und adressiert diesen direkt an den Gesundheitsminister Jens Spahn. Der reagiert prompt.
Eine junge Pflegekraft spricht die Probleme ihres Arbeitsalltags in einem offenen Brief an und adressiert diesen direkt an den Gesundheitsminister Jens Spahn. Der reagiert prompt.

Eine Pflegekraft berichtet von den "katastrophalen" Zuständen ihres Alltags. Jens Spahn reagiert per Videonachricht.

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20. November 2018, 11:59 Uhr

Hamburg | Deutschland hat ein großes Problem namens Fachkräftemangel. Kaum eine Branche bekommt das aktuell so sehr zu spüren wie der Pflegebereich. Und gerade dort, wo mit alten Menschen, kranken Kindern oder Behinderten gearbeitet wird, führt dieser Personalmangel immer öfter zu großer Frustration und Wut bei den vorhandenen Pflegekräften.

Zu wenig Zeit, um auf Toilette zu gehen

Eine von ihnen, Johanna Uhlig, hat ihrem Unmut nun über Facebook Luft verschafft. Ihr Beitrag richtet sich direkt an den Gesundheitsminister Jens Spahn und wurde bereits 50.000 Mal auf dem sozialen Netzwerk geteilt. Hunderte danken der jungen Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin und betonen, dass sie ihnen aus der Seele sprechen würde.

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Johanna Uhlig berichtet sehr plastisch von ihrem Arbeitsalltag auf einer neonatologischen und pädiatrischen Intensivstation mit einem Patientenspektrum von null bis achtzehn Jahren. Immer mehr junge Kollegen würden kündigen und Auszubildende sich direkt nach der Lehre umorientieren, weil sie sich nicht vorstellen können, diese Arbeit, mit den immer schlechter werdenden Bedingungen im Dreischichtsystem zu machen.

Sie spricht davon, dass sie nicht die Arbeit erledigen kann, die sie gelernt hat: "patientenorientierte, kompetente und evidenzbasierte Pflege". Denn statt tatsächlich für die Patienten da zu sein, wird sie von einem Notfall zu anderen "gejagt". Während ihrer Schicht könne sie meistens weder essen noch trinken, oft schaffe sie es nicht mal, auf Toilette zu gehen. Das sei die Regel. Es sind bestürzende Schilderungen einer Frau, die ihren Beruf offensichtlich leidenschaftlich ausübt und dies auch zukünftig tun möchte, die aber auch an Grenzen stößt.

Viel mehr können wir Pflegekräfte in Deutschland nicht mehr geben! Das Gesundheitssystem stürzt ein wie ein Kartenhaus. Johanna Uhlig, Pflegekraft

"Mehr Bezahlung ist keine Lösung"

Für sie ist mehr Bezahlung keine Lösung des Problems. Sie schreibt dazu: "Keiner meiner Kollegen wäre geblieben, selbst wenn man ihnen deutlich mehr Gehalt angeboten hätte. Die Arbeitsbedingungen müssen sich radikal ändern." Ausdrücklich sagt sie, dass sie ihren Job gerne mache, betont aber auch, " viel mehr können wir Pflegekräfte in Deutschland nicht mehr geben! Das Gesundheitssystem stürzt ein wie ein Kartenhaus."

Im Züge ihrer Ausbildung habe sie auch einblicke in die Kranken- und Altenpflege erhalten, die Zustände dort beschreibt sie als "katastrophal". Aus Personalnot werde den älteren Herrschaften, wenn sie auf Toilette müssen, geraten, "es einfach laufen zu lassen" und Patienten, die starke Schmerzen äußern, könne man nicht rechtzeitig Schmerzmittel verabreichen.

"Das alles sind alarmierende Signale. Die Dinge laufen aus dem Ruder", mahnt sie und kritisiert den Plan der Regierung, ab 2020 die generalistische Pflegeausbildung umzusetzen: "Für mich ist das die Kirsche auf dem Sahnehäubchen der Probleme. Abschließend richtete sie sich direkt an Gesundheitsminister Jens Spahn: "Ich bitte Sie, Ihren Auftrag als Gesundheitsminister ernst zu nehmen!"

Jens Spahn will "Vertrauen zurückgewinnen"

Und tatsächlich, Jens Spahn reagiert mit einer Videobotschaft. Die Schilderungen des Arbeitsalltags hätten ihn nicht nur als Gesundheitsminister, sondern auch persönlich sehr bewegt. Weiterhin bekräftigt er, dass sie genau die Punkte angesprochen hätte, für die er sich einsetzen möchte und deshalb vor wenigen Wochen das Pflegepersonal-Stärkungsgesetz verabschiedet hätte.

Darin sind verschiedene Sofortmaßnahmen enthalten, die sowohl die pflegerische Versorgung in der Kranken- und Altenpflege verbessern, als auch für eine bessere Personalausstattung und bessere Arbeitsbedingungen sorgen soll. Die dadurch entstehenden Mehrausgaben der Krankenkassen werden vom Bundeskabinett bis einschließlich 2022 auf fast neun Milliarden Euro geschätzt.

Nichtsdestotrotz hätten die aufwühlenden Zeilen der jungen Krankenschwester ihm gezeigt, dass "wir wahnsinnig viel Vertrauen zurückgewinnen müssen".

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