Wissenschaftler befragt Bauern : Hasssturm über Bauernhöfen - Was Landwirte auf Facebook erleben

Eine Kuh im Stall - viele Bauern informieren in sozialen Netzwerken über ihre Arbeit. Foto: imago/photothek
Eine Kuh im Stall - viele Bauern informieren in sozialen Netzwerken über ihre Arbeit. Foto: imago/photothek

Soziale Netzwerke wie Facebook können ein ziemlich finsterer Ort sein. Verbale Gewalt ist allgegenwärtig – auch Hatespeech genannt. Ein Wissenschaftler kommt in einer Untersuchung zu dem Ergebnis, dass jene erstmals gezielt eine Berufsgruppe trifft: Bauern mit Tierhaltung.

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27. März 2019, 04:55 Uhr

Osnabrück | Soziale Netzwerke wie Facebook können ein ziemlich finsterer Ort sein. Verbale Gewalt ist allgegenwärtig – auch Hatespeech genannt. Ein Wissenschaftler kommt in einer Untersuchung zu dem Ergebnis, dass jene erstmals gezielt eine Berufsgruppe trifft: Bauern mit Tierhaltung.

Einer von ihnen ist Daniel Bohl. „Man muss sich ein  dickes Fell zulegen, wenn man in den sozialen Netzwerken unterwegs ist. Vor allem, wenn man mit Argumenten gegen Halb- oder gar Unwissen ankämpfen will“, erklärt der stellvertretende Vorsitzende der Wariner Pflanzenbau Genossenschaft. Gerade erst gestern hat der 46-Jährige, wie er es nennt, Aufklärungsarbeit leisten müssen. Thema Glyphosat. Auf der Seite des Bundesumweltministeriums. „Menschen ohne landwirtschaftliche Ausbildung oder gar Hintergrund werfen mir vor, dass ich keine Ahnung hätte. Das macht die Diskussionen nicht immer leicht.“  Zu derben Beschimpfungen lasse er es aber nicht kommen. Kurze und knappe Antworten sind seine Strategie. „Manchmal halte ich den Leuten den Spiegel vor, und wenn es unter die Gürtellinie geht, dann lasse ich mich nicht darauf ein. Ich weiß, wo die Grenzen ist.“ Er gesteht aber auch, dass es nicht immer leicht sei. Ihm helfe der Austausch mit Berufskollegen. Im vergangenen Jahr war er beim Agrar-Blogger-Treffen in Frankfurt am Main. „Da gibt es gute Tipps. Auch, wann es Zeit ist, es sein zu lassen“, sagt Daniel Bohl. Aus den Gesprächen mit anderen Landwirten weiß er: „Ich habe Glück. Bislang habe ich noch nicht daran gedacht, die Flinte ins Korn zu werfen.“ Bohl gönnt sich kleine Auszeiten und „muss nicht immer das letzte Wort“ haben.

Doch es gibt auch andere Fälle: Agnes Greggersen wusste nicht, wie ihr geschah. Binnen kürzester Zeit hatte die junge Landwirtin aus Schleswig-Holstein 1700 Kommentare auf der Facebook-Seite ihres landwirtschaftlichen Betriebes. Allesamt hasserfüllte Beiträge. Warum? Weil Greggersen ein kurzes Video auf ihre Seite gestellt hatte: Ein Junge trinkt ein Glas Milch, daneben steht ein Kalb.

Das genügte, um eine Hassspirale auszulösen, die sich solange drehte, bis Greggersen den Beitrag zurückzog und ihre Seite abstellte. „Ich war überfordert, ich hatte Angst“, sagt sie heute rückblickend. In den Kommentaren beleidigten Nutzer die junge Frau, drohten ihr und ihrer Familie. „Wir wurden als Tierquäler und Tierschänder bezeichnet“, sagt Greggersen immer noch ein wenig fassungslos. Eine Nutzerin soll geschrieben haben:

„Ich wünsche, ihr werdet vergewaltigt und man verarbeitet eure Kinder zu Fleisch.“

Was Greggersen 2017 erlebte, kennen viele Landwirte und besonders Tierhalter, die sich in sozialen Netzwerken wie Facebook engagieren. Sie erklären hier, wie sie arbeiten, machen Werbung für ihren Beruf und ihren Bauernhof. Jeder vierte Landwirt ist nach einer Erhebung im Auftrag des Bauernverbandes mittlerweile in sozialen Netzwerken wie Facebook vertreten.

Gesteuerter Angriff?

Immer wieder werden die Landwirte dabei aber auch mit Wut und Hass konfrontiert. Im Falle von Greggersen waren es offenbar radikale Veganer, die gezielt ihren Internetauftritt ansteuerten. In einer Facebook-Gruppe für Veganer soll dazu aufgerufen worden sein.

Christian Dürnberger hat viele solcher Beispiele zusammengetragen. Der Philosoph und Kommunikationswissenschaftler arbeitet am Messerli Forschungsinstitut an der Veterinärmedizinischen Universität in Wien und hat deutsche Landwirte dazu befragt, warum sie Facebook-Seiten betreiben, und welche Erfahrungen sie dort machen. Schlechte gehören nach den Ergebnissen seiner Untersuchung ganz klar dazu. Demnächst wird sein Beitrag im „International Journal of Livestock Production" veröffentlicht.

Dürnberger fasst seine Auswertung zusammen:

„Jeder zweite Landwirt hat berichtet, dass er und seine landwirtschaftliche Arbeit teilweise heftig auf Facebook kritisiert wurde.“

In den Kommentaren wurde zum einen die Ablehnung der Tierhaltung als solche ausgedrückt, so der Wissenschaftler. Zum anderen war die Kritik aber auch häufig sehr persönlich und sehr beleidigend.

Die Landwirte seien als Vergewaltiger und Tierquäler beschimpft worden. Auch die Familien seien in die Hasstiraden einbezogen worden. Dürnberger zitiert einen Beitrag, der an den Fall Greggersen erinnert:

„Euch sollte man schlachten, euch sollte man die Haut abziehen, das Haus anstecken, die Kinder schlachten.“

Hatespeech werden solche Äußerungen auch genannt. In der Anonymität der sozialen Netzwerke ist die Hassrede weit verbreitet. Sie zielt beispielsweise auf gesellschaftliche Gruppen wie Ausländer, Homosexuelle oder Frauenrechtsaktivisten. Die deutsche Politik hat in der Vergangenheit versucht, das Phänomen mit neuen Gesetzen einzudämmen.

Dürnberger kommt auf Basis seiner Untersuchung zu dem Ergebnis, dass es sich bei den Hasstiraden gegen Bauern um eine neue Variante des Phänomens handelt:

„Landwirte mit Tierhaltung sind eventuell die ersten, die als Berufsgruppe Hatespeech gezielt ausgesetzt sind.“

Er bezweifelt, dass Bauern darauf ausreichend vorbereitet sind. „Zwar fordert beispielsweise die Politik, dass sich Landwirte in sozialen Netzwerken engagieren und Imagewerbung in eigener Sache betreiben. Welche Auswirkungen das haben kann, wird aber ausgeblendet.“

In Richtung Kritiker wirft Dürnberger ein: „Sie attackieren zwar die Landwirtschaft. Aber wäre der richtigere Adressat nicht die Mehrheit der Gesellschaft, die die Produkte der Landwirtschaft konsumieren und mit ihrem Konsumverhalten die Rahmenbedingen vorgeben?“

Zurück im Netz

Landwirtin Agnes Greggersen hat ihre Facebook-Seite mittlerweile wieder aktiviert. Die schlimmsten Beiträge hat sie gelöscht und etwa 400 Kommentatoren blockiert. Sie stellt wieder Videos ins Netz und vermittelt die Freude an ihrem Beruf.

Foto: Ursel Köhler
Foto: Ursel Köhler

Greggersen sagt, sie habe nicht klein beigeben wollen - und außerdem den Austausch auf ihrer Facebookseite vermisst. Allerdings sagt sie rückblickend auch: „Ich habe versucht, dass zu verstehen. Das ist mir aber bis heute nicht gelungen.“


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