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Kay Nietfeld/dpa

Community hat bereits reagiert : Zahlreiche Änderungen: Baerbocks Wikipedia-Artikel unter Feuer

Der Wirbel um die akademische Laufbahn von Annalena Baerbock hat auch ihren Wikipedia-Artikel in den Fokus gerückt.


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20. Mai 2021, 08:00 Uhr

Berlin | Allein von Sonntag bis Mittwochvormittag gab es weit über 50 Änderungen an dem "Schaufenster zur Welt" in der freien Enzyklopädie, über die sich Millionen Menschen informieren. Sind das alles berechtigte Korrekturen, oder ist das Teil einer Kampagne gegen die Grünen-Spitzenkandidatin? Eine Spurensuche.

Der Anlass:

Nach Baerbocks Nominierung zur Kanzlerkandidatin kursierten im Netzt Vorwürfe, die 40-Jährige habe kein Erststudium abgeschlossen und "nur" ein zehnmonatiges Masterprogramm in London absolviert. Ein früher bei der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung aufgeführter Bachelorabschluss liege gar nicht vor, und Baerbock bezeichne sich zu Unrecht als "Völkerrechtlerin".

Ihr Sprecher veröffentlichte daraufhin am Mittwoch vergangener Woche auf Twitter Fotos von den Abschlussdokumenten:

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Ein "Vordiplom" in Politikwissenschaft der Universität Hamburg - das damalige Äquivalent zum heutigen Bachelor-Abschluss, sowie ein Zeugnis der "London School of Economics and Political Science". Das bescheinigt Baerbock einen "Master in Law - with Distinction in Public International Law".

Public International Law, die gängige Übersetzung lautet "Völkerrecht". Gleichwohl ersetzte Baerbock auf ihrer Homepage den deutschen durch den englischen Begriff. Das sollte alle Schummel-Vorwürfe entkräften.

Was sich auf Wikipedia abspielt:

Die Offensiv-Verteidigung ging ein Stück weit nach hinten los. Medien stürzten sich auf das Thema, und Baerbocks Wikipedia-Artikel geriet unter Feuer. An besagtem Mittwoch wurden 38 Änderungen registriert, an diesem Montag 28. Ein Zeitungsbericht über das Ausmaß erweckte bei manchen den Eindruck, die Grünen selbst hätten die Angaben in der selbst organisierten Wissensplattform klammheimlich korrigiert. Das stimmt nicht, wie die Pressestelle auf Nachfrage klarstellt.

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In der Wikipedia-"Versionsgeschichte" werden alle Änderungen und deren Urheber dokumentiert. Ein Blick in die Liste zeigt: Der überwiegende Teil ist vollkommen unproblematisch. Da werden Verlinkungen ergänzt, Kommafehler korrigiert, neue Entwicklungen aufgenommen.

Es gibt aber auch Manipulationsversuche: So wollte ein Nutzer am 17. Mai die Behauptung einbauen, Baerbock habe die Uni Hamburg "ohne Abschluss" verlassen. Die Änderung wurde verworfen, das Konto des Nutzers ist inzwischen gesperrt. Ein weiterer User versuchte, Baerbock einen Abbruch des Studiums zu unterstellen, auch das wurde gestoppt.

Zu ihren Abschlüssen wurde eine eigene Diskussionsseite angelegt. Aktuell heißt es in ihrem Wikipedia-Eintrag zum Thema: "Baerbock studierte von 2000 bis 2004 im Diplomstudiengang Politikwissenschaft an der Universität Hamburg und erlangte dort das Vordiplom mit der Note 1,3. Nebenfach war Öffentliches Recht/Europarecht. Anschließend wechselte sie an die London School of Economics and Political Science und schloss dort 2005 mit einem Master in „Public International Law“ (LL.M.) mit der höchsten Notenstufe Distinction ab."

So weit, so korrekt. Ein möglicher Verleumdungsversuch von ganz anderer Seite rutschte bei der Wikipedia-Selbstkontrolle vielleicht durch: So hieß es im Baerbock- Artikel, die Grünen-Spitzenkandidatin stehe als Mitglied der "Young Global Leaders" des Weltwirtschaftsforums (WEF) hinter der "Agenda des 'Großen Umbruchs' (Great Reset')". Das Problem: „The great Reset“ ist zwar ein Zukunftskonzept des WEF, wird aber zugleich von Verschwörungstheoretikern als Kampfbegriff genutzt.

Die Änderung, die den sensiblen Bezug herstellt, sei am 24. April online gestellt und am 17. Mai gelöscht worden, teilte ein Wikimedia-Sprecher auf Nachfrage mit. Die Löschung erfolgte mit der Begründung, die Aussage sei nicht durch Quellen belegt, versehen mit dem Hinweis: "The great Reset" sei "ein neurechtes und antisemitisches Narrativ".

Erklärungsversuche:

Die Wikipedia-Community hat auf den Änderungs-Ansturm inzwischen reagiert. Baerbocks Artikel sei "am 16. Mai für nicht-angemeldete Personen vor Veränderung geschützt" worden, so ein Sprecher von Wikimedia auf Nachfrage. Seitdem könnten Änderungen nur noch von Konten erfolgen, die seit mindestens vier Tagen bei der Wikipedia angemeldet seien. Das sei "ein ziemlich normaler Vorgang bei Personen im medialen Fokus, vor allem bei Politiker*innen."

Von Kampagne keine Spur? Hinweise auf "ungewöhnliche Aktivitäten" gäben weder die Versionsgeschichte des Artikels noch die Diskussionsseite her, sagte der Sprecher. Bei Artikeln über Personen, die in der Öffentlichkeit stehen, seien häufige Änderungen zu erwarten. "Jede dieser Änderungen wird in der Versionsgeschichte gespeichert und so nachvollziehbar gemacht."

Auch der Chaos Computer Club hat sich die Aktivitäten angeschaut: "Auf dem Artikel scheint sich ein klassischer Edit-War abzuspielen, der bei Themen mit hoher öffentlicher Aufmerksamkeit oft vorkommt", so ein CCC-Sprecher auf Nachfrage. Eine Vollsperrung des Baerbock-Artikels, um Änderungen zu blockieren, sei nach grober Einschätzung noch nicht gerechtfertigt, da den Kommentaren zufolge viele Änderungen noch inhaltlich begründet zu sein scheinen.

Nur ein Sturm im Wasserglas?

Michael Littger, Chef des Vereins "Sicher im Netz", sieht das anders. Grundsätzlich finde er das Bestreben von Wikipedia nach einer ausgewogenen Darstellung durch Transparenz und Selbstkontrolle nachvollziehbar. "Im konkreten Fall, wenn also unzulässige Posts in dieser Häufung zunehmen, die auch auf Muster einer denkbaren Kampagne schließen lassen könnten, muss man sich schon fragen, ob die üblichen Standardmechanismen hier wirklich ausreichend sind", sagt Littger im Gespräch mit unserer Redaktion. "Das sollte meines Erachtens selbstkritisch überprüft werden. Es geht darum, Bestrebungen nach gezielter Desinformation und Missbrauch eine deutliche Absage zu erteilen."

von 20. Mai 2021, 08:00 Uhr

Berlin | Allein von Sonntag bis Mittwochvormittag gab es weit über 50 Änderungen an dem "Schaufenster zur Welt" in der freien Enzyklopädie, über die sich Millionen Menschen informieren. Sind das alles berechtigte Korrekturen, oder ist das Teil einer Kampagne gegen die Grünen-Spitzenkandidatin? Eine Spurensuche. Der Anlass: Nach Baerbocks Nominierung zur ...

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