Zeugen des Zweiten Weltkriegs : "Als junger Mensch sieht man die Gefahren nicht so sehr"

Friedrich Grade ist das letzte lebende Besatzungsmitglied von U96 – dem „Boot“, das durch Buch und Film später so berühmt werden sollte. Foto: Grade
Friedrich Grade ist das letzte lebende Besatzungsmitglied von U96 – dem „Boot“, das durch Buch und Film später so berühmt werden sollte. Foto: Grade

80 Jahre nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs leben nur noch wenige Menschen, die sich an ihn erinnern oder damals bereits so alt waren, dass sie sogar eine aktive Rolle innehatten. Wir geben in dieser Woche fünf Zeitzeugen das Wort. Ein Soldat und ein Jude, ein Hitler-Fan, ein ausgebombtes Kind und eine Vertriebene schildern ihre persönliche, jeweils bewegende Geschichte der Jahre 1939 bis 1945. Jede davon ist einzigartig. Alle enthalten Erlebnisse von ungeheurer Wucht. Und doch steht jedes einzelne Gespräch beispielhaft dafür, was Millionen andere Menschen ebenfalls erlebt haben und dafür, was nie vergessen werden darf. Die Lehren aus diesen Lebensläufen müssen Leitschnur für ein Handeln als deutsche Nation bleiben – auch wenn eines Tages niemand mehr persönlich erzählen kann, was er erlebt hat. Hier aber hat nun das Wort, wer selbst dabei war.

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29. August 2019, 12:11 Uhr

Osnabrück | U-Boote zählten zu den gefährlichsten Einsatzorten im Zweiten Weltkrieg. Zwei von drei Soldaten der Wehrmacht, die auf ihnen Dienst taten, kehrten nicht zurück. Friedrich Wilhelm Ernst Grade hat überlebt. Heute ist er 103 Jahre alt und insofern eine Legende, als dass er das letzte lebende Besatzungsmitglied von U96 ist – dem „Boot“, das durch Buch und Film später so berühmt werden sollte.

1916 in Rendsburg geboren, verlebte Grade seine Kindheit in Oldenburg. Ein Jahr nach der NS-Machtergreifung machte „Fritz“ Grade Abitur und bewarb sich für die technische Offizierslaufbahn bei der Reichsmarine. Als er im Sommer 1935 als Teil der „Crew 35“ angenommen wurde, war aus der Reichs- die Kriegsmarine geworden. Anfang 1940 wurde der Oberleutnant (Ing.) zur „neuen deutschen U-Boot-Waffe“ kommandiert. Im Frühsommer 1940 heiratete Friedrich Grade eine Eckernförderin und begleitete den Stapellauf von U 96 in Kiel. Ab September wurde das neue Boot mit ihm als Leitendem Ingenieur („LI“) auf der Ostsee eingetrimmt, im Dezember 1940 ging U 96 als Teil der 7. U-Flottille auf seine erste Feindfahrt.

Schon bei seiner Rückkunft war die Flottille nach Lorient verlegt worden, ab Frühjahr 1941 wurde St. Nazaire zu ihrem endgültigen Stützpunkt. Im Herbst 1941 nahm der Kriegsberichter Lothar-Günther Buchheim als „Badegast“ an der siebten Feindfahrt von U 96 teil. Vor allem im Roman „Das Boot“ (1973) sollte er diese Feindfahrt zum Mythos machen, als Teil davon den „LI“, Friedrich Grade.

Dieser wie auch Buchheim verließ nach der siebten Feindfahrt U 96 und wurde für zwei weitere Feinfahrten „LI“ auf U 183. Anschließend wurde der fronterfahrene Ingenieur-Offizier an der U-Boot-Schule Neustadt / Holstein, der U-Boots-Lehrdivision in Gotenhafen, Ausbilder für zukünftige LI’s auf der U-Boots-Lehrdivision Pillau und ab Februar 1945 technischer Prüfungsoffizier der Ausbildungsgruppe für Front-U-Boote („Agrufront“).

Zu einem letzten Kommando als „LI“ auf einem neuen Typ XXI-Boot kam es nicht mehr. Grade war dazu im Mai 1945 in Eckernförde stationiert. Mit dem Fahrrad fuhr er nach der Kapitulation zu Frau und den im Krieg geborenen zwei Kindern und legte seine Uniform nach kurzer Internierung ab. In der Eckernförder Spedition seines Schwiegervaters absolvierte er eine Ausbildung als Exportkaufmann, bis die neu gegründete Bundesmarine ihn 1958 um Mitarbeit anfragte. Grade wurde im Bonner Innenministerium Beauftragter für die Entwicklung der Nachkriegs-U-Boote der Bundesmarine. Als Kapitän (Ing.) wurde er 1974 pensioniert und lebt heute in einem Seniorenheim im Rheinland.

Die Veröffentlichung des Romans „Das Boot“ begleitete Grade aktiv als Korrektor des Manuskripts. Buchheim hatte ab 1970 den Kontakt u.a. zu ihm hergestellt. Im gleichnamigen Film „Das Boot“ (1981) sah Grade sich von Wennemann „sehr gut“ getroffen, den Film allerdings lehnte er wegen dessen „düsterer Grundstimmung“ ab. Weil ihm darüber hinaus vieles zu unrealistisch oder überzogen erschien, lehnte er auch das Angebot der Münchener Bavaria ab, die Dreharbeiten als militärischer Berater zu begleiten.

Heute spricht er nur noch selten über die Vergangenheit und auch nur noch ungern über das „Boot“. Wohl aber gibt er im Interview mit unserer Redaktion nüchtern Auskunft darüber, wie er als Soldat und Teil der Wehrmacht die allgemeine militärische Lage in den Jahren ab 1939 empfand.

Herr Grade, Deutschland erklärte Polen am 1. September 1939 den Krieg. Zu diesem Zeitpunkt waren Sie etwas mehr als vier Jahre Soldat der Kriegsmarine. Was empfanden Sie zu Kriegsbeginn?

Als der Polenfeldzug begann, rechneten wir allgemein damit, dass binnen kurzem der Krieg beendet sein würde und dass England sich heraus hielte. Die Stimmung in der Marine war entsprechend hoffnungsvoll, änderte sich abrupt mit der Kriegserklärung Englands (3.9.1939), dessen klare Überlegenheit der Seestreitkräfte uns schon deutlich machte, dass ein schneller Sieg in weiter Ferne lag und das voller Einsatz – insbesondere der Marine – erforderlich sein würde.

Im Januar 1940 wurden Sie zu den U-Booten kommandiert. Welches Kommando hatten Sie bei Kriegsbeginn, also Anfang September 1939?

Zu Kriegsanfang befand ich mich auf dem Linienschiff „Schlesien“ an der Pier im Danzig-Neufahrwasser. Es beschoss ab September 1939 von dort aus einen Rest der polnischen Armee, der sich auf Hela verschanzt hatte, mit seinen 38cm-Kanonen aus sicherer Entfernung von mehr als 20 Km Entfernung. Das Schwesterschiff „Schleswig-Holstein“ hatte vorher die Westernplatte beschossen und ‚besiegt‘.

Die Offiziere der U 96 bei der Indienststellung des Bootes am 14. September 1940 in Kiel-Gaarden. Zweiter von rechts ist Friedrich Grade. Foto: U-Boot-Museum Cuxhaven
Die Offiziere der U 96 bei der Indienststellung des Bootes am 14. September 1940 in Kiel-Gaarden. Zweiter von rechts ist Friedrich Grade. Foto: U-Boot-Museum Cuxhaven


Für die Reichsmarine bewarben Sie sich, weil Werber Sie noch als Schüler für die Ingenieurs-Offizierslaufbahn interessieren konnten, Physik und Mathematik waren Ihre Stärken, an sich wollten Sie zur Kripo. Mit dem Krieg hielt auch das Thema „sterben können“ Einzug in Ihre Marinewelt. Als U-Boot-Offizier mussten Sie vor jeder Feindfahrt ein Testament verfassen. Wie gingen Sie damit um?

Dass es im Krieg, wo, wann und wie immer er verlaufen würde, Tote geben würde, war jedem klar. Aber dieses Bewusstsein wurde – auch durch die Propaganda der Reichsführung – durch den Glauben an den Endsieg überspielt und unterdrückt. Darüber hinaus war ich damals jung, und als junger Mensch sieht man die Gefahren nicht so sehr. Hinzu kommt, dass man sich doch auch in einem gewissen Grade an Gefahren gewöhnt.

In Ihren privaten Tagebüchern von Dezember 1940 bis Dezember 1941 an Bord von U 96 reflektierten Sie regelmäßig die gesamte Kriegssituation, vielfach kritisch die Gewinnchancen des U-Boot-Krieges. Gab es einen Zeitpunkt, an dem der Krieg für Sie nicht mehr gewinnbar schien?

Das ganze Jahr 1941 über fürchtete ich den Kriegseintritt der USA am meisten. Es zeigte sich da ja schon, wie schwer der Kampf gegen England war, wie dann erst der erweiterte Kampf gegen die USA? Als diese im Dezember 1941 zum Kriegsgegner wurden, bekam ich erste Zweifel am Endsieg. Stark wurden meine Zweifel nach der Schlacht von Stalingrad.

Mit dem Staufenberg-Attentat vom 20. Juli 1944 versuchten andere, auch Ihren Zweifeln am „Endsieg“ eine andere Richtung zu geben. Wie wirkte das Attentat auf Sie?

Von dem Attentat waren wir natürlich überrascht und konnten uns nicht vorstellen, dass ein Offizier der Wehrmacht so etwas gegen den obersten Feldherrn unternehmen könnte, und damit gegen alle Regeln des Soldatentums verstoßen würde. Das war für mich und viele Kameraden äußerst schockierend. Wir wussten ja nicht, dass es überhaupt irgendwo, irgendwann Gruppierungen in Deutschland gab, die sich im Untergrund zum Kampf gegen die Regierung gefunden hatten. Auch vom Holocaust und dem wahren Charakter der KZ’s erfuhren wir erst nach dem Krieg. Als dann, nach dem Attentat, alle Offiziere gezwungen wurden, neben der Waffenausbildung auch politischen Unterricht zu erteilen, und gleichzeitig befohlen wurde, den Soldatengruß durch den Hitlergruß zu ersetzen, regten sich bei uns Unverständnis und Widerwillen. Damit schwand der letzte Glaube an ein siegreiches Ende des Krieges, aber der Fahneneid gebot uns, dennoch weiter Krieg zu führen.

Sie waren ab Frühsommer 1940 verheiratet, in Eckernförde kamen im Frühjahr 1942 und Frühjahr 1943 Tochter und Sohn zur Welt. Wie ertrugen Sie in jenen Kriegsjahren die Spanne zwischen Soldat und Ehemann bzw. Vater?

Da unser Wohnort Eckernförde war, hatte ich immer gute Gelegenheit zu Heimfahrten. Meine diversen Kommandos lagen vor allem ab 1943 im Ostseebereich. Wir hatten also viele Abschieds- und Wiedersehens-Abläufe, die fast routinemäßigen Charakter hatten. So verliefen Abschiede und Wiedersehen bei uns ohne große Emotionen. Wenn ich nach einem Besuch wieder an die Front oder zum Dienst bei meinen Landkommandos abreiste, flossen keine Tränen, sagten wir vielleicht: „Mach’s gut! Bis bald!“

Wie wirkte das Kriegsende auf Sie als Offizier, der nicht mehr Soldat sein konnte?

Vorbei ist vorbei, ich schaltete um. Ich habe immer nach vorne geblickt und vielleicht bin ich darum auch so alt geworden. Wobei auch meine Schwester 99 wurde, meine Mutter fast so alt und mein Vater 89. Es liegt also auch in meinen Genen…

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