Förderung für Langzeitarbeitslose : Raus aus der Hartz-Falle: Eine neue Chance für Andrea

Nehmen die neue Förderung in Anspruch: Jürgen Mohr hat Andrea Gumprich eingestellt.

Nehmen die neue Förderung in Anspruch: Jürgen Mohr hat Andrea Gumprich eingestellt.

Über zehn Jahre ohne festen Job - da fällt ein Neustart extrem schwer, viele Arbeitgeber winken ab. Ein neues Bundesgesetz hilft jetzt mit langfristiger Förderung - eine neue Chance für die Schwächsten am Arbeitsmarkt.

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28. Dezember 2018, 20:00 Uhr

Seit 2005 gibt es Hartz IV, Andrea Gumprich (48) ist vom ersten Tag an dabei. Die Dortmunderin mit einem schwachen Abschluss als Schneiderin, Rückenproblemen und einer abgebrochenen PTA-Fortbildung lebt seit vielen Jahren von aktuell 416 Euro Hartz-Regelleistung im Monat - trotz vieler Anläufe, Ein-Euro-Jobs und Umschulungen. Jetzt bekommt sie eine neue Chance. Sie zählt zu den ersten Bewerbern, die über das gerade verabschiedete Teilhabechancengesetz eine neue Stelle gefunden haben - als Bürohilfe bei einem expandierenden Dortmunder Cateringbetrieb. Am 7. Januar ist ihr erster Tag. «Ein wundervolles Weihnachtsgeschenk», sagt sie.

Für Fälle mit wenig Hoffnung

Das neue Gesetz wurde extra für Bewerber wie Andrea Gumprich gemacht: Leistungen bekommt nur, wer sieben Jahre nicht oder nur sehr kurz regulär beschäftigt war und wer schon sechs Jahre in Hartz IV steckt - kurz, die Fälle, für die es kaum noch Hoffnung gibt auf dem Arbeitsmarkt. Der Staat zahlt fünf Jahre lang den Lohn - die ersten zwei Jahre hundert Prozent, dann jedes Jahr zehn Prozentpunkte weniger. Übernahmen ohne Förderung sind das Ziel.

Frank Neukirchen-Füsers, der Leiter des Dortmunder Jobcenters - fünftgrößtes in Deutschland - hat als Praktiker viele Jahre für ein solches Gesetz gekämpft. «Programme für soziale Teilhabe gab es immer», sagt er. Aber fast alle basierten auf gemeinnütziger, zusätzlicher Arbeit. In Dortmund fuhren etwa Programmteilnehmer Friedhofsbesucher mit kleinen Elektroautos zu ihren Gräbern, um ihnen die langen Wege zu ersparen. Viele Angebote seien schön und wünschenswert gewesen, aber ohne ausreichende Nachfrage im allgemeinen Markt, sagt Neukirchen-Füsers. «Nach dem Ende der Förderung kam fast immer der Bruch.»

Lange Förderung schafft Zeit zum Wachsen

Das soll jetzt grundsätzlich anders werden, denn das neue Gesetz zielt auf Stellen, die im Markt gebraucht werden. Die lange Förderung soll den Bewerbern genug Zeit geben, in die Aufgaben hineinzuwachsen. Außerdem ist intensives Coaching im Gesetz mitfinanziert - für Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Das kann noch vor dem ersten Arbeitstag bei der Organisation der Kinderbetreuung für die neue Mitarbeiterin anfangen. Oder dem Chef mit konkreten Tipps helfen, wenn er ins Grübeln gerät, ob der neue Mann den Job wirklich schafft.

Der zunehmende Arbeitskräftemangel in vielen Berufen hilft, auch die Schwächeren mitzunehmen. Andrea Gumprichs neuer Chef Jürgen Mohr sucht beispielsweise aktuell sieben bis acht Beschäftigte für seinen Cateringbetrieb. Vor drei Jahren hat er mit zwei Leuten angefangen, jetzt arbeiten 37 Menschen in dem Betrieb. «Ich brauche Leute, die mich entlasten - und zwar dauerhaft», sagt er.

Anerkennung wichtiger als Geld

In Andrea Gumprichs Fall soll das im Büro sein - zunächst mit Ablage und Telefon, später mit immer mehr Aufgaben bis hin zum Schreiben von Rechnungen. «Wenn sie länger braucht - kein Problem. Sie hat alle Zeit der Welt, das zu lernen.»

Das macht Gumprich Mut. Die 48-Jährige hat schon in vielen Stellen versucht, schnell mit zu schwimmen - etwa als Büroassistenz in einer Grundschule, bei der Caritas oder in einer Geschenkeladen-Kette. Es brauche schlicht Zeit, neue Abläufe zu lernen - vor allem, wenn man jahrelang aus dem Arbeitsleben heraus sei, sagt Fachmann Neukirchen-Füsers.

Andrea Gumprich mit ihrer 37-Quadratmeter-Wohnung in der Nähe des Dortmunder Borsigplatzes und ihren vier Katzen hat viele Jahre jeden Cent umgedreht. Ab Januar soll das etwas besser werden: Der Caterer zahlt zehn Euro Stundenlohn Minimum und die Stelle ist auf Vollzeit ausgelegt. Wichtiger als das Geld ist der 48-Jährigen aber die Anerkennung: «Ich will wieder merken, dass ich gebraucht werde. Und ich will nicht mehr blöd angeguckt werden, weil ich ja doch nur Stütze kassiere.»

Hintergrund: Sozialer Arbeitsmarkt

Rund 570 800 Hartz-IV-Empfänger kommen der Bundesagentur für Arbeit (BA) zufolge für geförderte Jobs auf dem zu Jahresbeginn startenden sozialen Arbeitsmarkt infrage. Diese Menschen würden formal den Anforderungen entsprechen, sagte eine BA-Sprecherin. Erfahrungen würden aber zeigen, dass in der Realität nur etwa einer von zehn eine solche Beschäftigung aufnehmen könne. Oft gebe es zu große Hindernisse wie gesundheitliche Probleme.

Das auf Betreiben der SPD auf den Weg gebrachte Teilhabechancengesetz, das zum 1. Januar in Kraft tritt, richtet sich an Arbeitslose über 25, die innerhalb von sieben Jahren mindestens sechs Jahre Grundsicherung bezogen haben. Sie sollen bis zu fünf Jahre lang Lohnkostenzuschüsse bekommen, die ersten zwei Jahre in Höhe des Mindestlohns, des ortsüblichen oder bei tarifgebundenen Unternehmen des Tariflohns. Außerdem sollen sie individuell betreut und weitergebildet werden. Ziel ist vor allem gesellschaftliche Teilhabe, im Einzelfall auch der Übergang in normale Beschäftigung.

Für Menschen, die mindestens zwei Jahre arbeitslos sind, soll es Lohnzuschüsse für 24 Monate geben - im ersten Jahr 75, im zweiten 50 Prozent des normalen Arbeitslohns. Laut Koalitionsvertrag sollen insgesamt bis zu 150 000 Menschen davon profitieren. Den Jobcentern stehen bis 2022 vier Milliarden Euro zur Verfügung.

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