Wenn das Wasser kommt... : Extreme Sturmfluten: So viele Menschen wären an den deutschen Küsten betroffen

Sturmflut in der Nordsee im Jahr 2013. Hier herrscht 'landunter' auf der nordfriesischen Hallig Langeneß. Foto: dpa/Maja Hitij
Sturmflut in der Nordsee im Jahr 2013. Hier herrscht "landunter" auf der nordfriesischen Hallig Langeneß. Foto: dpa/Maja Hitij

Von einer extremen Sturmflut wären an den deutschen Küsten mehr als zwei Millionen Menschen betroffen. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf Anfrage der Grünen hervor.

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03. August 2019, 02:22 Uhr

Osnabrück | Die Angaben beziehen sich auf seltene Hochwasserereignisse, bei denen Schutzanlagen wie Deiche an ihre Grenzen kommen. Als selten gilt laut Bundesregierung ein Hochwasser, das alle 200 Jahre oder seltener auftreten könnte.

Kommt es zu einer solchen Sturmflut, lebten allein in Niedersachsen 1,1 Millionen Menschen in möglicherweise betroffenen Überflutungsgebieten. Aber auch in den Stadtstaaten Bremen (513.259) und Hamburg (327.000) wären große Teile der Bevölkerung möglicherweise gefährdet.

An der Nordseeküste Schleswig-Holsteins wären es 76.600 Menschen, an der Ostseeküste des Bundeslandes im Falle eines solchen Ereignisses 20.900. In Mecklenburg-Vorpommern wäre von 68.100 Betroffenen auszugehen, zeigt die Antwort aus dem Umweltministerium.

Das Bundesamt für Gewässerschutz hat die möglicherweise betroffenen Regionen in einer Karte zusammengefasst:

Screenshot: Dirk Fisser
Screenshot: Dirk Fisser


Sie ist auf der Internetseite des Bundesamtes abrufbar. Mit der Karte lassen sich verschiedene Hochwasser-Szenarien durchspielen.

Die Bundesregierung geht derweil davon aus, dass es im Zuge des Klimawandels nicht zwangsläufig häufiger Sturmfluten an den Küsten geben wird. Allerdings werden diese künftig aufgrund des insgesamt steigenden Meeresspiegels wohl höher ausfallen. Bei den Vorhersagen stützt sich die Regierung auf Angaben des Weltklimarates.

Das Expertengremium schätzt demnach, dass der Meeresspiegel bis Ende des Jahrhunderts im Mittel um 0,93 Meter ansteigen könnte. „Einzelne neuere wissenschaftliche Studien weisen darauf hin, dass für die Nordseeküste und die westliche Ostsee ein höherer Anstieg des Meeresspiegels deutlich über einen Meter […] mittlerweile nicht mehr ausgeschlossen sein könnte“, schreibt das Umweltministerium. Aktualisierte Einschätzungen erwartet die Bundesregierung im September.

Finanzhilfen für den Küstenschutz

Davon will sie dann auch abhängig machen, ob sie ihre Ausgaben für den Küstenschutz steigert. Eigentlich ist der in Deutschland Sache der Bundesländer. Für besonders dringliche Maßnahmen stellt der Bund aber jährlich 25 Millionen Euro als Finanzhilfen zur Verfügung. Auf Basis der neuen Einschätzungen des Weltklimarates „wird zu beraten sein, ob die durch den Bund bereitgestellten Finanzmittel für Küstenschutzmaßnahmen […] ausreichen“, schreibt das Ministerium.

Foto: dpa/Christian Charisius
Christian Charisius
Foto: dpa/Christian Charisius


Für Julia Verlinden, umweltpolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, steht das außer Frage: „Der Bund muss die Länder bei ihren Anstrengungen für besseren Schutz gegen Hochwasser stärker unterstützen. Denn die bisherigen Pläne für den Küstenschutz reichen aller Voraussicht nach nicht aus.“ Sie appellierte zudem an die Bundesregierung, eine entschlossenere Politik gegen den Klimawandel zu machen, um „damit auch den Anstieg des Meeresspiegels zu bremsen.“

Sturmfluten sind indes keine Seltenheit. 1421 gab es in den vergangenen gut 70 Jahren in der Nordsee laut Bundesregierung, weitere fast 250 in der Ostsee. Einige davon haben die Behörden als "sehr schwer" eingestuft. Das bedeutet: Die Pegelstände in der Nordsee lagen 3,50 Meter über dem sogenannten mittleren Hochwasser.

Das gab es laut Übersicht des Umweltministeriums an der Messstelle Cuxhaven zwei Mal, in Husum vier Mal und in Hamburg gleich 14 Mal.

Von 1962 gelernt

Der höchste Wasserstand wurde hier bei der sogenannten „Zweiten Januarflut“ im Jahr 1976 mit 4,65 Metern über dem mittleren Hochwasser gemessen. Die Sturmflut gilt bis heute als eine der schwersten im vergangenen Jahrhundert.

Die Schäden fielen allerdings vergleichsweise gering aus, weil der Küstenschutz nach der katastrophalen Sturmflut im Jahr 1962 verbessert worden war. Damals starben in Deutschland 340 Menschen, die meisten davon in Hamburg. Dieses Bild zeigt die Evakuierung von Bewohnern in Wilhelmsburg:

Foto: dpa/Lothar Heidtmann
Lothar Heidtmann
Foto: dpa/Lothar Heidtmann


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