Vorstellung der Neuzugänge : Satiriker, Köchin, Betrüger: Diese kuriosen Köpfe ziehen ins Europaparlament ein

Sie haben einen Platz ergattert.
Sie haben einen Platz ergattert.

Wenn man einen Blick auf die Neuen wirft, scheint das Parlament einer turbulenten Legislaturperiode entgegen zu blicken.

von
27. Mai 2019, 13:59 Uhr

Straßburg/Brüssel | Alte Bekannte der europäischen Politik haben ebenso wie komplette Neulinge einen Platz im Parlament ergattert. Wie ernst sie es mit ihrer Politikkarriere meinen, werden die nächsten fünf Jahre zeigen.

Eine Auswahl der überraschendsten Abgeordneten:

Sarah Wiener

_201905271137_full.jpeg
dpa/Marc Brinkmeier

"Sarah goes to Brüssel": Die österreichische TV-Köchin zieht für die Grünen ins Europaparlament ein. Sie stand auf Listenplatz zwei, ihre Partei erreichte nach ersten Hochrechnungen 14 Prozent der Stimmen. Die 56-Jährige zeigte sich vom guten Ergebnis der Grünen in Österreich überrascht. "Damit hat keiner gerechnet". Sie selbst sehe das Votum als Vertrauensvorschuss ihrer Wähler. Als Expertin für Ernährung und Landwirtschaft werde sie sich genau zu diesen Themen im Parlament einbringen. "Es geht um Alternativ-Modelle zur Agro-Industrie", sagte Wiener der Deutschen Presse-Agentur.

"Die Anstrengung und die Lernkurve eines dreimonatigen Wahlkampfs liegt jetzt hinter mit. Jetzt muss ich die nächste Lernkurve nehmen und die heißt: Sarah goes to Brüssel", sagte Wiener weiter. Der neue bevorstehende Lebensabschnitt nötige ihr Respekt ab. "Der Wahlkampf war die Kür, jetzt kommt die Pflicht."

Nico Semsrott

_201905271137_full_1.jpeg
Mike Wolff, TSP

Das ZDF verliert einen weiteren Mitarbeiter an das EU-Parlament. Nach Martin Sonneborn macht sich nun auch Nico Semsrott für die Satirepartei "Die Partei" auf den Weg nach Brüssel. Nach dem vorläufigen Endergebnis kommt "Die Partei" auf 2,4 Prozent, bei den unter 30-Jährigen sogar auf 8 Prozent. Blickt man nur auf die Erstwähler erreicht die Satirepartei sogar hinter den Grünen und der Union den dritten Platz.

Bekannt ist Semsrott bisher durch seine Auftritte als Reporter in der "Heute Show" – ein Job, den er nun erstmal auf Eis legen muss und den auch Sonneborn vor seiner Politiker-Tätigkeit inne hatte. Laut Wahlprogramm will er sich für eine "Ossi-Quote in Führungspositionen" oder auch "Artenschutz für die SPD" einsetzen

"Ich freue mich sehr, dass Nico jetzt mit nach Brüssel kommt – einfach aus dem Grund, dass ich mich zur Ruhe setzen kann in den nächsten fünf Jahren. Nico ist 20 Jahre jünger, er hat versprochen, die Arbeit zu machen", so Sonneborn auf Twitter.

Silvio Berlusconi

_201905271137_full_2.jpeg
afp/Miguel Medina

Er ist wieder da. Nach seiner Verurteilung wegen Steuerbetrugs musste er mehrere Jahre darauf verzichten, öffentliche Ämter zu übernehmen. Nachdem dieses Verbot allerdings im vergangenen Jahr vorzeitig aufgehoben wurde, ist Berlusconi zurück auf der großen Bühne. Mit 82 Jahren zieht der skandalumwitterte Ex-Ministerpräsident Italiens als Chef der konservativen Forza Italia, die zwischen 9 und 10 Prozent erreichen konnte, ins Parlament ein. Der Mailänder Multimillionär wirbt für ein freies und vereintes Europa in einer Welt, die "viel unsicherer ist als in der Vergangenheit". Trotz mehrfacher gesundheitlicher Probleme – erst Anfang Mai wurde er mit einem Darmverschluss ins Krankenhaus gebracht ("ich dachte, ich bin am Ende") – sieht er sein erneutes Eingreifen nach eigenen Worten als "seine Verantwortung".

Carles Puigdemont

_201905271137_full_3.jpeg
afp/Emmanuel Dunand

Mit seiner Partei "Junts per Catalunya" wird der katalanische Ex-Regionalpräsident als Europaabgeordneter in die Politik zurückzukehren. Dabei war bis kurz vor der Wahl noch gar nicht klar, ob Puigdemont überhaupt antreten darf. Erst Anfang Mai hatte ein Gericht in Madrid seine Kandidatur zugelassen. Der Separatist spart sich übrigens den Umzug: Er war im Zuge des verbotenen Unabhängigkeitsreferendums von 2017 ins Exil nach Brüssel geflohen. Die spanische Zentralregierung werde nun erleben müssen, wie "die Stimme des 1. Oktober ins Europaparlament eindringt", sagte Puigdemont am späten Sonntagabend in Brüssel.

Ob und wie Puigdemont sein Mandat antreten kann, ist noch unklar. Nach spanischem Wahlrecht müssen alle gewählten Europaabgeordneten vor Mandatsantritt in Madrid auf die Verfassung schwören. Bei einer Einreise in Spanien würden dem Ex-Journalisten aber eine Festnahme, ein Prozess wegen Rebellion und bis zu 30 Jahre Haft drohen. Um seinen Sitz antreten zu können will Puigdemont diese Auflage des spanischen Wahlrechts beim Europäischen Gerichtshof anfechten.

Šarūnas Marčiulionis

Sarunas Marciulionis ist ein früherer Basketball-Profi, der nun gewählter EU-Abgeordneter ist. Foto: imago images/Pixsell
imago images/Pixsell
Sarunas Marciulionis ist ein früherer Basketball-Profi, der nun gewählter EU-Abgeordneter ist. Foto: imago images/Pixsell

In Litauen ist der Basketball-Legende Šarūnas Marčiulionis das Debüt auf dem politischen Parkett gelungen. Einst der erste Spieler aus der Sowjetunion in der amerikanischen Profi-Liga NBA, wird der 54 Jahre alte Politik-Neuling nun für den regierenden Bund der Bauern und Grünen ins Europaparlament einziehen. Der 1,96 Meter große Ex-Korbjäger konnte für die Mitte-Partei bei den Wählern so punkten wie damals in der Auswahl der Sowjetunion.

Magid Magid

_201905271137_full_4.jpeg
afp/Tolga Akmen

"Großbritanniens coolster Bürgermeister": Der 29-jährige britisch-somalische Aktivist war bis vor kurzem noch Bürgermeister der Stadt Sheffield. Dort wurde er nun mit den Grünen und rund 25 Prozent zweitstärkste Kraft. Demnächst wechselt er also in Europäische Parlament. Ein Bekannter twitterte ein Foto von Magid, das ihn angeblich zeigt, als er von seiner Wahl erfuhr.

Der afrikanische Flüchtling Magid erlangte im Mai 2018 breite Bekanntheit mit einem viralen Porträt, das ihn als frisch gewählten Bürgermeister mit Amtskette und Doc Martens in lässiger Pose zeigt.

Auch später sorgte Magid immer wieder für Aufsehen, etwa als er angesichts des US-Grenzstreits Trump einen Besuch in Sheffield untersagte und dabei "aus Solidarität zu Mexiko" einen Sombrero trug.

Weiterlesen: Der Liveblog zur Europawahl 2019

(mit afp/dpa)

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen