Feuer im Flüchtlingscamp : „Europa trägt eine Mitschuld an der Katastrophe von Moria“

Feuer in Moria - das Flüchtlingscamp bietet ein Bild der Zerstörung. Helfer vor Ort haben eine solche Katastrophe kommen sehen.
Feuer in Moria - das Flüchtlingscamp bietet ein Bild der Zerstörung. Helfer vor Ort haben eine solche Katastrophe kommen sehen.

Eine französische Helferin, die seit Jahren auf Lesbos lebt, berichtet von den Zuständen auf der griechischen Insel.

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10. September 2020, 08:46 Uhr

Osnabrück | „15 000 Menschen auf so engem Raum zusammengepfercht, irgendwann musste es zu einer Katastrophe kommen“, sagt die 29-jährige. Seit drei Jahren lebt die Französin Estell Jean in Mytilini auf der griechischen Insel Lesbos. Rund sieben Kilometer sind es bis zum Flüchtlingslager Moria, in dem die Flammen gewütet haben. „Die Menschen, mit denen ich bei der Arbeit zu tun habe, sind wohlauf. Darüber bin ich erstmal sehr froh. Aber sie haben natürlich alles verloren, wissen nicht wohin“, sagt Estelle Jean. Ein Durchkommen zur Brandstätte gibt es für Außenstehende derzeit nicht. Die Polizei habe die Zufahrten abgeriegelt.

Ihre Arbeit, ihre Leidenschaft, das ist die Nichtregierungsorganisation „Yoga and Sport for refugees“, die die aus Toulouse stammende Estelle Jean 2017 ins Leben gerufen hat. Ob Schwimmkurse, Volleyball, Krafttraining,Taekwondo oder einfach Gymnastik – die Nichtregierungsorganisation bietet den Geflüchteten ein breites Angebot, Sport zu treiben. Für die körperliche und seelische Gesundheit. „Und um ihnen dem Umgang mit Perspektivlosigkeit und Monotonie zu erleichtern, ihnen Hoffnung zu geben“, wie Jean sagt.

Ein kleines bisschen Normalität in der Ausnahmesituation?

Spätestens mit dem Ausbruch der Corona-Epidemie ist auch der letzte Rest von vermeintlicher Normalität für die Menschen in Moria noch weiter zusammen geschrumpft. „Vor einer Woche mussten wir unsere Arbeit wegen der Ansteckungsgefahr vorerst einstellen“, erzählt Jean, die Politikwissenschaft und -management in Paris studiert hat und für ihr Leben gern reitet, schwimmt und Marathon läuft.

Einige Geflüchtete hätten in Quarantäne gesessen, das sei vielen Menschen zusätzlich aufs Gemüt geschlagen und habe auch bisweilen für Spannungen im Lager gesorgt. Jeans Stimme am Telefon klingt gefasst und sachlich – dennoch ist die Empörung über die unmenschlichen Lebensbedingungen im Camp von Moria herauszuhören.

„Wenn die Europäische Union jetzt nicht endlich handelt, wann dann? Die Politik hat mit zu verantworten, was jetzt geschehen ist. Sie hat die Dinge einfach laufen lassen, wohl wissend, dass das nicht ohne Risiko ist“, sagt Jean und fordert: „Auch andere EU-Staaten sollten endlich Flüchtlinge aus Moria bei sich aufnehmen, und zwar schnell“.

Dass Flüchtlinge das Feuer absichtlich gelegt haben, glaubt Jean nicht. Allenfalls könne es sich um einen Unfall gehandelt haben, ein Versehen, beim Erhitzen von Essen zum Beispiel. Derlei sei dann und wann schon mal vorgekommen. Etwas anderes hält sie aber für ebenso wahrscheinlich, dass nämlich „Rechte und Faschisten das Feuer gelegt haben, das ist auch in der Vergangenheit schon geschehen. Sie wollen Chaos produzieren und Angst verbreiten, wollen, dass die Geflüchteten endlich von der Insel verschwinden“.

Nach dem verheerenden Brand stehen die Menschen von Moria nun vor dem Nichts. Estelle Jean, den Unterstützern von „Yoga and Sports“ und anderen Hilfsorganisationen bleibt vorerst nichts weiter übrig, als mit dem Verteilen des Nötigsten zu helfen. Griechenland, sagt Jean, brauche jetzt alle erdenkliche Unterstützung.

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