Trauerfeier in Houston : Emotionaler Abschied von George Floyd: Die tiefe Wunde bleibt

Die Hinterbliebenen nahmen am Dienstag von Floyd Abschied. Zur Beerdigung trugen die Gäste Weiß, was Wiedergeburt symbolisieren soll.
Die Hinterbliebenen nahmen am Dienstag von Floyd Abschied. Zur Beerdigung trugen die Gäste Weiß, was Wiedergeburt symbolisieren soll.

Sein gewaltsamer Tod hat Amerika und die Welt erschüttert. Angehörige und Gäste erwiesen ihm nun die letzte Ehre.

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09. Juni 2020, 22:04 Uhr

Houston | Gut zwei Wochen nach seinem Tod bei einem brutalen Polizeieinsatz haben die Angehörigen und Hunderte Ehrengäste Abschied von dem Afroamerikaner George Floyd genommen. Vor der Beisetzung kam die Trauergemeinde am Dienstag in der Kirche "The Fountain of Praise" in Houston im US-Bundesstaat Texas bei einer berührenden Trauerfeier zusammen. Der designierte demokratische Präsidentschaftskandidat Joe Biden drückte seine Anteilnahme in einer Videobotschaft aus, die in der Kirche gezeigt wurde.

Bereits am Montag waren Tausende zu Floyds aufgebahrtem Leichnam in die Kirche in Houston geströmt. Floyd war in der texanischen Metropole aufgewachsen.

Liveübertragung der Trauerfeier für George Floyd:


Auch am Dienstag nahmen noch Menschen Abschied am goldfarbenen Sarg. Auf der Bühne standen zwei Bilder Floyds, die ihn mit Engelsflügeln und einem Heiligenschein zeigten. Ein Künstler malte während der von Gospel-Musik begleiteten Zeremonie ein weiteres Porträt von ihm.

Die Schwestern von George Floyd, Zsa Zsa und LaTonya trösten sich gegenseitig.
imago images/UPI Photo/DAVID J. PHILLIPS
Die Schwestern von George Floyd, Zsa Zsa und LaTonya trösten sich gegenseitig.


Floyd war am 25. Mai bei einem brutalen Polizeieinsatz ums Leben gekommen. Ein weißer Polizeibeamter hatte sein Knie fast neun Minuten lang in den Nacken des am Boden liegenden Mannes gedrückt – trotz seiner wiederholten Bitten, ihn atmen zu lassen. Der Polizist und drei an dem Einsatz beteiligte Kollegen wurden entlassen, festgenommen und angeklagt. Floyd war wegen des Verdachts, mit einem falschen 20-Dollar-Schein bezahlt zu haben, festgenommen worden. Sein Tod löste Massenproteste gegen systematischen Rassismus und Polizeigewalt im ganzen Land und auch weltweit aus.

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Biden beschwört "großen Wendepunkt"

Ex-US-Vizepräsident Biden war am Montag persönlich nach Houston gereist, um Familienangehörige von Floyd zu treffen, darunter dessen sechs Jahre alte Tochter Gianna. In seiner Videobotschaft zeigte er sich am Dienstag empathisch, sprach von einem "tiefen Loch" in den Herzen der Familie und der Freunde – und bekam Applaus der Trauergemeinde.

Eine Videobotschaft von Präsidentschaftsbewerber Joe Biden war Teil der Trauerfeier.
imago images/ZUMA Wire/Godofredo Vasquez
Eine Videobotschaft von Präsidentschaftsbewerber Joe Biden war Teil der Trauerfeier.


"Wir wissen, dass ihr nie wieder dasselbe fühlen werdet", sagte Biden. Zu viele Schwarze in den USA "wachen auf und wissen, dass sie ihr Leben verlieren können, indem sie einfach ihr Leben leben", beklagte Biden. "Wenn George Floyd Gerechtigkeit erfährt, werden wir wirklich auf unserem Weg zur Rassengerechtigkeit in Amerika sein." Dann würden Giannas Worte wahr, fügte Biden an die Adresse der Tochter hinzu: "Dein Vater wird die Welt verändert haben."

Ich denke, was hier passiert ist, ist einer dieser großen Wendepunkte in der amerikanischen Geschichte, was bürgerliche Freiheiten, Bürgerrechte und die gerechte Behandlung von Menschen mit Würde betrifft. Joe Biden im CBS-Interview


Der 77-Jährige würde gerne der politische Anführer der #BlackLivesMatter-Bewegung werden, der Heiler einer gespaltenen Nation. In der Gruppe der Afroamerikaner sieht er seinen stärksten Rückhalt für die Wahl im November.

Präsident Donald Trump versucht dagegen, sich den Amerikanern als "Präsident für Recht und Ordnung" zu präsentieren. Er äußerte sich zunächst nicht zu der Trauerfeier, stattdessen griff er einen verletzten Demonstranten per Twitter an. Trump hat Floyds Tod mehrfach verurteilt. Ihm wird aber vorgeworfen, sich nicht klar gegen Rassismus zu positionieren und nicht genug Verständnis für den Zorn über Diskriminierung und Ungerechtigkeit im Land zu zeigen.

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dpa


Nichte: "Wann war Amerika jemals großartig?"

Floyds Nichte Brooke Williams sagte beim Gottesdienst: "Keine Hassverbrechen mehr, bitte. Jemand hat gesagt: "Make America Great Again". Aber wann war Amerika jemals großartig?" "Amerika wieder großartig machen" war Trumps zentraler Wahlkampfslogan 2016. Williams bekam für ihre Worte viel Applaus.

Am Trauergottesdienst nahmen auch Floyds Kinder Gianna und Quincy Mason teil. Sein ältester Sohn trug wie andere Trauergäste eine Schutzmaske mit der Aufschrift: "I can't breathe" ("Ich kann nicht atmen"). Diese Worte hatte Floyd kurz bevor er starb gesagt. Sie sind zu einem Motto bei den Protesten gegen Polizeigewalt und Rassismus geworden.

Auch die Mutter von Eric Garner, Gwen Carr, ist dabei. Ihr Sohn wurde 2014 ebenfalls von einem Polizisten erstickt. Der Asthmatiker hatte bei der brutalen Festnahme gefleht 'I can't breathe'. Als der Polizist von ihm abließ, lebte Garner nicht mehr.
AFP/DAVID J. PHILLIP
Auch die Mutter von Eric Garner, Gwen Carr, ist dabei. Ihr Sohn wurde 2014 ebenfalls von einem Polizisten erstickt. Der Asthmatiker hatte bei der brutalen Festnahme gefleht "I can't breathe". Als der Polizist von ihm abließ, lebte Garner nicht mehr.


Floyd soll bei seiner Mutter letzte Ruhe finden

Nach der Zeremonie in der Kirche sollte Floyds Leichnam am Dienstagnachmittag (Ortszeit) – eskortiert von der Polizei – zu einem Friedhof in der Nachbarstadt Pearland gebracht werden. Die letzte Meile (etwa 1,6 Kilometer) der Prozession sollte sein Sarg offiziellen Angaben zufolge in einer Pferdekutsche transportiert werden. Nach übereinstimmenden Medienberichten sollte Floyd anschließend neben dem Grab seiner Mutter beigesetzt werden. Entlang der Strecke wurde mit vielen Zuschauern gerechnet. Die Stadt Pearland warnte vor extremen Temperaturen von weit mehr als 30 Grad.

George Floyd soll in Pearland begraben werden.
imago images/ZUMA Wire/Bob Daemmrich
George Floyd soll in Pearland begraben werden.


Bürgermeister von Houston verbietet Würgegriffe

Der Tod Floyds hat nicht nur Massenproteste in aller Welt ausgelöst, sondern auch eine Debatte über Polizeireformen in den USA. Der Bürgermeister von Houston, Sylvester Turner, kündigte bei der Trauerfeier für Floyd ein Verbot von Würgegriffen und andere Maßnahmen gegen Polizeigewalt an. "In dieser Stadt werden wir Deeskalation verlangen. In dieser Stadt wird man eine Warnung geben müssen, bevor man schießt", sagte Turner. "In dieser Stadt hat man die Pflicht, einzuschreiten."

Tatsächlich finden Forderungen nach einem "Defunding" der Polizei und einer Umwidmung der Gelder für soziale Projekte zunehmend Widerhall bei den landesweiten Protesten. Unter anderem die großen Polizeien in Los Angeles und New York können sich nach Ankündigung der örtlichen Bürgermeister auf Einschnitte einstellen. Doch weder Biden noch die Demokraten im Kongress wollen die Polizei die Mittel entziehen oder diese sogar auflösen. Sie verlangen Reformen gegen Polizeigewalt.

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dpa


Diese Gewalt trifft überproportional häufig Schwarze, wie aus Zahlen der "Washington Post" hervorgeht. Das ist nicht der einzige Beleg dafür, dass die USA systematischen Rassismus noch lange nicht überwunden haben. Schwarze werden Studien zufolge häufiger von der Polizei kontrolliert und werden bei gleichen Straftaten zu höheren Haftstrafen als Weiße verurteilt. Schwarze stellen mehr als ein Drittel aller Häftlinge in US-Gefängnissen, obwohl sie nur 13 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Nicht nur im Bereich der Justiz sind Afroamerikaner benachteiligt gegenüber Weißen: Das gilt beispielsweise auch auf dem Arbeitsmarkt und beim Einkommen.

Trump kommt auf 41 Prozent Zustimmung, Biden auf 55 Prozent

Die Wut über diese Verhältnisse bricht sich nun auf der Straße Bahn. Immer mehr Kritiker werfen Trump vor, das Land inmitten der Proteste zu spalten – darunter auch Trumps Ex-Verteidigungsminister James Mattis und sein früherer Stabschef John Kelly. Auch viele Bürger folgen dem Kurs des Staatsoberhauptes neuen Umfragen zufolge nicht. Seine Zustimmung sinkt, das Verständnis für friedliche Proteste ist demnach hoch.

Laut einer aktuellen CNN-Umfrage finden 38 Prozent der Befragten, Trump mache seinen Job gut, 57 Prozent finden das nicht. Zudem gaben 41 Prozent an, sie würden Trump erneut zum Präsidenten wählen, 55 Prozent versprachen dagegen Biden ihre Unterstützung.


Trump reist für Wahlkampf nach Texas

Trump dürfte es am liebsten sein, wenn die Demonstrationen nach Floyds Beisetzung schnell wieder abebben und der Druck auf ihn wieder nachlässt. Die Demokraten wollen genau das verhindern – sie hoffen für ihre Reformen und strukturellen Änderungen auf die Unterstützung von der Straße.

Am Donnerstag will der Präsident selbst nach Texas reisen – aber nicht, um Floyds Familie persönlich seine Anteilnahme auszudrücken. In Dallas will er ein Essen veranstalten, um Spenden für seine Wiederwahl im November einzusammeln. Laut "Dallas Morning News" kostet die Teilnahme pro Paar mehr als 500.000 Euro.

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