Kritik an Nachkommen des Kaisers : Historiker-Vorsitzende: Keine „First Family“ in Deutschland

Schloss Marienburg bei Hannover: Kirche und Adel bestimmten in Deutschland über Jahrhunderte das Geschehen. Auch aktuell stellt sich die Frage nach ihrem Einfluss.
Schloss Marienburg bei Hannover: Kirche und Adel bestimmten in Deutschland über Jahrhunderte das Geschehen. Auch aktuell stellt sich die Frage nach ihrem Einfluss.

Im Interview mit unserer Redaktion stichelt die Historiker-Vorsitzende Eva Schlotheuber gegen die Hohenzollern.

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15. Mai 2021, 01:00 Uhr

Schwerin | Deutschlands Gesellschaft befindet sich nach Schlotheubers Worten im stärksten Wandel seit Jahrzehnten. In einem Interview mit unserer Redaktion sagte sie, „Deutungshoheiten werden gegenwärtig neu ausgehandelt“. Dies sei in der Bundesrepublik das letzte Mal in größerem Maßstab 1968 geschehen. „Aber auch auf die Reichsgründung im 19. Jahrhundert folgte eine Phase hitziger kultureller Selbstfindung“, erinnerte Schlotheuber. „In solchen Zeiten kommt es immer wieder zu sehr emotionalen Wallungen.“

Als Beispiel für gegenwärtige Verschiebungen nannte die Mittelalter-Professorin das jüngste Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Klimapolitik. „Mit der Freiheit künftiger Generationen hat ein ganz neuer Faktor Entscheidungskraft bekommen. Die Parameter des Denkens sind anders justiert worden. Das kann man gut und gerne historisch nennen.“ Auch die negativen Auswüchse der Cancle-Culture seien in diesem Licht zu sehen.

Lesen Sie hier das vollständige Interview mit Eva Schlotheuber

Im selben Zuge sinke die Relevanz bisher prägender Akteure wie der Kirchen, erklärte die Historikerin. Der Verlust ihrer Deutungsmacht sei zuletzt in der Coronakrise offensichtlich geworden. Schlotheuber: „Die Kirche spielte hier keine wesentliche Rolle, aber die Sehnsucht nach Erklärung wurde auf andere Akteure projiziert – ein Christian Drosten als Prophet, wenn man so will.“

Sonderrolle für den Adel?

Familien des Adels streben in Deutschland nach ihrem Eindruck weiterhin nach einer Sonderrolle. Über die gegenwärtige Häufung von Verhandlungen mit dem Staat um Immobilien sagte Schlotheuber, „es geht um viel Geld und um die Deutung von Geschichte“. Das seien schon einmal zwei wichtige Faktoren. „Aber letztlich geht es noch um mehr, glaube ich, nämlich um den Status des Adels in der heutigen Gesellschaft.“

Friedrich Georg Prinz von Preußen, Oberhaupt der Hohenzollern und Ururenkel von Kaiser Wilhelm II.
Ralf Hirschberger/dpa
Friedrich Georg Prinz von Preußen, Oberhaupt der Hohenzollern und Ururenkel von Kaiser Wilhelm II.

Die Düsseldorfer Professorin kritisierte scharf, dass insbesondere die Hohenzollern als Familie des letzten deutschen Kaisers ihre Ansprüche immer wieder auch mit rechtlichen Mitteln gegen Kritiker stützen wollten. „Die Akzeptanz einer Vorrangstellung kann man ja aber auch über karitatives Engagement oder Stiftungen zu erreichen suchen - oder eben über die Idee, in das frisch renovierte Schloss Cecilienhof im Sinne einer First Family einzuziehen, und durch juristische Schritte gegen Wissenschaftler, Journalisten und Politiker bei schwierigen Nachrichten“, so die Verbandsvorsitzende.

In rechtlicher Hinsicht gebe es keine besondere Rolle der Familien mehr. „Aber in gesellschaftlicher kann man an den Auseinandersetzungen sehen, dass der Adel selbst das anders sieht“, sagte Schlotheuber. In Teilen werde ihm dies auch für die Gesellschaft. „Tatsächlich schreiben ja viele Menschen dem Adel nach wie vor eine besondere Stellung zu.“

"Kinder werden ihr Leben lang leiden"

Das politische Handeln in der Coronakrise führt nach Auffassung des Verbandes zu eklatanten Bildungsmängeln in Deutschland. „Bildung war nicht im Fokus", sagte Schlotheuber. "Ich finde das ganz katastrophal. Die Kinder werden ihr Leben lang darunter leiden, die ganze Gesellschaft wird es.“

Schon vorher sei wichtiges Orientierungswissen nicht mehr vermittelt worden. Es handele sich auch um eine Frage der Gerechtigkeit zwischen Alt und Jung, betonte Schlotheuber. „Eine neue Generation muss von der vorherigen befähigt werden, später im Leben gut zu bestehen. Das wissen wir alle, und trotzdem nimmt die Gesellschaft im Bildungswesen dramatische Mängel hin.“

Historiker-Vorsitzende Eva Schlotheuber bei einer NOZ-Diskussion mit Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg,
André Havergo
Historiker-Vorsitzende Eva Schlotheuber bei einer NOZ-Diskussion mit Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg,
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