Interview mit DBU-Generalsekretär Alexander Bonde : Umweltstiftung verteidigt Umwelthilfe

'Wir organisieren keine Demos und verklagen keine Städte': Klima und Luftqualität liegen Alexander Bonde als Generalsekretär der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) gleichwohl am Herzen. Foto: Michael Gründel
"Wir organisieren keine Demos und verklagen keine Städte": Klima und Luftqualität liegen Alexander Bonde als Generalsekretär der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) gleichwohl am Herzen. Foto: Michael Gründel

In der Diskussion um Abgasgrenzwerte für Autos hat der Chef der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) die umstrittene Deutsche Umwelthilfe (DUH) verteidigt. In einem Interview mit unserer Redaktion sagte Alexander Bonde, „Ausgangspunkt ihrer Erfolge vor Gericht war immer, dass jemand bestehendes Recht verletzt – und das war nicht die DUH“.

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07. Februar 2019, 06:34 Uhr

Osnabrück | Auch die Tätigkeit der schwedischen Klima-Aktivistin Greta findet Bondes Zustimmung. „Ich halte es für ermutigend, dass junge Leute das Thema besonders bewegt“, sagte der frühere Grünen-Politiker. „Es geht um ihre Zukunft und die des Planeten.“ Greta stehe für ihre Generation und sei „ein Symbol für viele junge Leute, die berechtigte Ängste und Sorgen haben“.

Grundsätzlich wünschte sich Bonde als Chef der Osnabrücker Einrichtung eine sachliche Klimaschutzdiskussion ohne personalisierte Vorwürfe gegen Gruppen wie Autofahrern oder Vielflieger. „Wir sollten uns davon lösen, immer zu fragen: Wer hat wo was gemacht?"

Das Interview hat folgenden Wortlaut:

Herr Bonde, wer bewirkt eigentlich mehr? Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) oder die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU)?

Es gibt in der Umweltszene unterschiedliche Akteure mit unterschiedlichen Aufgaben, die dabei – wer will es verhehlen – auch unterschiedliche Beliebtheitswerte erzielen. Die DBU als Förderstiftung entwickelt mit der mittelständischen Wirtschaft und der Wissenschaft als Partnern konkrete, in der Regel technologiegetriebene Projekte. Von daher organisieren wir keine Demos und verklagen keine Städte, sondern sprechen mit Wirtschaft und Experten und suchen nach auch betriebswirtschaftlich attraktiven Lösungen, die der Umwelt dienen. Zur Deutschen Umwelthilfe stehen wir nicht in Konkurrenz, weshalb wir uns mit der DUH und anderen Akteuren auch nicht vergleichen.

Halten Sie die Deutsche Umwelthilfe für seriös?

Die Deutsche Umwelthilfe ist bekannt geworden, weil sie auf dem Rechtsweg zu erreichen versucht, dass geltendes Umweltrecht auch angewendet wird. Das polarisiert zwar, aber der Ausgangspunkt ihrer Erfolge vor Gericht war immer, dass jemand bestehendes Recht verletzt – und das war nicht die DUH.

Geltende Grenzwerte lassen sich rechtlich durchsetzen – aber sind die Grenzwerte angemessen?

Persönlich kann ich einige Teile der Diskussion über Stickoxid und Feinstaub nachvollziehen, andere nicht. Aber es ist die Aufgabe des Gesetzgebers und der zuständigen Institutionen, unter wissenschaftlicher Beratung über die Grenzwerte zu entscheiden. Der überwiegende Teil der Wissenschaft und die national und international zuständigen Institutionen sind sich einig über die gesundheitlich schädlichen Auswirkungen von Stickoxiden. Wir als DBU haben in dieser Frage keine eigene Expertise, weshalb wir und in diese Debatte nicht einmischen.

Zu welchen Anteilen ist Umweltpolitik wissenschaftlich fundiert oder eher weltanschaulich oder auch postfaktisch getrieben?

Es gibt heute öffentliche Diskussionen, die sich in Teilen von wissenschaftlichen Fakten verabschiedet haben und die nötige Exaktheit vermissen lassen. In Sachen Klimaschutz kann man sich beispielsweise nur noch wundern. Da muss man gar nicht auf den amerikanischen Diskurs und US-Präsident Donald Trump verweisen, um zu sehen, wie sehr der Stand der Forschung ignoriert wird. Wissenschaft muss sich zwar immer auch hinterfragen lassen. Aber auf diesem Feld haben wir völlig klare Erkenntnislagen eines überwältigend großen Teils der Wissenschaft, die deutlich machen, dass dringender Handlungsdruck besteht, wenn wir Veränderungsprozesse des Klimas in einem verträglichen Maß halten wollen. Ich würde mich freuen, wenn es sehr viel stärker gelänge, den Stand der Wissenschaft zum Ausgangspunkt gesellschaftlicher Diskussionen zu machen. Für uns als DBU nehmen wir in Anspruch, sehr nahe dran zu sein an der wissenschaftlichen Diskussion.

Ist es einer solchen Diskussion dienlich, wenn jedes überdurchschnittliche Hochwasser als Klimafolge dramatisiert wird, während die ostfriesischen Inseln doch seit Jahrhunderten solchen Veränderungen ausgesetzt sind und durch Fluten letztlich überhaupt erst entstanden sind?

Es kann und muss nicht jede Wetterlage dem Klimawandel zugeschrieben werden. Anders herum ist es kein Argument gegen den Klimawandel, dass es früher auch schon Hochwasser gab.

Der Verweis auf die Vergangenheit ist in der Debatte die Reaktion darauf, dass singuläre Situationen als vermeintliche Beweise angeführt werden.

Die deutliche Zunahme der Extremwetterereignisse belegt, dass diejenigen richtiger liegen, die von einem Zusammenhang ausgehen, als jene, die sagen, Klimawandel gibt’s gar nicht. Wir dürfen uns bei einem derart klaren Stand, wie wir ihn mit exakten Daten und deutlichen Indikatoren belegen können, nicht die Ausrede leisten, deshalb nichts zu machen, weil im Vergleich zum einen oder anderen Modell eine Abweichung eingetreten ist oder weil es Überschwemmungen auch früher schon gab.

Exaktheit ist ein gutes Stichwort. Wenn Sie sagen, es würde behauptet, Klimawandel gäbe es nicht, ist das nicht besonders exakt. Müssten Sie nicht eher von Leuten sprechen, die sagen: Es gibt einen Klimawandel, aber es gab ihn immer, und wir wissen nicht, wie groß der Anteil des Menschen ist? Oder wie groß schon aus demographischen Gründen die Chance ist, ihn zu beeinflussen? Oder die mit Blick auf die Erdgeschichte zur Anpassung raten statt zum Alarm? Gehört eine solche Differenzierung nicht zur nötigen Exaktheit?

Der überwältigende Teil der Klimawissenschaft ist sich darin einig, dass es einen großen menschlichen Anteil gibt. Ebenso sicher ist, dass das Eindämmen des Kohlendioxid-Ausstoßes der entscheidende Hebel ist. Wir haben jetzt noch ein Zeitfenster, um zu handeln. Wie konsequent wir das tun, entscheidet darüber, wie sehr der Klimawandel durchschlägt.

Was halten Sie von der Schwedin Greta, die als Klimaaktivistin viel Aufmerksamkeit auf sich zieht?

Ich halte es für ermutigend, dass junge Leute das Thema besonders bewegt: Es geht um ihre Zukunft und die des Planeten. Greta steht für diese Generation und ist ein Symbol für viele junge Leute, die berechtigte Ängste und Sorgen haben.

Ein Thema Gretas ist die Kritik am Fliegen. Der Mobilitätsforscher und TU-Berlin-Professor Andreas Knie hat es neulich als ratsame Option ins Spiel gebracht, innerdeutsche Flüge zu verbieten. Keine Mehrwertsteuer auf die Tickets, keine Mineralölsteuer aufs Benzin: Während der Automobilsektor gegängelt wird, sei der Flugverkehr ungemein privilegiert. Hatte der Professor eine gute Idee?

Ich bin sehr gespannt auf die Vorschläge der Politik zur Kohlendioxid-Minderung. Die Kohlekommission hat einen Konsens für den Energiesektor gefunden, der allein noch nicht genügt, um die Pariser Klimaziele zu erfüllen. Das heißt, dass der Druck steigt auf Bau, Landwirtschaft und Verkehr, substanzielle Einsparziele zu erreichen,. Dort stehen die Vorschläge noch aus. Das ist jetzt die Stunde der Politik. Für ungefragte öffentliche Ratschläge der DBU ist jetzt nicht die Zeit.

Als unabhängigen Ratgeber sehen Sie sich nicht?

Wir sind deshalb eine starke Stiftung, weil wir wissen, was wir können, aber auch, was unsere Aufgabe und Expertise nicht hergibt. Wir schaffen konkrete Lösungen für Umweltprobleme mit unseren Partnern in Technik und Forschung. Die Ergebnisse speisen wir in Politik und Gesetzgebungsprozesse ein. Das aber primär direkt. Wir beteiligen uns nicht an jeder Diskussion mit öffentlichen Statements.

Ist nicht viel Doppelmoral im Spiel, wenn die Verbraucher sich über Haltungsbedingungen von Nutztieren beklagen, aber zugleich das billigste Fleisch kaufen? Oder wenn die Grünen ein Tempolimit fordern, zugleich aber zu den bekennenden Vielfliegern zählen?

Wir sollten uns davon lösen, immer zu fragen: Wer hat wo was gemacht? Es braucht einen gesellschaftlichen Wandel, der zum Teil mit Bewusstsein zu tun hat und zum Teil mit Technologie. Um ihn zu bewirken, bedarf es einer großen gemeinschaftlichen gesellschaftlichen Anstrengung.

Kann Ihre Stiftung dazu weiter in alter Stärke beitragen? Wie sieht es angesichts des niedrigen Zinsniveaus mit den Fördersummen aus, die sie ausschütten können?

Trotz der schwierigen Lage am Kapitalmarkt werden wir, soweit wir sehen können, wie gewohnt arbeiten und fördern können, auch aufgrund von Rücklagen aus der Vergangenheit. Sie können sicher sein: Die Stiftung wird weiterhin ihre unabhängige, bewährt gute Förderarbeit fortsetzen.

Vor ein paar Tagen gingen im sozialen Netzwerk Twitter „größte Hits“ um: Einzelpersonen und Organisationen schrieben ihre Antworten auf die häufigsten Fragen auf, die sie im Schlaf aufsagen können. Die DBU twitterte: „Ja, wir sitzen wirklich in Osnabrück und nicht in Berlin“. Was machen Ihre Pläne zu einer Hauptstadt-Niederlassung?

Wir sind dienstlich natürlich oft in Berlin. Vier Bundesministerien und fünf Bundestagsabgeordnete – davon zwei als Parlamentarische Staatssekretärinnen ihrer Ministerien – sind in unserem Kuratorium vertreten. Hinzu kommt die Zusammenarbeit mit Politik, Mittelstand, Institutionen und Wissenschaft. Aber wir schätzen unseren Standort in Osnabrück sehr. Er hilft, in langen Linien zu denken. Was im hysterischen Hauptstadtgefilde wie ein Problem wirkt, ist nach drei Stunden Zugfahrt in Osnabrück manchmal keines mehr. Die Stiftung wie auch ich fühlen uns hier wohl. Einzig die Bahn könnte noch ein wenig helfen, indem sie auf der Strecke pünktlicher wird.

Darum geht's im MEDIENPROJEKT von SVZ und NNN

Etwa 65.000 Schüler und Lehrer allein in unserem Verbreitungsgebiet erhalten in einem gemeinsamen Projekt der Zeitungsverlage und des MV-Bildungsministeriums bis zum Jahresende kostenlosen Zugang zu den Newsportalen. Fragen Sie an den Einrichtungen ihrer Kinder nach den Bedingungen und Login-Daten, die Sie auch in der Familie nutzen können.
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