Die Azubis wollen Selfies : Der Bahnchef beim Brückenbau - ein Konzernlenker in Hemdsärmeln

Bahnchef Richard Lutz (Mitte)  an der Süderelbe: Projektleiter Sven Kollath erläutert die Brückensanierung im Süden von Hamburg. Foto:Achim Stauß/Deutsche Bahn
Bahnchef Richard Lutz (Mitte) an der Süderelbe: Projektleiter Sven Kollath erläutert die Brückensanierung im Süden von Hamburg. Foto:Achim Stauß/Deutsche Bahn

Eng wie beim U-Boot ist der Einstieg. Bahnchef Richard Lutz rückt den blauen Schutzhelm nochmal zurecht und zwängt sich durch das Loch. „Lutz vor Ort“ ist das Motto seiner Reisen in die Wirklichkeit, also hinein in das atemberaubende Innenleben der Süderelbbrücke.

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21. August 2019, 01:00 Uhr

Hamburg | Die ist in die Jahre gekommen. Das Bauwerk stammt noch aus den 1970er Jahren und hält dem zunehmenden Eisenbahnverkehr kaum noch Stand. Eine Stabilisierung muss schneller als geplant her, denn für die Bahn ist die Querung existenziell wichtig. Die Eisenbahn überquert seit 1872 die Süderelbe. Auf der gegenwärtigen mehr als 300 Meter lange Brücke verlaufen acht Gleise für S-Bahnen, Fern-, Regional- und Güterzüge. Oben lärmt der Verkehr – unten in einer der nur 1,44 Meter hohen und 5,30 Meter langen Stahlkammern der Brückenkonstruktion kauert der Bahnchef, wie die Ingenieure, Elektriker und Stahlbauer auch.

75 000 Schrauben werden bei der Sanierung der Süderelbbrücke verwendet - der DB-Vorstandsvorsitzende Richard Lutz (rechts) schaut ganz genau, wo. Foto:Achim Stauß/Deutsche Bahn
75 000 Schrauben werden bei der Sanierung der Süderelbbrücke verwendet - der DB-Vorstandsvorsitzende Richard Lutz (rechts) schaut ganz genau, wo. Foto:Achim Stauß/Deutsche Bahn

„Wir bauen unter dem rollenden Rad“, erläutert Projektleiter Sven Kollath. Lutz, von Haus aus promovierter Betriebswirt, aber technisch sehr versiert, lässt sich Schritt für Schritt das Mega-Vorhaben erklären. Der 55-Jährige klopft an die Stahlwand, befühlt die monströsen Schrauben. Jede wird von Spezialisten einzeln reingedreht – 75.000 sind es laut Kollath insgesamt. Das Projekt Süderelbe steht exemplarisch für das gigantische Bahn-Programm zur Brückensanierung. Von insgesamt 25.740 Querungen ist fast jede zweite älter als hundert Jahre. Rund fünf Prozent sind so marode, dass nur noch Abriss hilft. Alle Baumaßnahmen zusammen werden mit 25 Milliarden Euro veranschlagt.

Im Vergleich dazu ist der Termin des DB-Vorstandsvorsitzenden auf dem Hamburger Hauptbahnhof mit dem dortigen „PlanStart“-Team – die Bahn mag solche Schlagworte – eine leichte Übung. Nils Kruse, der Chef dieser achtköpfigen schnellen Eingreiftruppe, führt Lutz sofort auf die engen Bahnsteige und mitten in das Menschengewusel. Die Hansestadt hat den meistfrequentierten Bahnhof Deutschlands: 550.000 Reisende und Besucher schieben sich Tag für Tag durch die Wandelhalle und über die Bahnsteige. Es fehlt aber an Raum, um den „größten Flaschenhals" im Schienennetz der Deutschen Bahn zu beseitigen. Jetzt sollen die Kioske auf dem Perron weichen, jeder Quadratmeter wird gebraucht.

Eine 'schnelle Eingreiftruppe',  links im Bild der Chef Nils Kruse, schaut auf dem Hamburger Hauptbahnhof, wo es eng wird. Bahnchef Richard Lutz scheint sehr zufrieden zu sein. Foto:Achim Stauß/Deutsche Bahn
Eine "schnelle Eingreiftruppe", links im Bild der Chef Nils Kruse, schaut auf dem Hamburger Hauptbahnhof, wo es eng wird. Bahnchef Richard Lutz scheint sehr zufrieden zu sein. Foto:Achim Stauß/Deutsche Bahn

Die DB-Konzernbevollmächtigte für Deutschlands Norden, Manuela Herbort, erläutert spektakuläre Pläne: Vorgesehen ist eine Verlängerung der denkmalgeschützten Bahnhofshalle um rund 70 Meter gen Süden. Das gigantische Dach soll sogar die Straße „Steintordammbrücke“ überspannen. Wie teuer? „Die Preisschilder kommen später“, heißt es. In aufgeräumter Stimmung hört Lutz zu. Hier tut sich was, das ist gut. Zudem tritt die „PlanStart“-Truppe sehr kompetent auf. Ein Selfie mit dem Boss aus Berlin? Diesen Wunsch erfüllt der 55-Jährige gern.

„Lutz vor Ort“ – das liegt ihm. Als ihm kurz darauf die Sicherheitschefs die aufwändige Videoüberwachung in Hamburg erläutern und Bahn-Azubis in einer gespielten Situation überzeugend ihr Anti-Gewalt-Training vorführen, steigt die Stimmung des Bahnchefs noch. „Die Stimme ist unser Instrument“, hat der Ausbilder den jungen Männern eingeschärft – die demonstrieren nun mit großem Ernst, wie Ruhe und Entschiedenheit aggressive Fahrgäste auf den Boden zurückholt. Auch in der Wirklichkeit haben sie das schon erfolgreich hingekriegt. Für den Vorstandsvorsitzenden ist der Tag sehr zufriedenstellend verlaufen. Doch Frust könnte es am Ende doch noch geben. Gegen Abend steht ein Treffen mit Mitarbeitern an: 112 Teilnehmer haben sich angemeldet. „Gestern in Berlin haben sie ganz schön geschimpft“, berichtet Lutz.

Er nimmt es offenbar locker. Den Lokführer, der ihm bei dem Treffen „schneller, schneller“ zugerufen hatte und offenbar Ergebnisse sehen will, trifft der Bahnchef später im ICE von Berlin nach Hamburg. Beide schütteln sich die Hand. Schneller, schneller – das will auch Lutz. Der Spross einer Eisenbahnerfamilie ist allerdings umzingelt von Problemen. Marode Gleise, Funklöcher und stockende Digitalisierung, bröckelnde Brücken, nervende Unpünktlichkeit und veraltete Züge. Der Grund dieser Misere liegt auf der Hand –über Jahre fuhr die Bahn auf Verschleiß. Dazu drückt ein Schuldenberg von 25 Milliarden Euro. Aber jetzt tut sich was.

Noch nie so viele Baustellen

Noch nie gab es so viele Baustellen zur Sanierung des Schienennetzes wie seit etwa zwei Jahren. Noch nie wurden so viele Mitarbeiter neu eingestellt wie 2018 und 2019. Die Bahn bekommt im Durchschnitt jeden Monat einen fabrikneuen ICE oder IC. Ein beherzter Aufbruch scheint möglich: Die Klimakrise könnte den umtriebigen Konzernlenker zum Gewinner machen. Die Politik stützt ihn unter dem Druck der Bürger und der jugendlichen Demonstranten von „Fridays for Future“ mehr denn je. Zudem könnte die Liebe der Deutschen zum Auto angesichts zu erwartender massiver CO2-Bepreisung erkalten. Lutz, Vater dreier erwachsener Kinder, nimmt bei der nachwachsenden Generation eine deutlich losere, ja distanziertere Sicht auf das Auto wahr. „In meiner Generation war es oberstes Ziel, schnellstmöglich den Führerschein zu machen und ein Auto zu besitzen. Das hat sich gewandelt“, stellt er fest. „Auch das hilft der Bahn.“ Die müsse sich deshalb jetzt gut vorbereiten.

Lutz jedenfalls tut, was er kann. Was ihm dabei zugute kommt: Er verzichtet auf die üblichen Attitüden eines Vorstandschefs. Nadelstreifenanzug, Tablet-Computer, Aktenkoffer? Fehlanzeige. Lutz kommt in hellbraunen Jeans, das farblich passende Jackett legt er schnell ab. Auf Augenhöhe nähert er sich den Beschäftigten seines Unternehmens, die die Wertschätzung spüren. „Bitte ein Foto“, rufen auch die Azubis. Na klar! Wird gemacht.

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