Auszüge der Reaktionen : "Dem alten Fuchs fehlt der klare Blick" – Pressestimmen zum Seehofer-Rücktritt

In den Medien ein viel diskutiertes Thema: Horst Seehofers Ankündigung den CSU-Vorsitz abzugeben.
In den Medien ein viel diskutiertes Thema: Horst Seehofers Ankündigung den CSU-Vorsitz abzugeben.

In den deutschsprachigen Zeitungen wird Seehofers Teilrückzug von seinen Spitzenämtern kritisch besprochen.

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13. November 2018, 13:14 Uhr

Berlin | Die Rückzugsankündigung Horst Seehofers als CSU-Parteivorsitzender wird in der Presse überwiegend als richtiger Schritt bewertet. Doch woran er letztlich scheiterte, dafür gibt es mehrere Thesen. Ein paar Auszüge aus den Kommentarspalten:

"Er stiehlt Söder die Show"

In Nürnberg bedauert man verpasste Chancen:

Wer in der CSU auf ein Signal des Aufbruchs gehofft hat, der wird enttäuscht sein. Söder hätte durchstarten können. Er wollte mit seinem neuen Kabinett ein Signal setzen, die jüngste Ministerriege aller Zeiten, dazu immer noch weit weiblicher, als es der Frauenanteil im Landtag hergibt. Doch das Signal verpufft, auch dank Seehofers neuester Finte. Der Ingolstädter zieht wieder einmal die Blicke auf sich, als sie auf Söder gerichtet sein sollten. Er stiehlt ihm die Schau, ein letztes Mal vielleicht. Doch das kann sich noch rächen. Nürnberger Nachrichten

"Sie konnten ihn zum Sündenbock machen"

In einem Schweizer Kommentar sieht man Seehofer als Sündenbock der CDU:

Am Ende machten es sich Seehofers Kritiker allzu leicht. Schnitt die Union in Wahlen und Umfragen schlecht ab, konnten sie ihn zum Sündenbock machen oder, wie er selbst es einmal ausdrückte: zum "Watschenbaum". Um Merkel aus der Schusslinie zu nehmen, versuchten CDU-Politiker, die CSU und hier vor allem Seehofer für die Schwäche der Union verantwortlich zu machen. Neue Zürcher Zeitung (Dienstag)

"Rücktrittsforderungen sind schrille Begleiterscheinung"

In Schwaben prangert eine Zeitung die Empörungsschreie der Opposition an:

Sprunghaft, streitsüchtig, unberechenbar: Seehofer hat zu oft alle Register gezogen, wenn es galt, unproduktive Unruhe zu stiften und die schicksalhafte Gemeinschaft mit der CDU an den Rand des Abgrunds zu drängen. Die Quittung bekam er jetzt von fast allen CSU-Bezirksvorsitzenden. Das empörte Geschrei aus der SPD und von den Grünen, das Seehofer zum sofortigen Rücktritt auffordert, ist nicht mehr als eine schrille Begleiterscheinung. So gewöhnlich wie dumm. Doch auch in der Union weint man ihm über Bayerns Grenze keine Träne nach. Seine unbestreitbaren Verdienste und Erfolge als CSU-Chef und Ministerpräsident sind vergessen und lange her. Stuttgarter Nachrichten

"Er hat viel Porzellan zerschlagen"

In Österreich fordert ein Kommentator auch Seehofers Rücktritt vom Ministerposten:

Seehofer hat in den vergangenen Jahren viel Porzellan zerschlagen und Vertrauen zerstört. Daher wäre es gut, wenn er jetzt reinen Tisch macht und nicht nur für den CSU-Vorsitz, sondern auch für den Job des Innenministers ein Ausstiegsdatum nennt. Denn das Rauszögern und Aufschieben muss endlich ein Ende haben. Der Standard

"Seehofer hat zu spät begriffen"

Aus Rheinland-Pfalz heißt es, Seehofer habe den Kontakt zur wirklichen Welt verloren:

Der alte Fuchs hatte zuletzt keinen klaren Blick mehr, spätestens seit Herbst 2015 nicht mehr. Er glaubte, die Dauerfehde mit Merkel würde der Union nützen. Sie hat ihr geschadet. Das hat Seehofer in Teilen erst begriffen, als es zu spät war: nach der Bayern-Wahl. Horst Seehofer ist beispielhaft für einen Spitzenpolitiker, der in einer Blase lebt. Der den Kontakt zum wirklichen Leben verloren hat. Der unbelehrbar geworden ist. Der nicht loslassen kann. Und der am Ende in seinen Ämtern wirkt wie ein störrischer alter Mann. Schade eigentlich. Denn schlecht war er nicht, der Politiker Horst Seehofer. Früher. Rheinpfalz

"Am Ende musste er Autorität simulieren"

In München meint der Kommentator, Seehofer habe seine politische Zukunft selbst verspielt:

Weil Seehofer nicht die Stärke zum Verzicht hatte, als der richtige Zeitpunkt gewesen wäre, wurde er immer schwächer. Weil Seehofer sich nicht mehr durchsetzen konnte, musste er versuchen, es allen recht zu machen. Deshalb hat er die Flüchtlingspolitik Merkels bekämpft und trotzdem den Bestand der großen Koalition stets gewährleistet. Am Ende musste er durch angekündigte und zurückgenommene Rücktritte eine Autorität simulieren, die er längst verloren hatte. Seehofer spielte nur noch mit seinem politischen Schicksal, ohne zu merken, dass niemand so an ihm hängt, wie er an seinen Ämtern. Süddeutsche Zeitung

"Eines Tages wird man ihn wieder würdigen"

In Berlin ehrt man Seehofers vergangene Erfolge:

Seehofer war nach der vernichtenden Niederlage bei der Landtagswahl 2008 der Retter der CSU und nach dem Sieg 2013 ihr Held und König. Das gehört auch zur Bilanz. Er hat mit dem Asylstreit und zum Schluss mit dem Fall Maaßen sein Blatt überreizt. Aber er hat die CSU 2013 und 2017 auf Bundesebene auf eine Koalition mit den Grünen vorbereitet, und er war der Siegelbewahrer einer Christlich-Sozialen Union, die das Wort sozial im Namen ernst nahm. Eines Tages wird man auch das wieder würdigen. Die Welt
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