„Rest der Republik“ : „Corona-Rebellenländer“ mit Schul-Sonderweg im Norden erfolgreich

Viele Bundesländer im Norden haben sich dem Ruf aus Berlin nach kompletten Schulschließungen widersetzt. Erhöhte Corona-Infektionszahlen allerdings sind nicht festzustellen.
Viele Bundesländer im Norden haben sich dem Ruf aus Berlin nach kompletten Schulschließungen widersetzt. Erhöhte Corona-Infektionszahlen allerdings sind nicht festzustellen.

Schulen auf oder zu? Verschiedene Länder haben in der Corona-Krise aktuell verschiedene Wege gewählt. Nun gibt es überraschende Ergebnisse.

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10. Februar 2021, 10:40 Uhr

Schwerin | Gerade im Norden widersetzten sich die SPD-geführte Länder den Rufen nach kompletten Schulschließungen, namentlich Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern, Hamburg und Bremen. Mittlerweile zeigt sich, dass sich die Corona-Lage in den Ländern mit teils geöffneten Schulen kaum anders entwickelt hat als in den kanzlertreuen, CDU-geführten Nachbarländern Schleswig-Holstein (Sieben-Tages-Inzidenz: 62) und Nordrhein-Westfalen (67), die der Linie der Bundesregierung folgten und komplett auf häusliches Lernen setzen.

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Auch das vehementen Drängen auf Nachschärfung blockten die SPD-geführten Länder ab. Niedersachsen ließ vor einiger Zeit selbst eine direkte Rüge aus dem Bundeskanzleramt nordisch kühl an sich abprallen. Und nach der jüngsten Schalte mit der Kanzlerin versicherte Ministerpräsident Stephan Weil eilig, dass Angela Merkel (CDU) höchstselbst ihr Okay zum niedersächsischen Schul-Sonderweg gegeben habe, wenngleich sie keinen Zweifel ließ, es gerne anders gehabt zu haben.

Hat selbst vier Kinder in der Schule beziehungsweise zu Hause: Niedersachsens Minister Tonne.
Holger Hollemann/dpa
Hat selbst vier Kinder in der Schule beziehungsweise zu Hause: Niedersachsens Minister Tonne.

Den Infektionszahlen zufolge haben die SPD-Bildungsminister der Länder wie Grant Hendrik Tonne in Niedersachsen, Bettina Martin in Mecklenburg-Vorpommern und Claudia Bogedan in Bremen nichts falsch gemacht. In Bremen lag die Sieben-Tages-Inzidenz, die Auskunft über die Zahl der Corona-Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern und Woche gibt, aktuell laut Robert-Koch-Institut bei 80, in Niedersachsen bei 67. Beide Länder stehen mit diesen Werten im Bundesvergleich ausgesprochen gut da, ebenso wie Mecklenburg-Vorpommern, wo ein Schulbesuch im Wechselmodell bis einschließlich Klasse sechs möglich ist - und die Sieben-Tages-Inzidenz aktuell bei 82 liegt (Stand 9. Februar).

Bremen und Hamburg gehen noch weiter als Niedersachsen

In Bremen ging Bildungssenatorin Bogedan genau wie ihr streitbarer Hamburger Amtskollege Ties Rabe (SPD) sogar noch einen Schritt weiter. Denn nicht nur Bremen, sondern auch Hamburg (Sieben-Tages-Inzidenz: 62) setzt auf geöffnete Schulen für alle Jahrgänge bei gleichzeitig aufgehobener Präsenzpflicht und Wechselunterricht. Ein Weg, den Niedersachsen sich nur für die Grundschulen und Abschlussklassen "getraut" hat. „Ich übernehme die Verantwortung dafür gerne“, sagte Bogedan Anfang Januar.

Gegen Virologen und Lehrergewerkschaft gestellt

Rabe scheute nicht die harte Auseinandersetzungen mit Lockdown-Verfechtern wie Viola Priesemann und Melanie Brinkmann, die seinen Weg für unverantwortlich halten. Bogedan stellte sich frontal gegen die SPD-nahe Lehrergewerkschaft GEW. Angst könne kein Dienstverhältnis ausgestalten, ließ sie die Gewerkschafter und die Lehrer wissen, die eine Ansteckung in den Schulen fürchteten.

Schulsenatorin sieht sich bestätigt

Gut einen Monat später sieht sich die zweifache Mutter, deren Kinder derzeit selbst Kita und Schule besuchen, ungeachtet anhaltender Kritik bestätigt: Im Interview mit „Radio Bremen“ sagte sie am Wochenende: „Die Zahlen in Bremen geben uns Recht.“ Tatsächlich spiegelt sich in Bremen der Bundestrend eines rückläufigen Inzidenzwerts wider. Und das obwohl ausweislich der Zahlen des Bildungsressorts derzeit 85 Prozent der Grundschüler und 60 Prozent der Jugendlichen persönlich zum Unterricht in der Schule erscheinen – im Wechselunterrichtsmodell wohlgemerkt.

Im Vergleich mit einigen niedersächsischen Umland-Landkreisen, in denen der Unterricht deutlich weiter eingeschränkt ist, steht die Großstadt bei der Inzidenz sogar besser dar. Die vergleichsweise lockere Schulpolitik scheint also augenscheinlich nicht zwangsläufig in deutlich gesteigerten Infektionszahlen zu münden, wie es zahlreiche Kritiker befürchtet hatten.

Für den Bereich Bremerhaven lässt sich das so indes nicht festhalten. Die zum Bundesland Bremen gehörende Stadt an der Nordseeküste verzeichnete für sich genommen zuletzt die höchsten Inzidenzen seit Beginn der Pandemie. Letztlich ist der Einfluss der Schulen auf die gestiegenen Werte aber unklar. Immer noch ist bei den meisten Corona-Fällen unsicher, wo sich die Menschen eigentlich angesteckt haben.

Klare Ansage von Bogedan

Und wie geht es nach dem Lockdown weiter? Sozialdemokratin Bogedan machte eine klare Ansage an die Runde der Regierungschefs: „Rauskommen aus dem Paradigma der Schulschließungen.“ Bei allen Ängsten und Sorgen brauche es längerfristige Perspektiven für die Schulen. Den Kindern dürften keine Zukunftschancen verbaut werden.

Tonne: Lage der Kinder "sehr intensiv im Blick"

"Der Weg für Niedersachsen hat sich bewährt", findet auch der dortige Minister Tonne und sagt: "Pandemie-Bekämpfung und Bildung dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden." Der vierfache Vater mit Kindern in den Schul-Jahrgängen elf, acht, fünf und eins erklärt, er habe die Lage der Kinder und Jugendlichen "sehr intensiv im Blick" und sich deshalb dafür eingesetzt, "dass wir die Schulen einen Spalt weit aufhalten können für diejenigen Schülerinnen und Schüler, die in diesem Jahr vor besonderen Herausforderungen stehen".

Sonderweg für die Kleinen und für Abschlussklassen

Wen er damit meine? "Das sind die Jüngsten, die sich nicht selbstständig im Distanzlernen Lesen, Schreiben und Rechnen beibringen können – deshalb können und sollen die Grundschulen Wechselunterricht anbieten", antwortet der Minister. Zum Zweiten hätten die Abschlussklassen die Möglichkeit für Wechselunterricht, um sich für die Abschlussprüfungen im Sekundabereich I und die Abiturprüfungen vorzubereiten.

Zugleich leisteten die Kinder und Jugendlichen einen erheblichen Beitrag im Lockdown. Derzeit befinden sich laut Kultusministerium rund 75 Prozent der Schüler im reinen Distanzlernen und gehen nicht in die Schule. "Dreiviertel sind quasi im Homeoffice. Andere gesellschaftliche Bereiche erreichen die Quote nicht annähernd, darauf darf der Blick intensiv gerichtet werden", findet Tonne und stellt klar: "Wenn sich die Lage nach einem möglichen Ende des Lockdowns nachhaltig stabilisiert, dann können wir mittelfristig zu einem inzidenzbasierten Vorgehen zurückkommen. Wir möchten immer so viel Planbarkeit und Verlässlichkeit wie möglich schaffen."

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