Sipri-Jahresbericht : Corona-Krise könnte weltweite Aufrüstung verlangsamen

Begehrtes System: Start einer Patriot-Flugabwehrrakete. Die Weltgemeinschaft hat 2019 so stark aufgerüstet wie seit einem Jahrzehnt nicht mehr. Das geht aus dem Sipri-Jahresbericht hervor.
Begehrtes System: Start einer Patriot-Flugabwehrrakete. Die Weltgemeinschaft hat 2019 so stark aufgerüstet wie seit einem Jahrzehnt nicht mehr. Das geht aus dem Sipri-Jahresbericht hervor.

Im vergangenen Jahr sind die weltweiten Ausgaben für Waffen und militärische Dienstleistungen rekordmäßig gestiegen: auf fast 2000 Milliarden Dollar. Covid-19 wird den Boom bei der Rüstung nun aber wohl dämpfen. Nato und Sicherheitsexperten sind alarmiert.

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27. April 2020, 01:33 Uhr

Osnabrück | Seit fast einem Jahrzehnt hat die Weltgemeinschaft keine solche Steigerung bei der Rüstung gesehen: Im vergangenen Jahr gaben die Staaten 3,6 Prozent mehr für Waffen und militärische Dienstleistungen aus als 2018, nämlich 1917 Milliarden Dollar. Das geht aus dem Jahresbericht hervor, den das Stockholmer Friedensforschungsinstitut Sipri an diesem Montag vorstellen wird und der unserer Redaktion bereits vorliegt. Die Ausgaben entsprechen 2,2 Prozent der weltweiten Wirtschaftskraft - oder 249 Dollar pro Person.

"Das ist das höchste Ausgabenniveau seit der globalen Finanzkrise 2008 und stellt wahrscheinlich einen Ausgabenhöhepunkt dar", so die Sipri-Forscher. Denn die Corona-Pandemie wird wohl auch für den Verteidigungssektor nicht folgenlos bleiben.

Zahlreiche Ökonomen und die OECD gehen davon aus, dass die wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie und die kostspieligen Maßnahmen zur Bekämpfung des Virus die Folgen der Finanzkrise von 2008 übertreffen werden. Mittelfristig könnte sich das im Verteidigungssektor niederschlagen.

"Die schwerwiegenden sozioökonomischen Folgen könnten die europäischen Regierungen dazu verleiten, der sofortigen wirtschaftlichen Hilfe Vorrang vor langfristigen strategischen Sicherheits- und Verteidigungsüberlegungen einzuräumen", analysiert ein Team von Sicherheitsexperten der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik um Christian Mölling.

Der Kardinalfehler Europas bei der letzten Krise seien unkoordinierte Kürzungen der nationalen Verteidigung statt harmonisierter europäischer Entscheidungen gewesen: "Angesichts der sich abzeichnenden Haushaltskrise könnten die Regierungen versucht sein, genauso zu reagieren".

Auch Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg hat bereits gewarnt, der wirtschaftliche Abschwung könne einige Nato-Staaten angreifbarer und empfänglicher machen für den Verkauf kritischer Infrastruktur - langfristige Auswirkungen auf die Sicherheit der Länder nicht ausgeschlossen. "Und natürlich wird es Konsequenzen für den Haushalt geben", räumte Stoltenberg anlässlich eines Treffens der Nato-Verteidigungsminister ein. Beziffern will das aber noch niemand.

Tatsächlich haben sich die Nato-Staaten verpflichtet, bis 2024 zwei Prozent ihrer Wirtschaftskraft für Verteidigungsausgaben aufzuwenden. Selbst wenn sie daran festhielten, dürften wegen der Rezession infolge von Corona aber weniger Mittel für das Militär zur Verfügung stehen.

Im vergangenen Jahr jedoch waren die weltweiten Rüstungsausgaben noch üppig. Ganz vorn dabei: Deutschland. Die Rüstungsausgaben der Bundesrepublik stiegen unter den größten 15 Rüstungsnationen weltweit innerhalb der Jahresfrist am meisten: Von 2018 bis 2019 um rund zehn Prozent auf 49,3 Milliarden Dollar.

„Die deutlich erhöhten Rüstungsausgaben Deutschland lassen sich zum Teil mit der Auffassung erklären, dass Russland zu einer größeren Bedrohung geworden ist. Die meisten Nato-Länder sehen das ähnlich“, sagt Sipri-Forschungschef Peter Wezeman. Deutschland kommt nach Frankreich auf Platz sieben der größten Waffenkäufer der Welt.

Ganz vorn liegen weiter die USA. Deren Rüstungsausgaben stiegen im vergangenen Jahr um 5,3 Prozent auf insgesamt 732 Milliarden Dollar. Das entspricht mehr als einem Drittel aller weltweiten Rüstungsausgaben. „Die US-Aufrüstung hat vor allem damit zu tun, dass man dort annimmt, dass der Rüstungswettkampf zwischen den Großmächten zurück ist“, sagt Sipri-Forscher Wezemann.

China liegt nach den USA erstmals auf Platz zwei mit einer Steigerung von 5,1 Punkten auf 261 Milliarden Dollar. Damit haben sich Chinas Rüstungsausgaben innerhalb eines Jahrzehnts nahezu verdoppelt. Der regionale Rivale Indien liegt auf dem dritten Platz.

Das Land steigerte seine Militärausgaben auf 71,1 Milliarden Dollar. "Ausschlaggebend für Indiens höhere Waffenausgaben sind die Spannungen und Rivalitäten mit Pakistan und China“, sagt Wezeman. Es ist das erste Mal, dass zwei asiatische Länder gleichzeitig in den Top Fünf der größten Waffenkäufer vertreten sind.

Russland steigerte seine Waffenausgaben 2019 gegenüber dem Vorjahr um 4,5 Punkte auf 65,1 Milliarden Dollar und ist bei den Gesamtausgaben damit auf den vierten Platz abgerutscht, vor Saudi Arabien. Zusammen stehen die fünf Länder für 62 Prozent aller gekauften Rüstungsgüter weltweit.

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