Kandidatur für SPD-Vorsitz : Bewerbung gescheitert: Wie Böhmermann jetzt weitermachen will

Der Satiriker Jan Böhmermann scheiterte mit seiner Last-Minute-Kampagne #neustart19 an Papierkram.
Der Satiriker Jan Böhmermann scheiterte mit seiner Last-Minute-Kampagne #neustart19 an Papierkram.

Jan Böhmermann entschied spontan, sich für den SPD-Vorsitz zu bewerben. Aus dem Stand hat er es nicht geschafft.

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02. September 2019, 14:32 Uhr

Berlin | Die Frist für Bewerbungen um den SPD-Vorsitz ist um. Zuletzt hatten laut SPD acht Duos die Voraussetzungen für eine Kandidatur erfüllt. Und Jan Böhmermann? Der TV-Satiriker hatte kurzfristig seine Bewerbung angekündigt – ohne Parteimitglied zu sein – und scheiterte.

Am frühen Montagnachmittag veröffentlichte er eine Stellungnahme, in der er seine Niederlage einräumte. "Da gibt es nicht zu beschönigen, der gestrige Tag war ein schwarzer Tag für die deutsche Sozialdemokratie und mich persönlich." Er habe herausfinden wollen, ob es ein Nicht-SPD-Mitglied ohne Programm, ohne Netzwerk, ohne Mit-Kandidatin schafft, die Voraussetzungen für eine Kandidatur zu erfüllen. Es habe knapp nicht gereicht, sagte Böhmermann.

Die SPD und ich sind sich nicht einmal sicher, ob ich in den letzten drei Tagen Parteimitglied geworden bin. Jan Böhmermann am Montag


Wie Böhmermann jetzt weitermachen will

Er verglich die Sozialdemokratie mit dem Amazonas-Gebiet. "Mein neo-koloniales Vorpreschen zur Rettung der SPD mag die stolzen SPD-Ureinwohner verschreckt haben, aber die deutsche Sozialdemokratie darf nicht länger die Hilfe von außen verweigern", so der Satiritker. "Wir müssen die rote Lunge Deutschlands retten – ob sie will oder nicht."

Böhmermann kündigte an, seinen offiziellen Antrag auf eine Mitgliedschaft in der SPD nicht zurückzuziehen. Er prüfe nun mögliche rechtliche Schritte, sagte Böhmermann. "Wo ein Wille ist, auch ein Rechtsanwalt." Vor dem 16. September wolle er offizielles SPD-Mitglied in Köthen werden. Zudem rechne er damit, dass spätestens im Frühjahr 2020 eine neue SPD-Doppelspitze gesucht und gebraucht werde. Dann seien sein Team und er "noch besser vorbereitet – dann wird es klappen." In der nächsten Folge "Neo Magazin Royale" werde er seine gescheiterte Bewerbung noch einmal fürs Publikum analysieren.


Bewerbung in Satiresendung "Neo Magazin Royale"

Der Fernsehmoderator hatte am Donnerstag in seiner Sendung "Neo Magazin Royale" (ZDFneo) kurzfristig verkündet, dass er Bundesvorsitzender der SPD werden wolle. Danach begann er seine Kampagne #neustart19. Während viele seine Bewerbung mit Humor nahmen, zweifelten manche an der Ernsthaftigkeit der Aktion.


Böhmermann hatte bis Ablauf der Bewerbungsfrist etwa 70 Stunden Zeit – offenbar zu wenig. Denn um für den SPD-Vorsitz kandidieren zu können, muss ein Bewerber erstens SPD-Mitglied sein und zweitens genügend Unterstützer vorweisen können.

Heimischer Ortsverein lehnt Böhmermann als Mitglied ab

Der Herr kann machen, was er will, aber aufnehmen tun wir ihn nicht. Josef Wirges, Bezirksbürgermeister Köln-Ehrenfeld (SPD)


Bei Böhmermann haperte es schon bei der Grundvoraussetzung: Er war kein SPD-Mitglied. Der Ortsverein in seinem Heimatort Köln-Ehrenfeld erteilte ihm rasch eine Abfuhr. Bezirksbürgermeister Josef Wirges sagte, sollte Böhmermann bei ihm um die Aufnahme in die Partei bitten, werde er den Ehrenfelder Genossen sagen: "Der Herr kann machen, was er will, aber aufnehmen tun wir ihn nicht."

Böhmermann schien sich den Versuch gespart zu haben. So sagte Wirges später: "Nach meiner Kenntnis hat er beim Ortsverein Ehrenfeld keinen Antrag gestellt." Und selbst wenn, könne die Ehrenfelder SPD frühestens bei einer Sitzung am Montag darüber entscheiden – wenn die Bewerbungsfrist für den Parteivorsitz abgelaufen ist.


Ortsverein Köthen nimmt Böhmermann auf

Am Freitag klappte es mit dem Parteieintritt: Der Ortsverein Köthen nahm Böhmermann auf, bestätigte der SPD-Landesverband Sachsen-Anhalt am Samstag.


SPD-Mitgliedschaft unwirksam

Dies reiche jedoch formal nicht aus für eine Parteimitgliedschaft, weil der Moderator nicht in Köthen wohne, betonte der Sprecher der SPD Sachsen-Anhalt. Es gebe zwar Ausnahmemöglichkeiten, wenn beide Kreisverbände – also in diesem Fall Köthen und der Kreisverband des Heimatortes – beteiligt seien. Weil die Kölner jedoch offenbar nicht involviert wurden, sei die Aufnahme unwirksam.


Bloß Mitglied zu sein, reicht jedoch nicht, um sich um den Parteivorsitz zu bewerben. Mindestens fünf SPD-Unterbezirke, ein Bezirk oder ein Landesverband müssen sich förmlich für den Bewerber aussprechen. Böhmermann gab sich in der Hinsicht früh zuversichtlich. Am Freitag behauptete er in einem Live-Video in den sozialen Netzwerken, die Unterstützung von fünf SPD-Unterbezirken aus ganz Deutschland sicher zu haben.

"Jetzt geht es weiter: Wir brauchen eine mehr oder weniger qualifizierte Mitkandidatin (...) und dann noch die formell gültige Unterstützung der 5 Unterbezirke", schrieb Böhmermann daher am Samstag.

Böhmermann gesteht Niederlage ein

Am Sonntag twitterte Böhmermann kurz nach 18 Uhr, dass seine Kampagne "möglicherweise knapp nicht gereicht" hat.


Wie es andere Satiriker an die Macht schafften

Komiker in der Politik – dass das Konzept aufgehen kann, zeigen etwa Beppe Grillo und Wolodymyr Selenskyj. Der Satiriker Grillo gründete 2009 die Fünf-Sterne-Bewegung, die seit 2018 Italien mitregiert. Eine Showkarriere kann auch der amtierende ukrainische Präsident vorweisen. Selenskyj trat früher als Comedian im Fernsehen auf.

Was machten sie anders als Böhmermann? Zum einen starteten sie ihre Kampagnen nicht erst drei Tage vor Fristablauf, sondern Monate vorher. Zum anderen entfiel bei ihnen die Bitte um die Parteiaufnahme – sie gründeten einfach eigene: Grillo die Fünf-Sterne-Bewegung und Selenskyj die Sluha narodu ("Diener des Volkes").

Wie die SPD-Chef-Suche – ohne Böhmermann – weiter geht

Am Mittwoch, 4. September, starten in Saarbrücken 23 Regionalkonferenzen, bei denen sich die Bewerber der Basis und der Öffentlichkeit vorstellen. Dreyer sagte, sie freue sich über das Bewerberfeld und erwarte lebhafte Debatten über die besten politischen Ideen. Dann folgt eine Mitgliederbefragung. Schließlich soll ein SPD-Parteitag Anfang Dezember die siegreichen Bewerber formal bestätigen.

(mit dpa)

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