Kommentar : Automatisches Bremsen und mehr: Feuchte Träume für Kontrollfreaks

Tempolimit: Geht es nach der EU, bremst das Auto bald automatisch. Foto: Jens-Ulrich Koch/dpa
Tempolimit: Geht es nach der EU, bremst das Auto bald automatisch. Foto: Jens-Ulrich Koch/dpa

Die EU will allen Neuwagen einen breiten Fundus von Assistenzsystemen verordnen, inklusive des automatischen Bremsens, wenn das Auto ein Tempolimit erkennt. Helfen die Systeme eigentlich dem Fahrer? Oder den Kontrollfreaks? Jedenfalls geht es längst um mehr als nur um Technik. Ein Kommentar.

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01. April 2019, 16:58 Uhr

Schwerin | Jeder, der das Bett verlässt, setzt sich einem potenziell tödlichen Risiko aus. Das gesellschaftliche Bestreben, dieses zu reduzieren, hat zu vielen segensreichen Erfindungen und lebensrettenden Vorschriften geführt. Eine Errungenschaft der Zivilisation ist es aber auch, nicht alle denkbaren Mittel zur Erreichung eines gesellschaftlichen Ziels zu nutzen – auch dann nicht, wenn das Ziel nach allgemeiner Ansicht ein gutes ist. Die Würde des Einzelnen und seine Bürgerrechte sind unabdingbar, und zwar auch dann, wenn dies dem Staat oder anderen schadet.

Die Verführung, dies zu ignorieren, besteht fortlaufend. Das birgt die Gefahr, in ein totalitäres Denken abzugleiten. Alle Regime dieser Art wollten in der Geschichte aus ihrer Sicht das Gute und das Richtige. Sie stellten das Wohl der Gemeinschaft in jeder Dimension über das Recht des einzelnen und verletzen damit eben seine individuellen und unveräußerlichen Rechte. Den Weg einfach bestimmen - fertig. Freie Entscheidungen und Eigenverantwortung unterbinden - Schluss damit. Kritiker einsperren - Feierabend.

Kein Raum der Freiheit mehr

Klar ist: Das Auto der Zukunft ist kein Raum der bürgerlichen Freiheit mehr. Das Innenministerium hat kürzlich eher beiläufig klargestellt, dass Ermittler ein vernetztes Auto ohne Wissen des Besitzers hacken und die Informationen auslesen dürfen. Mit nur wenigen Klicks können die Insassen auch abgehört werden. Geschwindigkeit kann ebenso automatisch gemessen und gemeldet werden wie die Position und die Benutzung und Berechnung von Mautstrecken oder Parkplätzen.

Nun also auch die automatische Anpassung der Geschwindigkeit. Ja, es wird zu weniger Toten führen, wenn Automobile sich automatisch an Verkehrsschilder halten. Aber nein, man muss nicht alles als Fortschritt begrüßen, das in Summe auf das Ende von Freiheiten hinausläuft. Und ist es nicht auch eine Freiheit, Recht verletzen zu dürfen, wenn man denn die Konsequenzen trägt? Die Gesellschaft sollte wachsam sein. So logisch und nützlich jede neue Kontrolle auf den ersten Blick scheinen mag – die persönliche Freiheit und individuelle Verantwortung ist ebenfalls eine Dimension von Fortschritt, und zwar eine, die derzeit in Bedrängnis gerät.

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