Zwei Jahre nach Breitscheidplatz-Attentat : Anis Amri: Wie ein Kleinkrimineller zum Terroristen wurde

Zum 2. Jahrestag des Terroranschlags werden am Mahnmal in Berlin Kränze abgelegt.
Zum 2. Jahrestag des Terroranschlags werden am Mahnmal in Berlin Kränze abgelegt.

Das Attentat auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz in Berlin hat tiefe Wunden hinterlassen.

svz.de von
19. Dezember 2018, 12:20 Uhr

Berlin | "Mach für mich Bittgebete, bitte mein Lieber! Bete für mich!", sagt Anis Amri. Er verschickt die Sprachnachricht. Es ist der 19. Dezember 2016, 20.00 Uhr. Der Empfänger der Nachricht ist ein Landsmann, der sich im Ausland aufhält. Der Terrorist nennt sich Moadh Tounsi, "Moadh, der Tunesier". In den vergangenen Tagen hat er Amri in Berlin mit salafistischer Propaganda und Durchhalteparolen auf einen Terroranschlag eingestimmt. Der Plan geht auf: Amri fährt Sekunden nach dem Chat-Kontakt mit einem gestohlenen Lastwagen mitten auf einen Weihnachtsmarkt, wo Berliner und Touristen Geschenke kaufen, Glühwein trinken, Bratwurst essen.

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Aus den Sicherheitsbehörden heißt es kurz nach der Tat, man habe den ursprünglich als islamistischen Gefährder eingestuften Amri wohl aufgrund seines zeitweilig nicht sehr glaubensstrengen Verhaltens falsch eingeschätzt. Der abgelehnte Asylbewerber habe Drogen genommen und verkauft, in Kneipen abgehangen und Pornos angeschaut. So ein Lebensstil passe nicht zu einem religiösen Fanatiker, argumentieren die Beamten nach dem Anschlag.

"Hier gibt es Nacktheit und schwere Versuchung"

Doch das war schon damals eine unhaltbare These. Schließlich sind Widersprüche zwischen Anspruch und Wirklichkeit bei gewaltbereiten Salafisten keine Seltenheit. Der Al-Kaida-Terrorist Ziad Jarrah, einer der Flugzeugattentäter vom 11. September 2001, lebte in Deutschland in einem Studentenheim mit seiner Freundin zusammen. Terrorexperten wissen spätestens seit einem Blick auf die Lebensläufe der Attentäter in der Pariser Konzerthalle Bataclan, dass ein Vorleben als Kleinkrimineller kein Grund zur Entwarnung ist – eher im Gegenteil.

Einem mutmaßlichen Mitglied der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in Libyen, schreibt Amri am 15. April 2016: "Hier gibt es Nacktheit und schwere Versuchung." So steht es später in einem Bericht des Bundeskriminalamtes. In einem Telefonat mit seinem zeitweiligen Mitbewohner Khaled A. klagt Amri einige Wochen später, in Deutschland gebe es so viele "schlechte und unsittsame Menschen", weshalb er in die Heimat zurückkehren wolle. Hinter dem Gejammer steckt viel Heuchelei. Denn aus Amris Perspektive mag der westliche Lebensstil zwar als lasterhafte Freizügigkeit erscheinen. Das hält den Tunesier aber nicht davon ab, im Internet ständig Porno-Seiten aufzurufen.

Ein Terrorist auf Sinnsuche

In Amris Heimat ist Langzeitmachthaber Zine el Abidine Ben Ali 2011 gestürzt worden. Das hat den Menschen mehr Freiheit gebracht, aber kein Ende der hohen Jugendarbeitslosigkeit. An der Armut im Hinterland, aus dem Amri stammt, hat die Revolution nichts geändert. Zehntausende junge Tunesier verlassen in diesen Jahren das nordafrikanische Land. Ein Teil von ihnen kommt mit Schleppern nach Europa. Andere schließen sich dem IS an, im Nachbarland Libyen, im Irak oder in Syrien.

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Amri glaubt, er habe den falschen Weg gewählt. Er will seinem verpfuschten Leben einen neuen Sinn geben, indem er ins IS-Gebiet auswandert. Das ist der Weg, den Ashref A., ein Bekannter aus seinem Heimatort Oueslatia, gegangen ist, mit dem Amri Anfang Februar 2016 über den Messengerdienst Telegram kommuniziert. Doch der ermuntert ihn nicht, auch nach Libyen zu kommen. Vermutlich, weil ein potenzieller Attentäter in Deutschland für den IS wertvoller ist als noch ein Kämpfer in Nordafrika.

In Form von Stufen mit den Namen der zwölf Opfer wird an das Attentat erinnert.
Imago/Reiner Zensen
In Form von Stufen mit den Namen der zwölf Opfer wird an das Attentat erinnert.

Trotzdem versucht Amri Ende Juli 2016 Deutschland zu verlassen. Doch auch das misslingt ihm. Die deutsche Polizei holt ihn aus dem Fernbus, spricht ein Ausreiseverbot aus. Eine Abschiebung nach Tunesien scheitert – nach Angaben der Behörden an fehlenden Reisedokumenten. Über Umwege kehrt Amri nach Berlin zurück. Er nimmt Kokain, verkehrt in der Fussilet-Moschee. Einer seiner salafistischen Mentoren – der Hildesheimer Prediger Abu Walaa – wird Anfang November festgenommen. Ab Mitte November finden sich in seinem Internetverlauf keine Porno-Seiten mehr. Er surft fast nur noch auf Seiten mit Dschihadisten-Propaganda, schickt Geld an seine Familie in Tunesien. Mitte Dezember eröffnet ihm sein Vermieter, dass er ausziehen muss.

"So Gott will"

Kurz vor dem Anschlag geht Amri in die Fussilet-Moschee. In diesem Salafisten-Treffpunkt haben die Sicherheitsbehörden schon länger Informanten platziert. Amri ist vielleicht noch unsicher, obwohl er schon vor Tagen den Weihnachtsmarkt und das Ufer, an dem die Lastwagen parken, ausgekundschaftet hat. Bevor er das Tatfahrzeug stiehlt und den polnischen Fahrer Lukasz Urban erschießt, sucht er Beistand. Er schreibt an Moadh, den Tunesier: "Bleib in Kontakt mit mir." Der antwortet: "So Gott will." Was danach passiert, ist bekannt: Amri, der schon als Kind in Tunesien gelernt hat, wie man einen Lkw steuert, fährt in die Innenstadt. Mit vollem Tempo rast er zwischen die Buden auf dem Weihnachtsmarkt. Elf Menschen sterben. Über 70 Menschen werden verletzt.

Amri springt aus der Fahrerkabine und läuft weg. Vielleicht ist er selbst überrascht, dass er das Attentat überlebt hat. In der Logik des Terroristen ist der Anschlag eine Tat, die Gott milde stimmen soll. Womöglich hofft Amri, sich dadurch einen Platz im Paradies zu sichern – trotz seines sündigen Verhalten in der Vergangenheit. Vier Tage später wird er auf der Flucht nördlich von Mailand von der italienischen Polizei erschossen.

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